Der vergiftete Bauer

 
 
 



Die Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 31. August 2002 enthielt ein Interview von Thomas Leinkauf und Paul Werner Wagner mit GM Lothar Schmid.

Berliner Zeitung

Samstag, 31. August 2002

Der Karl-May-Verleger Lothar Schmid hat die beiden großen Duelle zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski geleitet. Ein Gespräch über Schach im Kalten Krieg, Genies des königlichen Spiels und das Sammeln seltener Schachbücher.

Herr Schmid, vor genau 30 Jahren fand in Reykjavik der legendäre Weltmeisterschaftskampf im Schach zwischen Boris Spasski aus der Sowjetunion und Bobby Fischer aus den USA statt. Sie wurden als Hauptschiedsrichter für das "Jahrhundertduell" ausgewählt. Warum gerade Sie?

Beide wollten mich. Ich habe Boris Spasski 1955 das erste Mal persönlich erlebt. Er war damals 16 Jahre alt und schon riesenstark. Das hat mir sehr imponiert. Ähnliches habe ich vier Jahre später mit dem ebenfalls 16-jährigen Bobby Fischer erlebt. Er nahm an einem Kandidatenturnier teil und ich lernte seine Gefühle kennen, auch seine Stärken und Schwächen. Gegen Michail Tal, der 1960 Weltmeister wurde, verlor er dort vier Mal. Aber ich erkannte in Bobby das Genie. Ein Jahr später konnte ich Fischer nach Bamberg einladen. Er war hier bei uns zu Gast, war sehr nett, wir haben viel Blitzschach gespielt. Ich habe ihn in die Spielbank nach Bad Homburg geführt, ehe er zurück in die USA flog; ich war ja schon volljährig, er noch nicht. Ich habe ihm einige Chips gegeben, und er spielte interessanter Weise nur einfache Chance. Rot oder Schwarz oder gerade oder ungerade. Das zeigte mir, wie er wohl auch im Schach eingestellt war. Trotz aller Kombinationen auf dem Boden der Tatsachen bleiben, im Rahmen einer verhältnismäßig guten Gewinnchance spielen. Na ja, so habe ich beide im Vorfeld kennen gelernt. Und sie vertrauten mir.

Das Match in Island drohte damals zu platzen, weil Fischer nicht rechtzeitig anreiste.

Er hatte eine ganze Reihe von Wünschen, die nach seiner Meinung nicht genügend erfüllt waren. Sie waren nicht ganz klar. Alle Einzelheiten waren ja beschlossen, wann, wo, unter welchen Voraussetzungen gespielt wird, mit welcher Schachuhr usw. Fischer war bockig.

Lag es am Preisgeld?

Ja, vielleicht. Ein Engländer namens Slater hat die Summe dann auf 250 000 Dollar verdoppelt. Man hat alles versucht, um den schwierigen Bobby nach Reykjavik zu kriegen. Schließlich gelang es.

Der Kampf begann mit einem Paukenschlag in der ersten Partie.

Es kam zu einem Läufer-Endspiel mit etlichen Bauern auf beiden Seiten. In dieser völlig gleichen Stellung, die man auch hätte Remis geben können, wagte es Fischer, ohne lange nachzudenken, einen so genannten vergifteten Bauern zu schlagen. Er glaubte wohl, seinen eingesperrten Läufer wieder frei zu bekommen. Damit hatte er sich gründlich verrechnet. Dann suchte er, wie es schien, nach Schuldigen. Die laufenden Kameras. Sie waren mit Zeltplanen abgedeckt worden, aber er hatte die Linse bemerkt und das störte ihn. Er verlangte, die Kameras unsichtbar aufzustellen. Daraufhin haben wir sie am Rande der Bühne installieren lassen, in einem Hohlraum, wo wirklich nur die Linse zu sehen war. Aber auch das störte ihn. Er verlangte, dass alles weg müsse. Hier hatte der Schiedsrichter zu entscheiden und ich sagte, es ist alles in Ordnung auf der Bühne, Bobby, tritt an. Er kam aber nicht. Seine Uhr wurde pünktlich in Gang gesetzt und es gibt eine Regel, wonach ein Gegner bei Nichterscheinen nach einer Stunde verloren hat. Und so kam es.

Das drohende Ende des Jahrhundertduells.

Ich wusste, wie schwierig Bobby ist, aber das war mir doch neu. Wir haben natürlich im Hotel angerufen, das war ungefähr drei Kilometer entfernt. Bobby ließ sich nicht sprechen. Ich ließ ihn warnen. Als letzte Amtshandlung habe ich alle Ampeln zwischen dem Hotel und der Spielhalle von der Polizei auf Grün stellen lassen, falls er es sich noch überlegt. Er kam nicht und verlor. Das war tragisch, das war sogar entsetzlich. Denn ich ahnte schon, dass er danach noch mehr Schwierigkeiten machen würde. Er ließ seinen Anwalt einfliegen, der mir sagte, Herr Fischer wünsche die dritte Partie im Nebenzimmer zu spielen, ohne Kameras. Ich sagte, das ginge ja nur im Falle einer echten Störung durch Lärm oder sonstige sichtbare Beeinträchtigungen. Mr. Marshall antwortete, diese Störung können Sie haben, ich zerhaue mit einem Vorschlaghammer Ihren Schachtisch, er war eigens für das Match von den Isländern gebaut worden. Ich fragte Boris Spasski, ob er bereit sei, im Nebenzimmer zu spielen. Er war sehr aufgeräumt, und sagte: Na schön. Plötzlich fing Fischer wieder an, das passe ihm nicht und jenes nicht. Ich sagte: Bobby, du spielst jetzt, da sagte er zu mir: Shut up, halt's Maul. Das gefiel Boris gar nicht, mir auch nicht, aber was sollte ich machen? Da sagte ich, ihr beide habt es versprochen, ihr spielt jetzt, packte sie am Schlaffitchen und drückte sie in die Sessel. In diesem Augenblick machte Boris Spasski wie automatisch seinen ersten Zug. Der Wettkampf war gerettet.

Fischer spielte genial

... und Spasski wirkte plötzlich wie ein Kaninchen vor der Schlange. Bobby gewann diese Partie im großen Stil. Die 4. Partie spielte Boris wie gelähmt. Bobby gewann überlegen.

Nach acht Partien stand es 5:3.

Fischer zog einfach davon. Und dann merkte man, dass sich wahrscheinlich dieses Hin und Her vor dem Match und der eigenartige Beginn auf die Nerven Spasskis gelegt hatte.

Hatte er einen Fehler gemacht, als er auf Fischers Forderungen einging?

Wissen Sie, er hatte Fischer vor dem Kampf mehrfach geschlagen; und hier stand es 2:0. Er wollte spielen und gewinnen. Ich fragte die Russen, ob nicht Spasskis Frau kommen könne, um ihn zu unterstützen. Aber die sagten, ach, das haben wir trainiert. Er ist schon sechs Monate ohne Frau. Wie immer das zusammenhing, sie kam dann doch, Larissa, eine Schönheit. Später hat er sich von ihr getrennt.

Wie reagierten die Russen auf Spasskis Niederlagen?

Sie haben es offenbar nicht geschafft, ihn nervlich auf ein besseres Niveau zu bringen. Dann äußerten sie plötzlich den Verdacht, seine Spielunlust sei durch den Stuhl, auf dem er saß, verursacht, weil er offensichtlich präpariert worden sei. Der Stuhl wurde in allen Details auseinander genommen, sogar geröntgt. Es fand sich nichts.

Es gab Krieg.

Nicht zwischen den Spielern, jedenfalls nicht mehr. Die beiden mochten sich sogar. Nach dem Match saßen sie zusammen am Tisch, unterhielten sich nett, analysierten miteinander per Taschenschach. Später wurden sie richtige Freunde.

Warum hat Fischer anfangs solche Sperenzchen gemacht?

Das ist seine Eigenart.

Hatte er Angst vor Spasski?

Vielleicht. Ganz im Hintergrund. Das möchte ich nicht ausschließen. Was in seinem Kopf vorgeht, ist ganz schwer einzuschätzen, weil er eben anders denkt als andere. Er wurde mit 13 schon auf den Schild gehoben in seinem Land. Und ein junger Mensch, der das erlebt, denkt und fordert anders als ein Mensch, der übliche Wege geht. Er war eine Ausnahmeerscheinung, wurde von den Medien dazu gemacht.

Man spricht ja davon, dass Fischer vielleicht der genialste Spieler aller Zeiten war.

Im gewissen Sinne, sicherlich.

Beschreiben Sie Fischers Genialität.

Er hat nie zu viel riskiert. Man erwartete eigentlich, dass er auf dem Brett mal alle Brücken abbrechen würde, um ein noch stärkeres Kombinationsspiel zu finden. Aljechin hat das getan, später Tal. Nein, so war er nicht. Er hat zunächst ein ganz fundiertes Eröffnungsspiel betrieben, wie die Russen auch. Er war kreativ in den Eröffnungen, die er selber spielte, und in den Eröffnungen, die beim Gegner zu erwarten waren, bestens zu Hause. Aber auch im Mittelspiel hat er nach originellen Wegen gesucht. Und da zeigte sich erst recht seine Genialität. Er machte Züge, an die niemand dachte. Er war ganz schwierig einzuschätzen. Das war die eigentliche Überraschung für Spasski, die er nicht verkraftete. Sicherlich hat Fischer auch durch seine Manöver, durch sein Gehabe und Getue den Titelverteidiger beeinträchtigt.

War Spasski außer Form?

Er erklärte später, dass er gewisse innenpolitische Probleme hatte. Spasski war ja kein Kommunist. Man hat ihn nicht so herausgestellt und begleitet und geschützt wie dann zum Beispiel später Karpow. Und er sei einsam gewesen. Er war drei Jahre der Weltmeister, und das sei seine schwerste Zeit überhaupt in der Sowjetunion gewesen. Denn die Führung dort wollte eigentlich einen linientreuen Mann. Das war Boris sicher nicht.

Wie reagierte der sowjetische Verband auf Spasskis Niederlage?

Er soll angeblich neun Monate Spielverbot gehabt haben. Aber dann hat er überlegen die sowjetische Meisterschaft gewonnen, gegen alles, was Rang und Namen hatte.

1975 hätte Fischer seinen Titel gegen Anatoli Karpow verteidigen müssen. Der Kampf kam nicht zu Stande.

Fischer hatte wieder Forderungen gestellt. Der Weltmeister sollte nur besiegt sein, wenn der Herausforderer nicht nur eine, sondern zwei Partien mehr gewonnen hätte. Hier schieden sich die Geister. Mit 34:32 Stimmen entschied der Weltverband FIDE gegen Fischer. Ein Stück Schachweltgeschichte scheiterte. Fischer hat dann 20 Jahre nicht mehr gespielt. Wirklich schade. Ein Genie ist untergegangen.

Haben Sie eine Ahnung, was Fischer die ganzen Jahre gemacht hat?

Ich habe ihn 1975 in Pasadena, seinem Wohnort in den USA, getroffen. Wir aßen in einem Lokal zusammen Mittag. Fischer war aufgeräumt, bester Laune. Er hatte gerade den Weltmeistertitel kampflos verloren, aber es machte ihm offenbar nichts aus. Dann hat man immer wieder versucht, ihn zu einem Revanche-Wettkampf zu bewegen. Hohe Summen wurden geboten, aber er wollte nicht. Bobby war wirklich unglaublich bockig. Damals kam die Theorie auf, er wolle es nicht risikieren, in einem zweiten Match gegen einen der nachgewachsenen Weltklassespieler zu verlieren. Er wollte ungeschlagen bleiben.

Was macht so ein Mann 20 Jahre lang?

Er lebte in relativ einfachen Verhältnissen, solange das Geld eben reichte. 1990 kam er zu Besuch, ich muss nachdenken, ob er zwischenzeitlich noch mal da war. Ich denke ja. Er fühlte sich hier ganz wohl, ich habe ihn ja auch nett behandelt. Ich mag ihn. Ich konnte nur nicht immer einverstanden sein mit dem, was er tat. Damals hatte er nicht mehr viel Geld. Er wollte sein Zimmer in dem kleinen Hotel, in dem er wohnte, selber bezahlen. Wir handelten den Zimmerpreis von 50 auf 20 Mark herunter. Das zahlte er, den Rest beglich ich, ohne dass er es wusste. Dann vermittelte ich ihm einen Aufenthalt nicht weit von hier, in der fränkischen Schweiz, bei einer Schachfamilie. Er blieb drei Monate und fühlte sich sehr wohl. Journalisten des Stern entdeckten ihn und er ergriff die Flucht. Fischer wohnte noch eine Zeit lang bei einem anderen Schachfreund, und dann war er weg.

1992, zwanzig Jahre nach Reykjavik, kam es ganz unerwartet zum Revancheduell zwischen Fischer und Spasski.

Ein serbischer Bankier bot fünf Millionen Dollar Preisgeld, 3,4 für den Sieger, 1,6 Millionen für den Unterlegenen. Natürlich haben beide mitgemacht.

Kann man nach 20 Jahren ohne Praxis überhaupt noch einen Wettkampf gewinnen?

Das war die Frage. Aber Fischer ist so unglaublich talentiert, dass ihm die lange Pause, wie sich zeigte, nichts ausmachte.

In Jugoslawien gab es damals schwere kriegerische Konflikte.

Ich sagte deshalb zu den Veranstaltern: Nennt das Duell doch "Schach für den Frieden". Der Sponsor fragte mich, ob ich wieder Schiedsrichter sein wolle. Ich sagte zunächst Nein. Doch dann hat er mich überredet. Ich sagte o.k., ich komme zur 1. Partie runter, brauche aber die Genehmigung des deutschen Außenministers. Ich fuhr also, obwohl die Amerikaner schon halb drohten, dass niemand mit diesem Lande oder diesem System in Berührung kommen dürfe. Es waren 150 Journalisten aus aller Welt da, Fischer hat vor dem Match ein bisschen gegen die US-Regierung geschimpft und gegen die Russen. Aber es ging alles so weit gut und die erste Partie fand statt, ohne besondere Probleme. Ich blieb länger als geplant in Sweti Stefan, übrigens eine bezaubernde Halbinsel. Dann bin ich noch einmal nach Belgrad gefahren, wo die zweite Hälfte des Wettkampfes ausgetragen wurde.

Wie ging die Revanche aus?

Bobby gewann souverän, eigentlich ohne große Schwierigkeit. Boris war ein bisschen ruhiger, träger geworden. Ich will ihn nicht schlecht machen, er war nach wie vor stark, aber diesem Ungetüm Fischer war er schachlich nicht gewachsen. Bobby war ungeheuer populär. Auch damals schon in Reykjavik. Neulich hat mir der Präsident Islands gesagt, dass Fischer-Spasski mehr Aufsehen erregte als der Besuch von Gorbatschow und Nixon zusammen. Ausgerechnet Schach hat Island bekannt gemacht in aller Welt.

Schließen Sie ein 3. Duell der beiden aus?

Keineswegs. Irgendwann geht Fischer das Geld aus.

Stehen Sie als Schiedsrichter wieder zur Verfügung?

Das entscheide ich dann.

Die großen Schachduelle waren viele Jahre ein Politikum ersten Ranges.

Ja, und das größte Politikum war der Kampf zwischen Kortschnoi und Karpow 1978 auf den Philippinen. Der Dissident gegen den Linientreuen.

Auch den haben Sie geleitet. War es schwieriger als Reykjavik?

Ja, denn Kortschnoi war 1976 im Westen geblieben. Man spürte damals, dass Feinde aufeinander trafen. Inzwischen haben sie sich ja wieder ganz gut vertragen, aber damals war Kortschnoi ein sowjetischer Staatsfeind und Karpow der linientreue Kommunist. Karpow hatte es in dieser Situation nicht leicht, aber er war eigentlich immer korrekt. Man spürte die Hand Baturinskis, ein ehemaliger Staatsanwalt, Chefankläger, der seinerzeit den amerikanischen U 2-Spionageflieger Francis Gary Powers in Moskau angeklagt hatte und jetzt den sowjetischen Schachverband leitete. Ich kannte ihn schon aus Reykjavik. Baturinski wurde sehr unangenehm und machte viele Schwierigkeiten. Sie kennen ja diese Geschichte: Im Spielsaal saß in der ersten Reihe ein von den Sowjets eingesetzter Parapsychologe, der während des Spiels die Gedanken Kortschnois stören sollte. Außerdem hatte man vor dem Wettkampf Kortschnois Sohn in der Sowjetunion inhaftiert. Man tat alles, um Kortschnoi zu bekämpfen. Aber das Politische am Schach war nur eine Zeiterscheinung. Die Gesellschaften verändern sich, Schach bleibt.

Was fasziniert Sie an dem Spiel?

Schach heißt, gewisse Positionen vorauszusehen. Sie entwickeln eine Kombination im Kopf, die zunächst mal in der Stellung begründet ist. Sie müssen erkennen, wann es so weit ist, wann die Stellung reif ist, ihren Plan umzusetzen. Sie berechnen im Voraus oder sie fühlen einfach, wie sich die Stellung entwickeln kann. Das ist die faszinierende Kunst. Oder einfacher ausgedrückt: es ist das normale Ziel eines Schachspielers, eine bestimmte gute Position zu erreichen, indem er den Weg dahin findet und bereitet. Ich frage einen Schachspieler: Wie berechnen Sie das? Er sagt: Ich denke einen Zug weiter als mein Gegner. So einfach ist das also. Ganz lustig, nicht wahr. Dem einen fliegt es zu, der andere muss es hart erarbeiten. Der eine ist vielleicht genial. Und der andere ist ein ganz normaler Denker. Es kann aber auch umgekehrt so kommen, dass der Geniale einen Fehler macht. Und der Denker, der Normale, diese Chance nützt. Das ist Gott sei Dank sehr unterschiedlich. Es gibt Angriffsspieler und Verteidigungsspieler, es gibt Theoriebesessene, ja Theoriehengste, die die Eröffnungstheorie bis ins letzte Detail studiert haben, und es gibt Spieler, die am Brett intuitiv ganz natürliche einfache Züge finden. Im Schach ist alles möglich.

Sind im Schach überhaupt noch Entwicklungen denkbar?

Es ist schon richtig, was Bobby Fischer sagt: Wenn man Spitzenspieler ist, werden die inzwischen ausgearbeiteten Eröffnungsvarianten unter Umständen zur Qual. In der spanischen Partie gibt es Varianten, die reichen fast bis zum 40. Zug. Das heißt, so lang wie eine ganze Partie ist. Alles ausanalysiert. Deswegen sind Bemühungen im Gange, gerade von Bobby, diese Eröffnungstheorie irgendwie über den Haufen zu werfen, indem man Neuerungen bringt. Er hat sich zwar noch nicht gänzlich durchgesetzt damit, aber im Grundsatz spürt man, er hat Recht. Also könnte es sein, dass es in Zukunft mal das so genannte Fischer-Schach gibt.

Was ist denn das?

Die einfachste Art, eine Eröffnungstheorie völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen, ist die so genannte Ladendorf-Aufstellung. Man tauscht bei einer der Parteien die Plätze von König und Dame aus. Sofort ist alles anders. Das ist eine Möglichkeit. Und die Fischervariante ist, dass man die Figurenaufstellung vor Beginn einer Partie auslost. Es sind dieselben Figuren und die Läufer bleiben auch auf unterschiedlichen Farben, aber sonst ist alles ausgelost.

Also die Läufer kommen dort hin, wo normalerweise die Springer stehen?

Zum Beispiel. Nur die Bauern bleiben, wo sie sind. Das müssen Sie mal ausprobieren. Sie spielen Schach?

Ja.

Probieren Sie mal.

Sie sollen eine der größten Schachbibliotheken der Welt haben.

Dass ich sammle, liegt nahe. Ich habe viele Handschriften von berühmten Meistern erworben, zum Beispiel von Philidor, auch frühere, alte Handschriften aus dem 15. Jahrhundert, manche noch älter. Dann aber auch Briefe von Anderssen zum Beispiel, dem ersten großen deutschen Meister. Oder neuere Formulare, wie zum Beispiel die Durchschläge der Partieformulare des Wettkampfs Spasski-Fischer. Ich habe sie kürzlich nach Reykjavik zurückgegeben. Ich habe 30 Jahre mit ihnen gelebt, sie waren in meinem Arbeitszimmer, drei Meter von mir entfernt. Sie können sich vorstellen, dass ich mich schwer getrennt habe. Aber ich finde es trotzdem richtig, dass die jetzt dort sind.

Wann haben Sie angefangen, Schachliteratur zu sammeln?

Das kam zufällig und früh durch meinen Onkel. Der hatte meine Liebe zum Schach bemerkt, und mir, ich glaube, ich war 13 Jahre alt, ein Lehrbuch aus dem 18. Jahrhundert geschenkt. Das kostete damals so 35 Reichsmark im Buchhandel, ein stattlicher Betrag. Ich war ganz fasziniert von diesem Stück. Und dann wollte ich mehr haben, denn ich begann, richtig Schach zu lernen.

Wie groß ist Ihre Sammlung?

Sehr groß. Das sind zigtausend Bücher, Broschüren, Handschriften, alles Mögliche. Es ist Lesestoff, aber auch die Möglichkeit des Kontakts zu ähnlich denkenden Leuten. Man liest, trifft sich, man tauscht. Man gibt und empfängt.

Gibt es in Ihrer Bibliothek ein Stück, das Sie ganz besonders lieben?

Ja natürlich. Das erste gedruckte Schachlehrbuch der Welt, von Lucena. Ich habe ein halbes Jahr überlegt, ob ich es kaufen soll oder nicht. So teuer war das.

Aus welchem Jahr ist das Buch?

1497. Es hat den Charakter eines richtigen Schachlehrbuches, mit Beispielen. Bis dahin wurden nur allegorische Schachbeziehungen dargestellt, etwa durch einen Mönch, der seine Predigten mit aus dem Schachspiel entnommenen Texten oder Gleichnissen spickte. Er sagte zum Beispiel, dass der Bauer im Leben auch Bauer ist oder eine andere Figur einen Beruf hat, Menschen also eigentlich Schachfiguren seien und umgekehrt. Das ist sicher sehr interessant, aber nicht so spannend, wie eine alte Partie nachzuspielen.

Was kostet heute so ein Buch?

Man redet darüber nicht. Nicht mehr in diesem Bereich. Ich habe damals natürlich überlegt, leiste ich mir das Buch oder nicht. Mein Gott, ich war schon verheiratet. Ich war mit meiner Frau zum Skilaufen. Allein fuhr ich in einem Lift, der brauchte 20 bis 30 Minuten bis zum Gipfel. Als ich oben war, wusste ich: Du wirst den Lucena kaufen.

Es gibt nur noch ein Exemplar?

Nein, es gibt zwei, aber nur eines in Privatbesitz. Es sind zwei Seiten ausgetauscht durch Reprint, aber nicht im Schachteil, sondern in der allgemeinen Abhandlung. Das Buch heißt übrigens "Repetition der Liebe und Kunst des Schachspiels". Ist das nicht ein wunderbarer Titel? Die Liebe und die Schachkunst - was wollen Sie mehr?

Die Lasker-Gesellschaft hat vor, in Berlin ein Schachmuseum zu gründen. Wie finden Sie das?

Ganz toll.

Man könnte Ihre Bibliothek dort unterbringen.

Ach so, ja, es ist richtig, dass nach meinem Tode da was zu geschehen hat. Ich überlege schon seit längerer Zeit. Nicht ausgeschlossen ist, dass sie in die Bibliothek nach Wolfenbüttel kommt, zum Herzog August, der unter dem Pseudonym Gustavus Selenus im frühen 17. Jahrhundert auch Verfasser des ersten deutschen Schachbuchs mit dem schönen Titel "Das Schach- oder König-Spiel" war. Berlin als Ort wäre natürlich auch nicht übel, Lasker-Spuren sind durchaus willkommen. Das muss man sich noch längere Zeit durchdenken. Sie können ja mal einen Blick nach oben in die Bibliothek werfen, dann wissen Sie ungefähr, was ich so sammle. Ich sage Ihnen, das ist harte Arbeit.

Das Gespräch führten Thomas Leinkauf und Paul Werner Wagner.

 

aktualisiert: 10. September 2002