Das Spiel der Vernunft

 
 
 
 

Das Spiel der Vernunft

Freizeitbeschäftigung mit politischer Brisanz: Warum Schach die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft vertritt

von Alexander Remler

Johann Gottfried Schadows Schachclub, vor 200 Jahren in Berlin gegründet, war nicht nur der erste seiner Art in Deutschland - hier trafen sich die Aufklärer, um zu spielen und zu diskutieren. Mit Auswirkungen auf die Sitten und die politische Kultur.

Berlin, vor 200 Jahren. Es ist Sommer - und was für einer. Ein Jahrhundertsommer, würde man heute sagen. Damals aber hat man allgemein nicht so viel über das Wetter lamentiert, sondern die milden Abende für einen Spaziergang im Tiergarten, draußen vor den Toren der Stadt, genutzt. Manche Herren haben sich dort im Freien zu einer Partie Schach getroffen. Einem Spiel, das sich schon seit Jahren besonderer Beliebtheit erfreute. Und so waren die Schachspieler so sehr bei der Sache, dass es ihnen, wie die Neue Berlinische Monatsschrift vermerkt, „beim herannahenden Winter leid that, dass sie sich trennen sollten: und so entstand der Gedanke, einen etwas erweiterten Schachclub zu errichten.“

Wie schön. Dann wurde eben im Jahr 1803 der erste Schachklub in Deutschland gegründet. Aber interessiert uns das wirklich bis heute? Schon, jedenfalls wenn man weiß, dass die Gründung eines Klubs an sich schon ein Politikum war. Keineswegs ein „unbedeutendes Kränzchen“, schreibt Friedrich Gedicke, sondern ein Treffen mit „großem Einfluss auf die Bildung der Sitten und selbst auf die politische Verfassung“. Ein Schachklub galt als besonders verdächtig, schließlich wurde hier das bevorzugte Spiel der Aufklärung gespielt. Und so findet sich auf der Mitgliederliste kein einziger Militär. Dafür neben dem Bildhauer Gottfried Schadow weitere 138 Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben der Stadt: Juristen, Wissenschaftler und Pädagogen, wie eine Ausstellung in der Kunstbibliothek zeigt, die noch bis zum 16. November zu sehen ist.

Aber was hatten denn Aufklärung und Schachspiel eigentlich gemeinsam? Das erklärt uns Benjamin Franklin, der amerikanische Präsident, der auf die Voraussicht hinweist, die immer am schwierigsten sei, weil sie bedeute, dass man die Folge von Entscheidungen abschätzen kann. Die zweite Eigenschaft, so meint der Berliner Kunsthistoriker Hans Holländer, sei die Umsicht, denn der Spieler müsse stets das gesamte Brett im Auge behalten. „Dazu muss er Vorsicht walten lassen.“ Kurz: Wer Schach spielt, gibt zu erkennen, dass er den Wert dieser Eigenschaften anerkennt und sich bemühen will, sie zu erwerben.

Oder um es mit den Worten Johann Jakob Wilhelm Heinses zu sagen, der mit „Ardinghello und die glücklichen Inseln“ (1787) einen wichtigen utopischen Staatsroman schrieb: „Mich dünkt, das Schachspiel ist ein reizendes Bild des ganzen menschlichen Lebens. Man kann sich dabei alles vorstellen, wo Kampf und Überwindung sein muss. Am Anfange hat man freilich mit dem Spiele selbst zu viel zu schaffen, als dass man frei mit der Phantasie ausschweifen könnte; aber die Flügel regen sich bald bei himmlischen Geistern, und dann hemmt nichts mehr ihren leichten Flug.“

Beim Schachspiel gebe es keine Geheimnisse, meint Hans Holländer. „Das Spiel steht auf der Seite der Vernunft, des Verstandes, des Kalküls.“ Und so war es auch kein Zufall, dass Paragraph 15 der Satzung des damals wichtigsten Berliner Klubs, des Montagsklubs, besagte: „Außer dem Schachspiel wird kein Spiel in dem Klub geduldet.“ Mitglieder waren hier neben einem der wichtigsten deutschen Aufklärer, Gotthold Ephraim Lessing, weitere Prominente wie Johann Joachim Quantz und Christoph Friedrich Nicolai.

Bis vor kurzem waren von dem ältesten deutschen Schachklub nur das Stiftungsdatum und einige spätere Korrespondenz-Partien, zum Beispiel mit Breslau, bekannt. Außerdem eine Abschrift der Satzung. Aber nichts über die Akteure, die Mitglieder. Und nichts über das Leben und die Geschichte des Clubs. Das liegt vor allem daran, dass im Jahr 1827 ein zweiter Schachklub in Berlin gegründet wurde, der bald viel populärer und in sportlicher Hinsicht erfolgreicher wurde. Dieser Klub hat im Gedächtnis der Nachwelt eine breite, mit Daten, Fakten, Personen und Werken gepflasterte Spur hinterlassen. Von der Gründung des 24 Jahre älteren Klubs notiert Schadow, der die Quadriga auf dem Brandenburger Tor schuf, welche Aufgaben er als einer seiner Direktoren hatte, mit wem er dort zusammenkam, wie viele Partien er spielte. „Natürlich war Schadow nicht der Alleinherrscher, aber doch ein für den Geist und das intellektuelle Klima sehr bestimmendes Mitglied“, sagt Hans Holländer, der auch darauf hinweist, dass es in dem Klub keinerlei antisemitische Tendenzen gegeben habe - was „keine Selbstverständlichkeit“ gewesen sei.

Oft ging Schadow aber auch in seinen Klub, um dort die neuen Journale zu studieren. War der Schachclub schon wegen des Lesezimmers doch auch eine Lesegesellschaft. Besonders charakteristisch war das in den Jahren um 1806, als Napoleon das Tagesthema Nummer eins war. „Da ist er täglich in den Schachclub gegangen, um von seinen Freunden erfahren, wie es steht“, so Hans Holländer. Da war der Klub vor allem eine Nachrichtenzentrale, wo sich Gleichgesinnte trafen, um Informationen auszutauschen. „Die gesellschaftliche Funktion des Klubs lief nicht nur nebenher, das konnte zeitweilig sogar die Hauptsache sein.“ Besonders in den chaotischen Zeiten war es wohl besser, wenn man wusste, man ist unter sich.

Ausstellung „Schadows Schachclub“, Kunstbibliothek, Matthäikirchplatz, Tiergarten. Bis 16. 11., Di - Fr 10 - 18 Uhr, Sa - So 11 - 18 Uhr.

(erschienen in der Berliner Morgenpost am 2. November 2003)

 

aktualisiert: 11. Januar 2004