Die Lieblings-Lasker-Partie von Paul Werner Wagner

 
 
 


39. Kalenderwoche

Zu Beginn dieser Reihe zu Laskers Glanzpartien stellt der Vorsitzende der Emanuel Lasker Gesellschaft, Paul Werner Wagner, seine Lieblingspartie (und nach Emanuel Laskers eigener Aussage dessen brillianteste Partie) vor:


Vorsitzender Paul Werner Wagner:

"Ich habe diese Partie deshalb ausgewählt, weil sie beispielhaft die Kampfkraft und Nervenstärke des Weltmeisters demonstriert. Mit diesem Sieg stürzte er den im Turnier führenden Gegner, der einige Monate vorher bereits das Turnier in Hastings vor Tschigorin und Lasker gewonnen hatte, in eine tiefe Krise. Der Amerikaner verlor die folgenden fünf Partien. Emanuel Lasker aber gewann das Turnier von St. Petersburg und beendete damit alle Diskussionen über die Rechtmäßigkeit seines Weltmeistertitels. Der geniale Deutsche trug die WM-Krone 27 Jahre lang, so lange wie es kein anderer Spieler je erreichte."

PWW
Der Vositzende der Emanuel Lasker Gesellschaft Paul Werner Wagner bei der Eröffnung der Lasker-Ausstellung


Harry N. Pillsbury – Emanuel Lasker
Matchturnier, St. Petersburg 1895/96,
10. Runde

1.d2-d4 d7-d5 2.c2-c4 e7-e6 3.Sb1–c3 Sg8-f6 4.Sg1–f3 c7-c5 5.Lc1–g5 [besser ist 5.c4xd5.] 5...c5xd4 6.Dd1xd4 Sb8-c6 [stärker ist 6...Lf8-e7.] 7.Dd4-h4?! [nach Beendigung des Turniers kam Pillsbury zu der Überzeugung, dass 7.Lxf6! richtig ist. Dies bewies er acht Jahre später, ausgerechnet gegen Lasker] Lf8-e7 8.0–0–0?! Riskant. Dd8-a5 9.e2-e3 Lc8-d7 10.Kc1–b1 h7-h6! „Dadurch wird die Dame an ihre Position gefesselt oder der Läufer g5 zum Abtausch genötigt.“ (Lasker) 11.c4xd5 e6xd5 12.Sf3-d4 0–0! Zwingt Weiß zum Abtausch, wonach Schwarz den gefährlicheren Angriff erhält. 13.Lg5xf6 [13.Lg5xh6 g7xh6 14.Dh4xh6 wäre nach Lasker an 14...Sf6-e4 nebst Tfc8 gescheitert.] 13...Le7xf6 14.Dh4-h5 Sc6xd4 15.e3xd4 Ld7-e6 16.f2-f4 Man kann Pillsbury kaum den Vorwurf machen, dass er die gewitterhaften Ereignisse um seinen König nicht vorausahnte, der Läufer konnte mittels  16.Lf1–c4 eine Verteidigungsfunktion übernehmen. 16...Ta8-c8 [16...g7-g6 17.Dh5-f3] 17.f4-f5 Tc8xc3! Lasker bestimmt nach diesem energischen Opferangebot das Geschehen. Die exponierte Königsstellung ließe sich mit 18.b2xc3 Da5xc3 19.Dh5-f3! (nicht 19.f5xe6? Dc3-b4+ 20.Kb1–a1 Tf8-c8 21.Dh5-g4 Tc8-c2)  noch plombieren, doch im Endspiel nach 19...Dc3-b4+ 20.Df3-b3 Le6xf5+ 21.Lf1–d3 Db4xb3+ 22.a2xb3 Lf5-g4 erhält Schwarz gute Gewinnchancen. 18.f5xe6 Tc3-a3!!

Partie nach dem 18. Zug

Lasker offenbart sein geniales Konzept. Nun führen sowohl [19.b2xa3 Da5-b6+ 20.Kb1–a1 Lf6xd4+ 21.Td1xd4 Db6xd4+ 22.Ka1–b1 f7xe6 23.Lf1–e2 Dd4-e4+ 24.Kb1–a1 Tf8-f2; als auch 19.e6-e7 Tf8-e8 20.b2xa3 Da5-b6+ 21.Kb1–c2 Te8-c8+ 22.Kc2-d2 Lf6xd4 23.e7-e8D+ Tc8xe8 24.Lf1–d3 Db6-a5+ 25.Kd2-c1 Te8-c8+ 26.Ld3-c2 Da5xa3+ 27.Kc1–d2 zu weißen Verluststellungen (27.Kc1–b1 Da3-b2#) 27...Da3-e3#] 19.e6xf7+ Tf8xf7 20.b2xa3 Da5-b6+ 21.Lf1–b5! Findet in schwieriger Stellung noch die beste Verteidigungsstrategie - Ablenkung von d4. 21...Db6xb5+ 22.Kb1–a1 Tf7-c7?! (einfacher gewinnt 22...Dc4!) 23.Td1–d2 Tc7-c4 24.Th1–d1 Tc4-c3 25.Dh5-f5? Db5-c4 26.Ka1–b2? [26.Ka1–b1 hätte Schwarz vor große Probleme gestellt] 26...Tc3xa3! 27.Df5-e6+ Kg8-h7?

Partie vor dem 28. Zug

28.Kb2xa3?? Pillsbury erkennt das tödliche Gift dieses Opfers nicht. [Nach Kasparows Analyse hätte 28.De6-f5+! Kh7-h8 29.Kb1! zum Remis geführt] 28...Dc4-c3+ 29.Ka3-a4 b7-b5+ 30.Ka4xb5 Dc3-c4+ (und Matt in drei Zügen.) Weiß gab deshalb auf.

0–1

 

aktualisiert: 22. September 2008