Der Ersatzspieler

 
 
 

DER ERSATZSPIELER

Von Susanna Poldauf

Als der sechsjährige François-André Danican wegen seiner auffallend schönen Knabenstimme ungewöhnlich jung in das Pagenkorps der Chapelle royale von Versailles aufgenommen wurde, ahnte niemand, dass er die höfische Ausbildungsstätte als begnadeter Schachspieler wieder verlassen würde. In die Geschichte ging Philidor (1726-1795) - ein Künstlername, den er schon von seinem Urgroßvater übernahm - als das erste Wunderkind im Schach ein. Sein Buch L'Analyze des Echecs, das er bereits im Alter von 23 Jahren veröffentlichte, machte ihn legendär. Weniger bekannt ist Philidors frühe musikalische Begabung und seine Karriere als Opernkomponist. Dass er ein berühmter Schachspieler wurde, verdankt sich nur einem Zufall.
Eigentlich hatte der kleine Philidor den Auftrag, die 200jährige Familientradition der Philidor'schen Hofmusiker weiterzuführen. Denn diese drohte nach dem Tod des Vaters und der Halbbrüder abzureißen. Der Vater André Danican Philidor war ein überaus angesehener Komponist und Musikbibliothekar am Hof Ludwig XIV. gewesen. Das Erbe des Vaters lastete schwer auf dem kleinen Sänger, doch er war entschlossen, die in ihn gesetzten Erwartungen nicht zu enttäuschen.
Das Leben der Versailler Chorknaben unterlag einem strengen Reglement. Neben Gesangsunterricht und Lateinstunden erfuhren die Kinder eine umfassende religiöse Erziehung durch kirchliche Würdenträger. Die täglichen Gottesdienste strukturierten ihren Tagesablauf. Freie Zeit blieb den Kindern kaum. Der Preis, den die kleinen Pagen für die musikalische Frühförderung und die Aussicht auf eine Lebensstellung innerhalb der höfisch-klerikalen Ordnung zahlten, war die Trennung von den Eltern und Geschwistern.
Der Komponist André Campra wurde Philidors Lehrer und wichtigste Bezugsperson. Campra, der als Kapellmeister für die Erziehung von sechs Pagen, darunter Philidor, verantwortlich war, hatte eine Vorliebe für weltliche Musik. Sein Hang zur Oper legte den Grundstein für die spätere Entwicklung seines talentierten Schülers zum Opernkomponisten. Philidors Begabung für das Komponieren zeigte sich mit zwölf Jahren. Er schrieb drei Motetten, mehrstimmige geistliche Lieder, die der König während des Gottesdiensts zu hören bekam. Sie fanden sein Gefallen. Ludwig XV. belohnte den jungen Komponisten mit Goldmünzen und ermunterte ihn zu weiteren Werken.
Im Alter von zehn Jahren hatte Philidor mit seinem Talent für das Schachspiel überrascht. Glücksspiele waren in den Kirchenräumen verboten. Die älteren Musiker der Kapelle verkürzten sich das Warten auf den Beginn der täglichen Messe mit dem Schachspiel. Eines Morgens vermisste ein Musiker seinen Gegner. Der kleine Philidor bot sich an - und gewann. Vertraut man der Überlieferung von Richard Twiss, so soll Philidor die Regeln des Spiels durch bloßes Zuschauen erfasst haben.
Von diesem Tag an bildete die Musik nicht mehr den alleinigen Mittelpunkt in Philidors Leben. Das Schachspielen bot dem Jungen einen willkommenen Ausgleich zur anstrengenden musikalischen Ausbildung und den Exerzitien. Auch ohne Lehrbücher entwickelte sich Philidors Spielstärke so rasch, dass er unter den Kapellmitgliedern bald keinen ebenbürtigen Gegner mehr fand.
Nach acht Jahren quittierte er wegen des einsetzenden Stimmbruchs den Kapelldienst und ging nach Paris. Dort entdeckte er die faszinierende Welt der Schachcafés, die ihn vollkommen in ihren Bann schlug. Welch eine Gegenwelt zur andächtigen Stille der Versailler Kirchenmauern tat sich dem 14jährigen auf. Im Café de la Régence fand er in Kermur Sire de Légal einen starken Lehrer. Légal erkannte das außergewöhnliche Talent, aber nach drei Jahren konnte er seinem Schüler nichts mehr beibringen und musste sich ihm geschlagen geben.
Légal war es auch, der den jungen Schachmeister eines Tages fragte, ob er niemals versucht hätte aus dem Gedächtnis zu spielen ohne das Brett zu sehen? Darauf soll Philidor geantwortet haben, dass er nachts im Bett Züge und sogar ganze Spiele durchdacht habe, und er daher glaube, es zu können. Seine Vorstellungskraft war durch das Komponieren geschult. Schon bald steigerte er die Herausforderung, indem er dazu überging, gegen zwei Gegner gleichzeitig blind zu spielen. Diese Fähigkeit machte ihn schon in jungen Jahren so berühmt, dass er seinen Lebensunterhalt mit Schach bestreiten konnte. In einem Artikel zum Stichwort Schach für die Enzyklopädie von d'Alembert und Diderot wurde Philidor von Chevalier de Jaucourt als “außerordentlichstes Beispiel von Gedächtnisstärke und Vorstellungskunst” gefeiert. Um seinen eigenen Kindern den frühen Wechsel ins Erwerbsleben zu ersparen, ging Philidor später als Berufsspieler nach England und schickte, was er verdiente, seiner Familie.
Es gab durchaus Berührungspunkte zwischen Schach und Musik in Philidors Werk, sei es in den komponierten Idealpartien seiner “Analyze” oder in den an Simultanpartien erinnernden mehrstimmigen Ensemblekompositionen in einigen seiner mehr als zwanzig Opern. Alle Versuche Philidors, als Musiker die gleiche Anerkennung zu erlangen wie als Schachmeister, schlugen fehl. Der berühmte Franzose hat oft betont, dass er sich in erster Linie als Musiker verstand. Das Schachspielen sei ihm nur Zerstreuung oder schnöder Gelderwerb gewesen.

Susanna Poldauf, 32, Kultur- und Theaterwissenschaftlerin, lebt in Berlin und arbeitet zur Zeit für die Emanuel Lasker Gesellschaft. Im November erschien ihr Buch “Philidor - Eine einzigartige Verbindung von Schach und Musik”, Exzelsior Verlag, 192 S., DM 34,90 / 16 Euro.

 

aktualisiert: 29. April 2002