Erinnerungen an
 Rudolf Reinhardt

 
 
 

Erinnerungen an Rudolf Reinhardt

Rede von Paul Werner Wagner,
Vorsitzender der Emanuel Lasker Gesellschaft

Gehalten am 15. September 2006
auf der Trauerfeier in der Dorfkirche Alt-Buckow

Liebe Frau Reinhardt,
liebe Angehörige und Freunde des Verstorbenen,
liebe Trauergemeinde,

es fällt uns unendlich schwer, heute von einem Menschen Abschied zu nehmen, den wir geachtet, geschätzt, verehrt und geliebt haben.

Rudolf Reinhardt ist am 2. September 2006, genau fünf Monate vor seinem 70. Geburtstag, völlig überraschend und viel zu früh von uns gegangen.

Im Januar 2001 habe ich Rudolf Reinhardt zum ersten Mal getroffen. Er war Teilnehmer an der dreitägigen Internationalen Lasker Konferenz in Potsdam und Gründungsmitglied der Emanuel Lasker Gesellschaft.

Im Kreis der Laskerianer im Heimatmuseum von Laskers Geburtsort Berlinchen (Barlinek) im September 2003.

Seine Liebe zum Schach wurde früh geweckt. Sein mathematisches Interesse kam ihm dabei sehr entgegen. Mathematik und Schach basieren auf Logik und Kombinatorik, genauem Rechnen und präzisen Analysen.

Erfolge im Schach ließen nicht lange auf sich warten. Rudolf Reinhardt spielte beim Bielefelder Schachklub, wo er sich viel vom Meisterspieler Dr. Lachmann abschauen konnte. Mitte der 50er Jahre wurde Rolf, wie ihn seine Freunde nannten, Jugendmeister von Ostwestfalen.

In dieser Zeit fand er in Eberhard Letzner einen Schachfreund, der dann auch Mathematik studierte, später als Professor an der Freien Universität lehrte und wohl nicht ganz unschuldig war, dass Rudolf Reinhardt Innsbruck verließ und an die Freie Universität ging.

Rudolf Reinhardt wusste sehr genau, dass Schachbegabung allein nicht reicht, um vom Schach leben zu können. Nach dem Studium in Innsbruck und Berlin wurde er Lehrer für Mathematik und Physik.

Das Schachspiel blieb ihm ein treuer Begleiter. Er schloss sich dem Schachverein Lasker Steglitz an und nahm erfolgreich an den Berliner Mannschafts- und Einzelmeisterschaften teil. Viele Jahre spielte er auch Fernschach, fand Kontakt zu Schachfreunden aus aller Welt.

Im November 2004 bei Wolfgang Kamms Vorstellung der Tarrasch-Biographie.

Sein großes Interesse an Büchern war bereits in jungen Jahren angelegt. Und ein Schachbuch vermochte es, ihn derart zu fesseln, dass er nie mehr vom Autor loskommen konnte. Als junger Student ließ er sich die Neuausgabe des Buches „Mein System“ von Aaron Nimzowitsch zum Geburtstag schenken.

Das Meisterwerk der Schachliteratur hinerließ bei Rudolf Reinhardt einen unauslöschlichen Eindruck wegen seiner einzigartigen Bildsprache, seiner originellen Ideen und der neuartig anmutenden Auffassung von Schachstrategie.

Die Liebe zum Schach verschmolz mit der Liebe zum Buch und dem Interesse an Geschichte. Rudolf Reinhardt fing an, Schachliteratur zu sammeln.

Ein Leben lang sollte er sich immer wieder auf Entdeckungsreisen begeben in Antiquariate, Buchhandlungen, zu Sammlern, ja sogar in die Verlage selbst, um seltene, alte Schachbüchern und Zeitschriften zu finden, die ihm in seiner stetig wachsenden Sammlung noch fehlten.

Jahrestagung der Ken Whyld Association im September 2005 in Amsterdam.

Rudolf Reinhardt gehörte nicht zu jenen Sammlern, die ihre Schätze horten, den Überblick verlieren, ja oft gar nicht wissen, was sie haben und vor allem, wo sie es finden können.

Nein, ganz im Gegenteil, er arbeitete wissenschaftlich mit seinen Beständen, ordnete alles und wurde im Laufe der Jahrzehnte ein anerkannter Experte der Schachgeschichte. Er war weltweit einer der besten Kenner von Nimzowitsch.

Am 24. Januar und 25. Juni 2003 hielt er im Palais am Festungsgraben bei den monatlichen Treffen der Emanuel Lasker Gesellschaft einen zweiteiligen Vortrag über Aaron Nimzowitsch. Ausführlich beschrieb er Leben und Wirken des Schachmeisters und Schriftstellers, für den „Schach ein Spiegel des Lebens“ war. Die Vorträge waren exzellent, gespickt mit Annekdoten und Zitaten, die er humorvoll vorzutragen wusste. So nebenbei erfuhren wir auch, dass er zahlreiche Texte vom Dänischen ins Deutsche übertragen hatte.

Rudolf Reinhardt demonstriert eine Nimzowitsch-Partie.

Rudolf Reinhardt sprach über sein Vorhaben, möglichst alle noch nicht publizierten Partien des unvergesslichen Schachmeisters zu sammeln und in Buchform herauszugeben.

Bis zuletzt hat er daran intensiv gearbeitet und wenige Tage vor seinem Tod ein Vorwort verfasst.

In der Emanuel Lasker Gesellschaft und später auch in der Ken Whyld Association fand er Gleichgesinnte.

Beim Besuch der Ken Whyld Association in der Königlichen Bibliothek in den Haag , zusammen mit dem italienischen Schachhistoriker Alessando Sanvito (September 2005).

Rudolf Reinhardt war ein Mensch, der in sich ruhte, Ruhe ausstrahlte und dabei immer wieder seinen Humor erkennen ließ. Er war ein Mensch mit Bildung und einem sehr guten Gedächtnis. Weit über seine Spezialgebiete hinaus reichte sein Wissen. Reich war sein Fundus an Geschichten und Annekdoten.

Meine Sympathie für Rudolf Reinhardt wuchs, je länger ich ihn kannte, je besser ich kennen lernte. Er war ein angenehmer Gesprächspartner, der aufmerksam zuhören konnte. Geschätzt haben wir ihn alle, weil er immer hilfsbereit war. Brauchte man eine Auskunft, ein Buch, eine alte Zeitschrift oder einen Tipp, wo man suchen sollte, genügte ein Anruf bei ihm und sofort wurde geholfen.

Rudolf Reinhardt hütet den Stand der ELG beim Sommerfest des Jüdischen Museums (Juni 2005).

Er besaß eine Gabe, die heute sehr selten geworden ist: nämlich Geduld. Die eigentliche Wurzel der Geduld ist die Menschenliebe, aus der ein Verständnis für Mitmenschen erwächst.

Es gibt zahlreiche Fotos von den Abenden und Exkursionen der Emanuel Lasker Gesellschaft. Häufig ist Rudolf Reinhardt zu sehen, weil er, wenn es irgend ging immer da war. Sei es der Besuch der Gräber von Berthold und Paul Lasker auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee im Mai 2002, die Reise nach Barlinek, dem Geburtsort von Emanuel Lasker, im September 2003 oder das Wochenende in Bamberg im Juni 2004 mit dem Besuch der Philidor-Oper „Tom Jones“ – Herr und Frau Reinhardt waren dabei.

Gruppenfoto der ELG in der Opernpause.

Rudolf Reinhardt freute sich darüber, dass wir im Leuschnerdamm ein neues schönes Domizil finden konnten und endlich Gelegenheit hatten, eigene Ausstellungen zu präsentieren mit „Emanuel Lasker – Die Lust am Denken“ und „Schach und Musik“.

Er verstand es, kluge Fragen zu stellen und meldete sich immer nur zu Wort, wenn er etwas beizutragen hatte. Und er hatte oft etwas Substantielles beizutragen.

Beim Laskerabend im Gespräch mit Dr. Siegfried Augustat.

Heute nun müssen wir Abschied nehmen. Wir wollen alles dafür tun, dass möglichst bald sein Buch über Nimzowitsch erscheinen wird und sein Lebenswerk, die großartige Schachbibliothek, einen würdigen Platz findet und künftigen Schachhistorikern als Quelle dient.

Wir werden unseren lieben Schachfreund Rudolf Reinhardt nicht vergessen und ihm in der Emanuel Lasker Gesellschaft und in der Ken Whyld Association ein ehrendes Gedenken bewahren.

Am Grab von Berthold Lasker beim Besuch des Jüdischen Friedhofs Weißensee im Mai 2002.

Auch beim Aufräumen in Laskers Garten packte Rudolf Reinhardt tatkräftig mit an (Thyrow, August 2002).

Frau Reinhardt begleitete ihren Mann zu vielen Veranstaltungen von ELG und KWA. Dieses Bild entstand bei der KWA-Tagung (September 2005) im Amsterdamer Max Euwe-Zentrum.

 

aktualisiert: 28. September 2006