VII. Symposium der
  Initiativgruppe Königstein

 
 
 
 

Das VII. Symposium der Initiativgruppe Königstein
Berlin Oktober 2003

von Egbert Meissenburg -
Fotos von Michael Negele und Egbert Meissenburg

Der strahlende Sonntagmorgen: Die Teilnehmer vor dem Eingang zur Kunstbibliothek
Der strahlende Sonntagmorgen:
Die Teilnehmer vor dem Eingang zur Kunstbibliothek

Bereits zum siebenten Mal seit 1991 trafen sich die Schachhistoriker in der INITIATIVGRUPPE KÖNIGSTEIN und deren Gäste – dieses Mal vom 17. bis 19. Oktober 2003 in Berlin. Hamburg im Jahre 1999 und Amsterdam im Jahre 2001 waren die Tagungsorte für die beiden zeitlich davor liegenden Symposien gewesen. Berlin war ausgewählt worden, um auch die Besichtigung einer Ausstellung zu ermöglichen, die Hans und Barbara Holländer in akribischer langjähriger, auf Spurensuche in Berliner Archiven beruhender Arbeit vorbereitet und inhaltlich gestaltet hatten und die den 200. Gründungstag des ältesten Schachklubs Deutschlands betraf. Die Initiatoren hatten ihn „Schadows Schachclub“ genannt. Diese Ausstellung war zugleich eine Hommage an die kulturelle Landschaft des preußischen Berlins im frühen 19. Jahrhundert. Der Bezug zu Schadow wurde, obwohl in der Literatur lediglich von dem „Club“, dem „Alten Club“ [im Gegensatz zu der 1827 gegründeten „Schach-Gesellschaft“] oder „Schach-Klub“ die Rede gewesen ist, deshalb hergestellt und ehrend hervorgehoben, weil der Bildhauer Johann Gottfried Schadow (1764-1850) diesen „Club“ - „Schach-Klub“ - 1803 wahrscheinlich nicht initiiert, jedoch mit Energie und Tatkraft bis 1847 aufrechterhalten hatte.

Die Ausstellung, über die nicht nur in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und in den Schachzeitschriften berichtet worden ist, gab denn auch für das schachgeschichtliche Treffen einen würdigen Rahmen. Der Vortragssaal der Kunstbibliothek/des Kunstgewerbemuseums am Matthäikirchplatz (Kulturforum) konnte, nur einen kleinen Fußweg von dem Scharon-Bau der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz entfernt, durch das Entgegenkommen des Direktors der Kunstbibliothek, Prof. Evers, mit allen Bequemlichkeiten, die die moderne Technik bot, aufgrund der Vermittlung von Frau Holländer für die Vorträge dankend benutzt werden. Für das Treffen hatte auch die in Berlin ansässige Emanuel Lasker Gesellschaft, bei der die INITIATIVGRUPPE KÖNIGSTEIN bereits im März 2003 zu Gast gewesen war, durch Internet-Präsentation geworben, so dass mit den teilweise mehr als 30 Teilnehmern ein interessiertes Auditorium begrüßt werden konnte.

Der engere schachgeschichtliche Kreis wurde repräsentiert unter anderem durch unsere Freunde GM Jurij Averbach und Schachhistorien-Großmeister und Nestor der Schachhistoriker Dr. Isaak Linder, die beide aus Moskau eingeflogen waren, und Koichi Masukawa, den bedeutendsten Erforscher des japanischen Shogi, aus Japan. Er hatte einen jungen Kollegen aus seinem Heimatland zu dem Symposium mitgebracht, Herrn Shimizu, der als Archäologe schachgeschichtliche Details aus japanischen und chinesischen Quellen analysierte. Von ihren Beiträgen wird nachfolgend noch die Rede sein.

Von weit her gereist waren auch Myron J. Samsin aus Kanada sowie der Wissenschaftpublizist David Shenk aus New York, der die Berlin-Reise dann noch mit einem Besuch in Ströbeck verband. Der Damespiel-Forscher Arie van der Stoep aus den Niederlanden und die Indologin PD Dr. Maria Schetelich konnten ebenfalls erstmalig in dem Kreis der Schachgeschichtsforscher begrüßt werden.

Das IGK-Treffen war dem Gedenken zweier von uns gegangener Schachhistoriker gewidmet: Dr. Ricardo Calvo war im September 2002 verstorben und wir hatten die Ehre, seine Witwe Carmen unter uns begrüßen zu können; Kenneth Whyld war im Juli 2003 von uns gegangen.

Der Zeitplan war dieses Mal nicht so gedrängt wie in Amsterdam 2001, als es dort im Max Euwe-Centrum auch möglich gewesen war, den in der Planung vorgesehenen Zeitrahmen um einiges zu überziehen (was ja, wenn sich angeregte Diskussionen entwickeln, im Interesse der Sache notwendig ist). Aber auch in Berlin blieb genügend Zeit und Gelegenheit zur Diskussion, zum näheren Kennenlernen, zum freundschaftlichen Austausch auch bei den beiden gemeinschaftlichen Abendessen, zu weiteren Begegnungen im Hotel. Die Kongreß-Sprachen waren deutsch und englisch. Vielen von uns war ja die Zweisprachigkeit schon geläufig. So wurde vor allem zur Erleichterung der anwesenden Schachhistoriker, die der deutschen Sprache nicht hinreichend mächtig waren, nicht nur gelegentlich aus dem Deutschen ins Englische gewechselt. Als Wegweiser durch das VII. IGK-Symposium diente das von Egbert Meissenburg zweisprachig gestaltete Programmheft mit den Abstrakts und mehreren Abhandlungen (40 Seiten).

Der erste Tag des Symposiums - Freitag - sah zuerst die Führung durch die Ausstellung „Schadows Schachclub“ vor. Hier konnte Hans Holländer seine Ideen, seine mit der Ausstellung verbundenen Arbeits- und Vorgehensweisen beredt vortragen, während die Anwesenden den klugen, didaktisch geschickten Aufbau der Ausstellung anhand seiner Erläuterungen bewundern und Einblicke in die kulturellen und sozialen Bezüge der Honoratioren-Gesellschaft der Berliner Spätaufklärung nehmen konnten. Danach wechselten die Anwesenden in das Kunstgewerbemuseum über, wo in der Dauerausstellung Schach- und Damespielbretter neben einem Kunstschrank in das historisch-künstlerische Kolorit einzubeziehen waren. Nach einer kurzen Ruhepause war jedoch für die Schachhistoriker, die Mitarbeiter an der NEW HISTORY OF CHESS sind, der Schachtag noch nicht zu Ende: 7 Beteiligte setzten sich - nach dem zweitägigen Arbeitstreffen im März 2003 nunmehr wiederum in Berlin, wie auch schon Ende des Jahres 2002 - ein weiteres Mal zusammen. Gegenstand des gut einstündigen Austausches waren im wesentlichen der Stand der Vorbereitungen bei den einzelnen Beiträgen und die technischen Details für den Druck der NHC.

Am Samstag begann dann die eigentliche Arbeitssitzung. Am Vor- und Nachmittag standen insgesamt 11 Vorträge auf dem Programm. Für dessen Strukturierung war nicht nur der zeitliche Rahmen, den die Ausstellung “Schadows Schachclub“ vorgegeben hatte, sondern auch der Referate-Wunsch der Teilnehmer maßgeblich. Zuvörderst wurde jedoch der schachgeschichtlichen Verdienste der beiden Schachhistoriker gedacht, die der INITIATIVGRUPPE KÖNIGSTEIN eng und bedeutsam verbunden gewesen waren. Carmen Romeo Perez, die Witwe von Ricardo Calvo (in der ROCHADE EUROPA 2002 hatte ich einen Nachruf auf Ricardo geschrieben), berichtete über die letzten von großer menschlicher Tragik überschatteten Pläne ihres Gatten, eine umfassende Geschichte des Schachspiels zu schreiben. Der Tod hatte Ricardo noch vor vollständiger Fertigstellung des Manuskripts gleichsam die Feder aus der Hand genommen. Die posthume Laudatio auf Kenneth Whyld hielt Ernst Strouhal (Wien): Ken wusste viel und gab sein Kenntnisse gern weiter - seine Art, an die Schachgeschichte heranzugehen, war präzise und quellenkritisch. Auch Dr. Isaak Linder (Moskau) gedachte der beiden Freunde, ehe er sich dem Thema „Philidor und die ersten russischen Meister“ zuwandte. A. D. Petrow und Carl Friedrich Jaenisch wurden in ihrer Bedeutung für die Geschichte des Kombinationsspiels und der Eröffnungstheorie gewürdigt. Mit einem First im schachgeschichtlichen Rahmen wartete dann Susanna Poldauf-Klünder (Berlin) auf. Im Anschluß an ihren weit vor- und weit zurückgreifenden Vortrag zu dem Thema „Philidor in Berlin“ brachte sie - wir fühlten uns von Klängen umhüllt wie in einem Konzertsaal - eine von einer französischen Sopranistin gesungene Arie aus einer der Opern Philidors den Anwesenden zu Gehör. Ich überlegte: War Philidor nun als Komponist besser denn als Schachspieler oder war es umgekehrt!? Arie van der Stoep aus den Niederlanden, mit einem Thema zur Etymologie des Damespiels promovierter Damespiel-Historiker, referierte zu seiner These, dass im 18. Jahrhundert in Frankreich und in den Niederlanden das Damespiels (draughts) in erheblichem Umfange die Terminologie des Schachspiels beeinflusst habe. GM Jurij Averbach gab dann den Überblick „To the History of Chess Endings“. Jurij sprach völlig frei und demonstrierte bildhaft-verständlich am Demo-Brett. Er entwickelte die Theorie der Endspiele anhand von ausgewählten Beispielen von Polerio, Salvio, Greco, Stamma, Del Rio, Cozio, Ponziani bis zu den Endspiel-Heroen des 19. Jahrhunderts. Die Schnelligkeit der Analyse eines Großmeisters überraschte immer wieder - und auch GM Wolfgang Unzicker, der anwesend war, zeigte bei der Analyse sein großes Können. Nach der Mittagspause stellte David Shenk (Brooklyn, N.Y.) das Schachspiel in den Rahmen eines metamophorischen Gedankenspiels (thought tool) durch die Jahrhunderte, beginnend mit der sog. Innocent Morality, um letztendlich über Wittgenstein, Duchamp, Nabokov den Kreis zu dem Nobelpreisträger Herbert A. Simon und dessen Weggenossen Allen Newell zu schließen. Mit Myron J. Samsin kam dann ein Schachhistoriker zu Wort, der sich mit einem forschungstheoretischen Thema befasste: Während sich die Methoden, die frühe Schachgeschichte zu analysieren, bislang im wesentlichen auf literarische und/oder archäologische Grundlagen stützen, ging es ihm darum, darzutun, welche Vorteile eine komparatistisch-linguistische Methode der Erkenntnisgewinnung für die frühe Schachgeschichte habe. Yasuji Shimizu (Japan), auch des Chinesischen mächtig, stellte, im wesentlichen basierend auf Grabungen in China, als Archäologe das Figuren-Material für das chinesische Schach aus der Song-Dynastie (960-1279) zusammen: Die Steine sind nicht nur als Spielfiguren verwandt worden, sondern hätten auch zu magischen Zwecken benutzt werden können. Koichi Masukawa, der beim Abendessen lebhaft erzählte, wie er seine erstaunlichen Deutschkenntnisse erworben hatte, referierte anschließend in deutscher Sprache über „Die Unterschiede zwischen japanischem und chinesischem Schach“. Nach Japan sei das Schachspiel in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts direkt von Indien über Süd-Ost-Asien gelangt. Maria Schetelich, die in Leipzig lehrende Indologin, entwickelte in dem letzten Samstag-Vortrag lebendig und kenntnisreich einen weitgreifenden Überblick über die in Indien entstandenen Schachtexte aus dem 12. bis 19. Jahrhundert. Ihr Hauptaugenmerk waren Überlegungen zur örtlichen Entstehung derartiger Texte (die geographische Komponente) und zu der Einbettung der Schachtermini in diese Texte (die erweiterte inhaltliche [m.E. bislang doch sehr vernachlässigte] Analyse).

Gestärkt durch eine ausreichende Nachtruhe und ein gutes Hotel-Frühstück fanden sich die Schachhistoriker dann am Sonntag leicht verspätet zu der Abschlusssitzung zusammen. Überlegung: Das Gruppenfoto !! – es war zuvor in der Geschäftigkeit des schachgeschichtlichen Organisationsablaufs fast in Vergessenheit geraten – das war nachzuholen. Arie van der Stoep referierte in seinem zweiten Vortrag seine These von dem linguistischen Einfluss des Damespiels auf das Schachspiel nunmehr in Bezug auf die Entstehung der „neuen“ weitreichenden Dame. Eine lebendige Diskussion schloss sich mit divergierenden Standpunkten an. Ernst Strouhal brachte die Gegenmeinung auf den Punkt: Die Schachhistoriker würden bei den Fragen um die Entstehung des Neuschachs nicht von einer punktuellen Betrachtung auf der Grundlage einzelner Worte ausgehen, sondern ihr Ergebnis durch eine Gesamtschau aller relevanten Umstände herbeiführen. F. R. van der Vliet (den Haag) hatte für seinen alsdann folgenden Vortrag das Thema „Emanuel Lasker. The First Chess Businessman“ ausgewählt. Auch diesem Vortrag folgte eine lebendige Diskussion, an der sich auch die GM Averbach und Unzicker beteiligten. Dimitry Gorodins Vortrag „Schachspieler ausländischer Herkunft in Russland bis 1850“ befasste sich mit einer Vielzahl von Namen, deren Träger vor dem Londoner Turnier 1851 für zaristische Russland von das Schachspiel fördernder Bedeutung waren.

Drei interessante und wichtige Tage in dem „neuen“ Berlin, dessen städtebaulichen Akzente immer wieder überraschten, lagen hinter den Schachhistorikern. Die Vorträge hatten nicht nur die weit gestreute Palette von Themen, an denen die Schachgeschichtsforscher in der IGK arbeiten, gezeigt, es war auch die Unterschiedlichkeit der Charaktere, der Interessen und der Profile zum Ausdruck gekommen. Diese willkommene Unterschiedlichkeit und Vielfalt soll und wird auch weiter aufrechterhalten bleiben - „Denkverbote“ sind in der IGK fehl am Platz. Für das nächste Symposium sind bereits zwei Tagungsorte angedacht worden. Und ich verrate kein Geheimnis, wenn einer der Teilnehmer in Berlin sich schon jetzt für das nächste IGK-Treffen gleichsam anmeldete. Ich bin mir auch sicher: Er wird nicht der einzige bleiben.

Ein Spiel der Vernunft - zur Ausstellung „Schadows Schachclub“
Ein Spiel der Vernunft - zur Ausstellung „Schadows Schachclub“

In Aufmerksamkeit: David Shenk, Koichi Masukawa, Yasumi Shimizu
In Aufmerksamkeit: David Shenk, Koichi Masukawa, Yasumi Shimizu

In Eintracht: GM Jurij Averbach, PD Dr. Maria Schetelich, GM der Schachhistorie Dr. Isaak M. Linder
In Eintracht: GM Jurij Averbach, PD Dr. Maria Schetelich,
GM der Schachhistorie Dr. Isaak M. Linder

(erschienen in Rochade Europa, Nr. 1, 2004, S. 33-34)

 

aktualisiert: 25. Januar 2004