Entscheidungspartien

 
 
 

Entscheidungspartien

Schach als Kampf: Lasker

Johannes Fischer

Auch wenn es ein mittlerweile ein Gemeinplatz und dementsprechend trivial ist, so sei es an dieser Stelle noch einmal betont: Entscheidungspartien werden vor allem durch psychologische Faktoren entschieden. Es kommt darauf an, die richtige Einstellung zu sich selbst, zum Gegner und zur Situation zu finden. Grund genug, sich mit dem Schachspieler zu beschäftigen, dem allgemein das Verdienst zugesprochen wird, die Psychologie in das Schach gebracht zu haben: Emanuel Lasker.

Psychologie hin oder her, die Meinungen über die schachlichen Fähigkeiten Emanuel Laskers gehen auseinander. So fällte der junge Bobby Fischer in seiner berühmten Liste der zehn größten Meister in der Geschichte des Schachs das folgende, vernichtende Urteil: "Ein Kaffeehausspieler: Lasker hatte von der Eröffnung keine Ahnung und verstand nichts vom positionellen Spiel."[1]

Trotz so vernichtender Urteile sprechen die Zahlen deutlich für Lasker: nicht nur hatte er den Weltmeistertitel länger als jeder andere Weltmeister vor oder nach ihm inne (27 Jahre, von 1894 bis 1921) auch seine Erfolgsbilanz ist beeindruckend. Die englische Ausgabe seines Lehrbuch des Schachspiels gibt an, daß er von 325 Turnierpartien 192 gewonnen, 99 remis gemacht und nur 34 verloren hätte. In Wettkämpfen errang er aus 194 gespielten Partien 106 Siege, 65 Unentschieden und verlor lediglich 23 Partien.[2] In der Tat gewann Lasker fast alle Turniere, an denen er teilnahm und auch die meisten seiner Wettkämpfe. Darüber hinaus bewahrte er sich seine Spielstärke bis ins hohe Alter und konnte mit weit über sechzig noch mit den damals stärksten Schachspielern der Welt mithalten.

Laskers Spielstil und seine Erfolge waren jedoch vielen seiner Zeitgenossen ein Rätsel: stand er doch oft genug schlecht bzw. auf Verlust und gewann dann am Ende dennoch. Stellvertretend für viele schreibt Reti über Lasker: "Als ich Laskers Turnierpartien studierte, erkannte ich, daß er ein dauerndes, zunächst unbegreiflich erscheinendes Glück hat. Es gibt Turniere, in denen er Erster war, fast alle Partien gewann, aber ungefähr in jeder zweiten Partie auf Verlust stand, so daß manche Meister von einem hypnotischen Einfluß Laskers auf seine Gegner sprachen. Was ist die Wahrheit? [...] Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache: Lasker legt Partien immer wieder schlecht an, kommt hundertmal in Verluststellung und gewinnt doch. Die Hypothese dauernden Glücks ist zu unwahrscheinlich. Ein Mann, der dauernd solche Erfolge erringt, muß eine überraschende Kraft besitzen."[3]

Diese "überraschende Kraft" sah Réti nun in Laskers psychologischem Geschick. Als einer der ersten betrieb Lasker eine systematische Vorbereitung auf seine Gegner, um so ein Bild ihrer Stärken und Schwächen, ihrer Vorlieben und Abneigungen zu erhalten. Dementsprechend legte er dann die Partie an.

Lasker begriff eine Schachpartie nicht als die jeweilige Suche nach dem besten Zug sondern als Kampf, als eine Auseinandersetzung zweier Individuen. Dementsprechend suchte er in einer Partie auch nicht nach dem "objektiv" stärksten, sondern nach dem für den Gegner unangenehmsten Zug. "Gegen Janowski ein Fehler, gegen Tarrasch stark" lautete ein für ihn charakteristischer Ausspruch.

Ebenso beschränkte Lasker diese Auseindersetzung nicht allein auf das Schachbrett. Vor Wettkämpfen scheute er sich beispielsweise durchaus nicht die Stimmung und das öffentliche Interesse durch deutliche und selbstbewußte Worte aufzuheizen. Der Weltmeisterschaftskampf zwischen Lasker und Tarrasch aus dem Jahre 1908 liefert einige beredte Beispiele für diese Taktik.

Dieser Wettkampf hatte eine sehr lange Vorgeschichte, deren Beginn sich vielleicht auf das Jahr 1892 legen läßt. In diesem Jahr forderte der noch sehr junge Lasker in charakteristisch selbstbewußter Manier den berühmten und angesehenen Dr. Tarrasch zu einem Wettkampf heraus. Diese Herausforderung wurde von Tarrasch - und auch das war wohl leider typisch - in hochfahrender und arroganter Manier abgelehnt.

Lasker ließ sich dadurch nicht entmutigen: er fuhr nach Amerika, wo der amtierende Weltmeister Steinitz lebte und nachdem er durch Siege in einigen Turnieren seinen Anspruch untermauert hatte, forderte er Steinitz direkt zu einem Wettkampf heraus. Der Wettkampf wurde in verschiedenen Städten der USA ausgetragen und der erst 26-jährige Lasker kam mit diesen Strapazen deutlich besser zurecht als der alternde Steinitz und gewann 10:5 bei vier Remisen.

Man kann sich vorstellen, daß das Verhältnis zwischen Tarrasch und Lasker dadurch nicht gerade besser wurde. Und obwohl ein Wettkampf zwischen den beiden immer mal wieder ins Gespräch gebracht wurde, kam er erst 1908 zustande. Zu groß waren die gegenseitigen Animositäten aufgrund verletzter Eitelkeiten, finanzieller Erwägungen und unerfüllter Forderungen.

Das ohnehin schon große Interesse an diesem Wettkampf wurde durch die markigen Sprüche Laskers und Tarraschs noch weiter aufgeheizt. Hier ein besonders prägnantes Beispiel von Laskers Seite; rhetorisch geschickt beginnt er zurückhaltend, um dann um so vernichtender vom Leder zu ziehen: "Persönliche Bemerkungen sind nicht meine Gewohnheit. Provozirt (sic) oder nicht, ich habe es mir zur Regel gemacht, mich ihrer zu enthalten. Nur die Überzeugung, daß der Zeitpunkt gekommen ist, wo klare Unterscheidungen aller Punkte wichtiger sind, als Fragen bloßer Eitelkeit, haben mich veranlaßt, auch Bemerkungen niederzuschreiben, in denen das persönliche Element eine bedeutende Rolle spielt. [...].

Dr. Tarraschs Stärke oder Schwäche, wenn man will, ist seine prononcierte Eigenliebe. Ohne sie wäre er nur ein sehr mittelmäßiger Schachspieler geworden. [...] Seine Eigenliebe ist so groß, daß er sich auf irgendeinem Gebiet auszeichnen mußte. Das Schachspiel bot ihm das geeignete Feld und er liebt am Schach hauptsächlich nur sein eigenes Schachspiel. Er hat zwei Schachbücher geschrieben und schreibt jetzt ein drittes, alle über sich selbst, seine Siege, seine Meinungen, sein Leben, seine Laufbahn. [...]

Auf der ganzen Erde gibt es keine von irgend wem - außer Dr. Tarrasch selbst - gespielte Partie, in der er nicht einen Fehler oder einen schnelleren Weg zum Gewinne oder irgendeine Verbesserung fände. [...]

In seinem Privatleben ist er, wie viele deutsche der besseren Klassen, 'immer' korrekt. Korrekt heißt in Deutschland die Haltung eines Mannes, dessen Benehmen nach dem Urteile seiner Nachbarn seiner Stellung angemessen ist. Um korrekt zu sein, muß man sich der Meinung der anderen anpassen; man darf keine eigenen moralischen oder ethischen Grundsätze haben, sondern muß die der Umgebung annehmen."[4]

Wie man sieht, ist die öffentliche Verunglimpfung und Herabsetzung des Gegners keineswegs eine Erfindung moderner und zeitgenössischer Schachspieler. Lasker gewann den Wettkampf übrigens klar und deutlich mit 8 - 3 bei fünf Remisen.

Diese ganz spezielle Art der Wettkampfvorbereitung entspricht ebenso wie sein gesamter Schachstil Laskers Lebensphilosophie des Kampfes, die er in philosophischen Schriften "weltgültig" darlegen wollte. Bescheidenheit war Laskers Sache nicht und dementsprechend war er überzeugt mit seinen philosophischen Schriften wesentlich zur Lösung tiefgreifender Probleme der Menschheit beitragen zu können - ein Optimismus, der in seiner Unbedarftheit fast schon an Größenwahn grenzt. Werner Harenberg urteilt über die Bedeutung Laskers als Philosoph sehr viel nüchterner: "Seine Philosophie, so glaubte und schrieb Lasker, werde 'gewißlich einmal von aller Welt gekannt und geschätzt sein'. Er nannte Napoleon, Steinitz und sich selbst in einem Atemzuge, als er voraussagte: 'Die Kampftheorie, von Männern wie Machiavelli, Napoleon, Clausewitz vorausgeahnt, von Steinitz auf dem Schachbrett präzise gestaltet, von einigen Philosophen sehnsüchtig erstrebt, von mir philosophisch, also weltgültig hingestellt, wird in das Leben der Menschheit sehr tief eingreifen.'

Diese Wirkung blieb aus. Weder folgten ihr die gebildeten Laien, an die er sich wandte, noch empörte sich die Fachwelt, wie er vermutet hatte. Sie maß seinen Büchern und Vorträgen keine Bedeutung bei. So berichtet Gershom Sholem von einem Gespräch mit Walter Benjamin, bei dem er sich über 'die völlige Inhaltslosigkeit' eines philosophischen Vortrages beklagte, den Lasker 1919 in Wien gehalten hatte."[5]

Aber Lasker versuchte sich nicht nur als Philosoph: seinen Doktortitel errang er in Mathematik, er schrieb zusammen mit seinem Bruder Berthold, dem Mann der bekannten Lyrikerin Else Lasker-Schüler ein gedankenschweres und anspruchsvolles Theaterstück, er veröffentlichte Bücher und Abhandlungen über Brett- und Kartenspiele, mathematische Probleme, er spielte per Post Go mit japanischen Meistern und versuchte sich als Bridgespieler und Lehrer. Zudem entwickelte er ein eigenes Spiel, das er Lasca nannte.

Trotz seiner weitgestreuten Interessen war Lasker eigentlich nur auf dem Gebiete des Schachs anhaltender Erfolg und Anerkennung beschieden - allerdings verhalf ihm seine Vielseitigkeit vermutlich Niederlagen im Schach besser zu verkraften.

Was hat all dies nun aber mit Entscheidungspartien zu tun? Meiner Ansicht nach verkörperte Lasker eine Reihe von Eigenschaften, die gute Voraussetzungen für sportlichen Erfolg sind, und die es ihm erlaubten, gerade in entscheidenden Momenten sein bestes Schach zu spielen: Zuerst einmal verfügte Lasker über einen unbedingten, unerschütterlichen Glauben an sich selbst, seine Überzeugungen und seine Fähigkeiten. Seine Herausforderung an Tarrasch und Steinitz in jungen Jahren zeigen dies ebenso wie seine Selbsteinschätzung als Philosoph.

Seine Vielseitigkeit erlaubte ihm zugleich eine gewisse Distanz zu seinen Niederlagen, d.h. er hatte keine Angst zu verlieren. Eine Niederlage war zwar schmerzhaft und unangenehm, aber dennoch kein Weltuntergang. Dennoch konnte sich auf wichtige Partien und Wettkämpfe voll konzentrieren und einstellen. Ja, aus allen seinen Schriften und seiner Philosophie des Kampfes wird ein großer Genuß an Auseinandersetzungen spürbar. Mit anderen Worten: Lasker wurde angesichts wichtiger Partien zwar auch nervös und unruhig, aber ebenso genoß er die dadurch geforderte Anspannung aller Kräfte.

Er hatte Spaß an der Herausforderung und keine Angst vor dem Versagen. Dies zeigt sich vielleicht deutlicher als anderswo an seiner Einstellung zur Verteidigung. Laskers Fähigkeit zur Verteidigung schlechter Stellungen ist legendär und die Partien, die er aus schlechteren Stellungen heraus noch remis gehalten bzw. gewonnen hat, sind Legion. Lasker verstand die Verteidigung schlechter Stellungen erklärtermaßen als eine positive Aufgabe, der er sich mit Freude und Genuß widmete.

Als Pragmatiker und Berufsschachspieler war Lasker am Erfolg und an den Ergebnissen orientiert. Er wollte gewinnen und hatte stets eine klare und eindeutige Vorstellung seiner sportlichen Ziele. Wie Laskers Ausführungen über die möglichen "Hamlets des Schachspiels" deutlich machen, gibt es bei ihm in Bezug auf Erfolg und Mißerfolg sehr wenig Sympathie und Mitgefühl für tragisch gescheiterte Helden: "Das Gefühl des Künstlers veranlaßt einen Spieler mitunter, Zweifel zu hegen, unentschlossen zu sein, sich in einen Hamlet des Schachbretts zu verwandeln. Es wäre interessant zu wissen, ob Hamlet Schach spielte. Nach seinem Charakter zu schließen, ist das durchaus wahrscheinlich. Wenn er denn spielte, so ganz bestimmt schwach. Und dies, obwohl sein Spiel voller schöpferischer Phantasie und dem Bestreben gewesen wäre, einen besseren Zug als einen gewöhnlichen zu machen, was so oft schlechte Züge zur Folge hat.

Die Hamlets des Schachbretts sind nicht zu zählen. Tief in komplizierteste Kombinationen versunken, verlieren sie sich meist in Spitzfindigkeiten und Fallen, lassen sie sich von Ideen faszinieren, die so fein und raffiniert sind, daß sie ihre Lebensfähigkeit einbüßen. Und plötzlich versetzt ihnen das Schicksal einen Schlag des alltäglichen gesunden Menschenverstandes, werden sie aus allen Träumen gerissen."[6]

Aus diesen Worten spricht eine sehr klare Einstellung zum Erfolg: Lasker wollte gewinnen, er brauchte als Berufsspieler Erfolge im Schach zur Finanzierung seiner Existenz und ließ sich weder durch ästhetische Überlegungen, die Meinung seiner Umwelt oder andere Dinge von diesem Ziel ablenken. Und er war bereit und fähig sich in den entscheidenden Momenten Risiken und möglichen Mißerfolgen auszusetzen, um das selbstgesteckte Ziel zu erreichen.

Nach dieser langen Vorrede nun aber endlich ein paar Entscheidungspartien, die das Gesagte erläutern und untermauern. Die erste vorgestellte Partie wurde in der letzten Runde des Turniers in Cambridge Springs 1904 gespielt. Lasker hatte vor diesem Turnier vier Jahre lang kein Turnier und keine Wettkämpfe gespielt und lag eine Runde vor Schluß an dritter Stelle hinter Marshall und Janowski. Da Marshall wie entfesselt spielte und bereits uneinholbar Erster war (er gewann das Turnier mit sagenhaften 13 Punkten aus 15 Partien) ging es für Lasker in der Schlußrunde gegen den mit einem Punkt vor ihm liegenden Janowski darum, mit einem Sieg doch noch Zweiter zu werden und sein Ansehen als amtierender Weltmeister halbwegs zu wahren. Eine Niederlage oder auch ein Remis wären dagegen ein großer sportlicher Gesichtsverlust gewesen.

Janowski,D - Lasker,Em, Cambridge Springs, 1904, Rd. 15

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.Lb5 Lc5 5.Sxe5 Ein Scheinopfer, das frühe Komplikationen heraufbeschwört. Diese Variante war damals bereits Theorie und wohl auch beiden Spielern bekannt. Sxe5 6.d4 Ld6 7.f4 Sg6 Eine Neuerung Laskers. 7.-Sc6 galt damals als bester Zug. 8.e5 c6 9.Lc4 Hier empfiehlt die Enzyklopädie 9.La4 mit leichtem Vorteil für Weiß. Lc7 10.exf6 Dxf6 11.0–0 d5 12.Lxd5!? Die Konsequenz von 9.Lc4. Wenn Weiß den Läufer einfach wegzieht, hat Schwarz bequemen Ausgleich. Allerdings sind die sich jetzt ergebenden Komplikationen vermutlich durchaus im Sinne Laskers gewesen. Bleibt noch die Frage, warum Janowski sich auf dieses Wagnis einläßt, wenn ihm doch ein Remis zum zweiten Platz reichen würde? Haudegen und Va-banque Spieler, der er war, konnte er der Versuchung eines zweischneidigen, attraktiven Opfers vermutlich einfach nicht widerstehen. cxd5 13.Sxd5 Dd6 14.De2+ Se7 15.Te1 Ld8 16.c4 f6 Nach 16...Le6 17.Sxe7 Lxe7 18.d5 Ld7 ist 19.b4!? mit der Idee 19.-Dxb4 20.a4! interessant. Nach 19.-b6 20.Lb2 hat Weiß Kompensation. Das von Tarrasch angegebene 19.Ld2 führt nach Kf8 20.a3 Te8 21.Lb4 Df6 zu nichts. 17.Ld2 a5 18.Dh5+ g6 19.c5 Da6 20.Dh6 Sah das Opfer anfangs noch ein wenig dubios aus, so ergeben sich mittlerweile reale Chancen für Weiß. Er droht Dg7 und vor allem auch Te7:+. Lasker verteidigt sich jedoch sehr geschickt. Le6 21.Sxf6+?! Der Textzug ist eine von drei Möglichkeiten. Nach 21.Sxe7 Lxe7 22.d5 sollte Schwarz wohl 22.-Lxd5 23.Dg7 0–0–0 24.Txe7 (24.Dxe7 Lxg2 mit unklarer, komplizierter Stellung) 24.-Dd3 mit Gegenangriff spielen. Nach 22.-0–0–0 23.Txe6 Lxc5+ 24.Kh1 Dd3 25.Lxa5 Dxd5 26.Dg7 wie vom Deutschen Wochenschach empfohlen, gibt Schwarz m.E. den falschen Läufer zurück.

Janowski selbst empfahl 21.Dg7 Lxd5 22.Dxh8+ Kd7 23.Dxh7 z..B.:23.-Dc6 24.Dh3+ f5 mit zweischneidiger Stellung. 21.-Kf7 22.Se4 Sf5 23.Dh3 Le7 24.Lc3 Ld5 25.g4 Sh4 26.Sd6+ Kf8 27.Txe7 Tritt mit einem Damenopfer die Flucht nach vorne an; vielleicht war dies noch die beste praktische Chance. Lasker bleibt jedoch "cool". Sf3+ 28.Dxf3 Lxf3 29.Tf7+ Kg8 30.d5 Lxd5 31.Tg7+ Kf8 32.Te1 Dc6 33.b4 Td8 34.Ld4 Txd6 35.cxd6 Lh1! Nur nicht 35.-Dc2?? 36.Te8+! Kxe8 37.d7+ und es ist Weiß, der gewinnt. 0–1

Im Nachhinein betrachtet wirkt dies wie ein sehr leichter Sieg, bei dem zudem keinerlei Nervosität Laskers zu erkennen ist. Bemerkenswert ist auch, wie Lasker in dieser sehr wichtigen Partie kontrolliert zweischneidige Komplikationen heraufbeschwört, in denen er sich weit besser zurechtfindet als der Gegner. Lasker braucht zwar einen Sieg, aber er führt Komplikationen nicht mit der Brechstange herbei, sondern provoziert seinen Gegner zu einem zweischneidigen Opfer.

Die nächste Partie wurde in der letzten Runde des Großmeisterturniers St. Petersburg 1909 gespielt. Lasker lag einen halben Punkt hinter dem führenden Rubinstein und mußte diese Partie unbedingt gewinnen, wollte er noch Chancen auf einen geteilten ersten Platz haben. Dies war auch deshalb wichtig, weil Rubinstein als möglicher Kandidat für einen WM-Kampf gehandelt wurde, Lasker aber andere Schachspieler als Gegner vorzog. Mit anderen Worten - der geteilte erste Platz mit Rubinstein gab Lasker bessere Argumente, um einen Zweikampf gegen Rubinstein hinauszuzögern.

Sein Gegner in der letzten Runde war Richard Teichmann, ein sehr starker, aber wenig ehrgeiziger Spieler, der als relativ schwer zu schlagen galt. Auch in dieser Entscheidungspartie ist Laskers Strategie erneut ebenso so bemerkenswert wie vorbildlich: er braucht einen Sieg, bricht aber nichts über's Knie, um dann jedoch den ersten Fehler seines Gegners ohne Zögern präzise und erbarmungslos auszunutzen.

Lasker,Em - Teichmann,R, St. Petersburg 1909, 18. Runde

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 Le7 6.De2 Damals laut Lasker eine Neuerung. b5 7.Lb3 d6 8.c3 0–0 9.d4 exd4 10.cxd4 Lg4 11.Td1 d5 12.e5 Se4 13.Sc3 Sxc3 14.bxc3 f6? Ein schwerer Fehler, da jetzt der Bd5 sehr schwach wird. Die Enzyklopädie gibt zwei Ausgleichsfortsetzungen für Schwarz an: 14.-Sa5 15.Lc2 Sc4 16.a4 Dd7, Brinkmann - Stoltz, Berlin 1928; und 14.-Dd7 15.h3 Lh5 16.g4 Lg6. 15.h3! Lh5 Schwarz hat kaum ernsthafte Alternativen. Die folgenden Varianten stammen von Lasker selbst: 15.-Le6 16.exf6 Txf6 17.Lg5 Tg6 18.Lc2; 15.-Lf5 16.g4; 15.-Lc8 16.a4 16.g4 Lf7 17.e6 Lg6 18.Sh4 Sa5 19.Sxg6 Durch diesen Abtausch wird der weißfeldrige, "spanische Läufer" sehr stark und Weiß erlangt schnell durchschlagenden Angriff. hxg6 20.Lc2 f5 21.Kh1! Ld6 22.gxf5 Dh4 Sieht gefährlicher aus als es ist. Die schwarze Figurenstellung hat einfach nicht das Potential für ein ordentliches Gegenspiel. 23.Df3 gxf5 24.Tg1 f4 25.Tg4 Dh6 26.e7! Lxe7 27.Lxf4 De6 Und Schwarz gab gleichzeitig auf, da ihn, wie Lasker gefühlvoll bemerkt, 23.Txg7 "sofort vernichtet". 1–0

Zum Abschluß schließlich eine der berühmtesten Entscheidungspartien und sogar eine der berühmtesten Schachpartien überhaupt; sie gilt als Musterbeispiel Laskerscher Schachpsychologie. Gespielt wurde sie beim Großmeisterturnier in St. Petersburg 1914. Dieses Turnier hatte einen etwas merkwürdigen Austragungsmodus: insgesamt gab es 10 Teilnehmer, gespielt wurde in Vor- und Endrunde, in der die fünf besten der Vorrunde dann doppelrundig gegeneinander antreten mußten.

Nachdem Lasker nach einem überflüssigen Einsteller in der Vorrunde etwas Mühe hatte sich zu qualifizieren, drehte er in der Endrunde mächtig auf. Da die Punkte aus der Vorrunde aber in die Endrunde mitgenommen wurden und er zu Beginn des Finales anderthalb Punkte hinter Capablanca lag, mußte er dies auch. Zum Zeitpunkt dieser Partie hatte er vier Runden vor Schluß immer noch einen Punkt Rückstand auf Capablanca. Wollte Lasker Erster werden, mußte er diese Partie unbedingt gewinnen, Capablanca genügte jedoch aller Voraussicht nach ein Remis, um sich den ersten Platz zu sichern. Gegen Capablanca zu gewinnen war bekanntlich alles andere als leicht. In seiner gesamten Turnierlaufbahn verlor der Kubaner insgesamt nur 37 Partien und auch in St. Petersburg hatte er bis zu dieser Partie nicht eine einzige Niederlage hinnehmen müssen. Seine Intuition, seine Sicherheit und seine hervorragende Technik in der Behandlung einfacher Stellungen bewahrten ihn meist vor Niederlagen.

Laskers Strategie in dieser Partie wurde unter anderem auch deshalb berühmt, weil sie so paradox ist: In einer Lage, in der Lasker gewinnen muß und Capablanca nur ein Remis braucht, vereinfacht Lasker bereits in der Eröffnung und wählt die Abtauschvariante im Spanier. Wahrscheinlich entschied sich Lasker aus folgender Überlegung heraus für diese Variante: Um den geringfügigen Nachteil der etwas schlechteren Bauernstellung in dieser Variante auszugleichen, muß Schwarz aktiv spielen. Jemand, der mit Remis zufrieden ist, zieht es wahrscheinlich jedoch vor, fest und sicher zu spielen, wird den Erfordernissen der Stellung damit nicht gerecht und riskiert damit wirklich eine Niederlage.

Darüber hinaus war Lasker diese Variante gut bekannt und er hatte bereits öfters Erfolg mit ihr gehabt. Zudem war in dieser Variante das Risiko die Partie zu verlieren recht gering - auch dies wieder ein typisches Beispiel, wie kontrolliert, überlegt und beherrscht Lasker an wichtige Partien heranging.

Lasker,Em - Capablanca,J St. Petersburg 1914

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.Lxc6 Der Theorie zufolge ungefährlich für Schwarz. Weiß gibt seinen Läufer auf, um dem Schwarzen einen Doppelbauern zu verpassen und dadurch in fast allen sich ergebenden Endspielen tendentiell im Vorteil zu sein, da das reine Bauernendspiel mit dieser Bauernstellung für Weiß gewonnen wäre. Schwarz hat aber als Ausgleich das Läuferpaar und die aktivere Figurenstellung. dxc6 5.d4 exd4 6.Dxd4 Dxd4 7.Sxd4 Ld6 8.Sc3 Se7 9.0–0 0–0 10.f4!? Lasker wird aktiv, indem er seine Bauernmehrheit am Königsflügel in Gang setzt. Allerdings lockert f4 die Stellung und läßt e4 schwach werden. Wie Capablanca angibt, war er von der weißen Strategie alles andere als überzeugt: 'Diesen Zug hielt ich damals für schwach und tue es heute noch; er gefährdet den e-Bauern, so daß dieser nach e5 vorrücken muß; und er gibt endlich Schwarz. Gelegenheit, den Springer durch Lc5 zu fesseln." [7] Te8 11.Sb3 f6 12.f5 Konsequent. Weiß schränkt die schwarzen Figuren ein und bereitet den Vormarsch der Königsflügelbauern vor. Außerdem möchte er den aktiven Ld6 abtauschen. Der Nachteil ist natürlich der unwiderruflich geschwächte e-Bauer, den Schwarz aber nur schwer angreifen kann. b6 13.Lf4 Lb7? Capablanca spielt merkwürdig schwach und auch sein nachträglicher Kommentar zu dieser Partie liest sich wie eine Illustration des Gefühls von Unsicherheit und mangelnder Entschlußkraft, das er während der Partie nicht überwinden konnte: "Gegen meine bessere Überzeugung gespielt." Besser war in der Tat 13.-Lxf4! 14.Txf4 c5! 15.Td1 Lb7 16.Tf2 und jetzt dürfte der sehr schöne, von Nimzowitsch vorgeschlagene prophylaktische Zug Tac8! Schwarz den Ausgleich sichern. Natürlich ist es unmöglich, im Nachhinein die Gedanken eines Spielers während der Partie zu rekonstruieren, aber auch auf die Gefahr mich mit der Rekonstruktion der Gedanken eines Schachgenies wie Capablanca zu blamieren, vermute ich, daß Capablanca der Überzeugung war, die Stellung sei ausgeglichen, die weiße Spielanlage ungesund, er aber nicht willens war, sich genauer und präziser in die Stellung einzuarbeiten - vielleicht aus Ungeduld, vielleicht aus dem Gefühl allzu großer Sicherheit heraus. 14.Lxd6 cxd6 15.Sd4 Capablanca: "Merkwürdigerweise hatte ich diesen Zug übersehen, als ich 13.-Lb7 zog, sonst hätte ich richtig 13.-Lxf4 gespielt." Tad8 16.Se6 Td7 17.Tad1 Sc8? Capablanca versucht weiter zu erklären, wie es kommen konnte, daß er diese Partie verloren hat: "Ich hatte hier die Absicht, c5 mit nachfolgendem d5 zu spielen, was meiner Ansicht nach das Remis sicherstellte. Plötzlich aber packte mich der Ehrgeiz, und ich glaubte, auf den Textzug hin Sc8 spielen zu können, mit der Idee später auf e6 die Qualität gegen einen Bauern zu opfern, wonach der vereinzelte e-Bauer sehr schwach bleiben würde. Allerdings ist überhaupt nicht klar, daß die von Capablanca angegebene Variante tatsächlich Remis macht. Nach 17.-c5 muß Weiß weder das von Capablanca angebene 18.Sd5 Lxd5 19.exd5 b5 mit Ausgleich, noch 18.Tf2 d5 19.exd5 Lxd5 20.Sxd5 Txd5 21.Txd5 Sxd5 mit Ausgleich spielen, sondern hat mit 18.Tf3 oder 18.a4 durchaus Möglichkeiten, aggressiv vorzugehen. Auch die plötzliche Idee eines Qualitätsopfers wirkt merkwürdig: erst einmal sehe ich da auch keinen ganz klaren Weg zum Remis und dann wirkt Capablancas Kommentar so, als ob er auf einmal ein Kunstwerk schaffen wollte. 18.Tf2 b5 19.Tfd2 Tde7 20.b4 Kf7 21.a3 La8? Hier empfiehlt Capablanca 21.-Txe6 22.fxe6+ Txe6÷ und urteilt 'es erscheint mir zweifelhaft, daß Weiss gewinnen kann. Aber wer opfert schon gerne die Qualität, um dann in einer schlechteren Stellung endlos lange "geknetet" zu werden. Außerdem verfügt Weiß in dieser Stellung wirklich über eine ganze Reihe von Ideen, Druck zu machen, z.B. a4, oder Td4 nebst Se2 und Sf4. 22.Kf2 Ta7 23.g4 h6 24.Td3 a5 25.h4 axb4 26.axb4 Tae7? Besser war 26.-Ta3! mit der Idee den Springer über b6 nach c4 zu spielen. 27.Kf3 Tg8 28.Kf4 g6 29.Tg3 g5+ 30.Kf3 Sb6 31.hxg5 hxg5 32.Th3 Td7 33.Kg3 Ke8 34.Tdh1 Lb7 35.e5 dxe5 36.Se4 Sd5 37.S6c5 Lc8 38.Sxd7 Lxd7 39.Th7 Tf8 40.Ta1 Kd8 41.Ta8+ Lc8 42.Sc5 1–0

Von der sprichwörtlichen Perfektion der Schachmaschine Capablanca war in dieser Partei wirklich sehr wenig zu sehen. Die mangelnde Konsequenz und das Zögernde seines Spiels weisen jedoch deutlich darauf hin, daß Lasker die psychische Verfassung seines Gegners durchaus richtig erkannt hat.

Welche Lehren lassen sich denn nun aus Laskers Verhalten in Entscheidungspartien ziehen? Kann auch der vielzitierte "gewöhnliche Sterbliche", dessen Talent nicht unbedingt an das Laskers heranreicht, aus diesen Partien etwas lernen?

Allgemein gesprochen hilft natürlich ein gesunder Optimismus und ein starker Glaube an sich selbst. Wie man diese Eigenschaften erwirbt und kultiviert steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt und fällt in den weiten Bereich menschlicher Psychologie.

Wichtig ist außerdem eine sehr klare Einstellung zu seinen sportlichen Zielen: um was geht es in der jeweiligen Partie und ist man bereit mit aller Kraft die gesteckten sportlichen Ziele zu verfolgen? Paradoxerweise kommt es jedoch zugleich darauf an, bei allem Einsatz und Siegeswillen eine gewisse Distanz zu der Partie zu bewahren: allzu großer Druck führt oft zu Versagensängsten und lähmt die eigene Kraft. Dies ist wohl überhaupt eine der wichtigsten Fähigkeiten erfolgreicher Sportler: bei voller Konzentration und Hingabe an den Sport innerlich ruhig und distanziert zu bleiben, um nicht von Gefühlen der Angst, Aufregung und der Aussicht auf den scheinbar so nahen Erfolg abgelenkt zu werden. Wenn dies gelingt, ist es möglich alle Kraft auf die sportliche Aufgabe zu konzentrieren und so alle seine Möglichkeiten auszuschöpfen.

Bei der Vorbereitung auf die konkrete Partie hilft es natürlich die Partien des Gegners zu studieren und sich einen entsprechenden Spielplan zurechtzulegen. Zugleich ist es wichtig sich über die eigene Situation klar zu werden: welche Ziele hat man, welche Befürchtungen hegt man, was erwartet man von der Partie und welches Resultat strebt man an? Ganz wichtig ist es, bei Partien, die man gewinnen muß, die Ruhe zu bewahren. Wenn man krampfhaft versucht, Komplikationen herbeizuführen, so ist dies eine der sichersten Wege in den Untergang. Trotz aller psychologischen Überlegungen wird das Spoel immer noch auf dem Brett entschieden.


[1]
Frank Brady, Bobby Fischer: Profile of a Prodigy, New York: Dover, 1989, S.79. Diese berühmte Liste erschien 1964 in Chessworld und wurde wegen ihrer Eigenwilligkeit (als die zehn besten Spieler aller Zeiten nannte Fischer - in dieser Reihenfolge - Morphy, Staunton, Steinitz, Tarrasch, Tschigorin, Aljechin, Capablanca, Spasskij, Tal und Reshevsky) oft nicht ernst genommen, bzw. heftig angegriffen.

[2]
Emanuel Lasker, Lasker's Manual of Chess, New York: Dover, 1947, xix-xx.

[3]
Richard Réti, Die Meister des Schachbretts: Sämtliche Studien, Zürich: Edition Olms, 1983 [1930,1931], S.124.

[4]
Wiener Schachzeitung, 3-4, März/April 1908, S.95-95.

[5]
Werner Harenberg, Schachweltmeister: Berichte, Gespräche, Partien, Spiegel Buch 17, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1981, S.27.

[6]
Isaak und Wladimir Linder, Das Schachgenie Lasker, Berlin: Sportverlag, 1991, S.250.

[7]
J.R.Capablanca, Grundzüge der Schachstrategie, Berlin: de Gruyter, 1968, S.102.

 

aktualisiert: 25. März 2002