Die Lieblings-Lasker-Partie von  Stefan Hansen

 
 
 


40. Kalenderwoche

In der zweiten Woche unserer neuen Reihe zu Laskers Glanzpartien stellt der geschäftsführende Vorstand der Emanuel Lasker Gesellschaft, Stefan Hansen, seine Lieblingspartie (und nach Garri Kasparows Meinung eine herausragende Partie im härtesten WM-Match Laskers) vor:


Schon oft ist kontrovers darüber diskutiert worden, ob Lasker den „psychologischen Moment“ im Kampf besonders eingesetzt hat. Er selbst hat es verneint.  Wie auch immer, Lasker war unbestreitbar ein echter Profi mit Nervenstärke im entscheidenden Augenblick. Das ist es, worauf es ankommt – sei es,  den Elfmeter im Elfmeterschießen, oder den Drei-Punkte-Wurf bei ablaufender Spieluhr zum Olympiasieg zu verwandeln. Wie viele sogenannte Weltstars haben in dieser Situation nicht schon versagt? Lasker konnte wie kaum ein anderer mit diesem Druck umgehen. 
Meine Lieblingspartie ist deshalb auch die  zehnte Partie des WM Matches gegen Carl Schlechter, 1910.  Schlechter hatte eine Hand schon an der Weltmeisterkrone; ein letztes Remis würde reichen. Doch Lasker  kämpfte  ihn am Schluss doch noch nieder – und blieb Weltmeister. Von einer eigenen Kommentierung der Partie sehe ich ab und verweise auf einen anderen, unbestrittenen Weltstar: Garri Kasparow (in „Meine großen Vorkämpfer“ Band 1 – S. 192ff.). 

Eines noch: besonders stolz macht es mich, dass die original Spielfiguren eben dieser Partie hier in der Emanuel Lasker Gesellschaft für die Nachwelt aufbewahrt werden. Sie strahlen eine Aura aus, der sich auch Garri nicht entziehen konnte.

Stefan und Garri im Spiel versunken

Stefan und Garri nach dem Match 
Garri Kasparow und Stefan Hansen bei einer Partie mit den Originalfiguren der Weltmeisterschaft 1910


Emanuel Lasker – Carl Schlechter
Weltmeisterschaft, Wien/Berlin 1910,
10. Partie

Kommentierung: Auszüge aus Garri Kasparows „Meine großen Vorkämpfer“ Band 1 – S. 192ff. - Bestellbar unter "Publikationen"

1.d2-d4 d7-d5 2.c2-c4 c7-c6 3.Sg1–f3 Sg8-f6 4.e2-e3 g7-g6!?
Nachdem Lasker zum ersten während des gesamten Matches auf den Zug 1.e4 verzichtet hatte, wurde er mit einer für ihn unangenehmen Überraschung konfrontiert: dem Markenzeichen seines Gegners, der Schlechter-Verteidigung! Die Züge vom Typ 4…g6 widersprachen den allgemeingültigen Eröffnungsnormen. „Ich wollte die letzte Partie nicht mit einem Remis beenden und wählte daher diese ungewöhnliche Fortsetzung, die zu einer interessanten Komplizierung führte.“ (Schlechter)  
5.Sb1–c3 Lf8-g7 6.Lf1–d3 0–0 7.Dd1–c2?!
Lasker wollte 7…Lg4 vermeiden, doch der Textzug erweist sich als großer Tempoverlust und hat keine Nachahmer gefunden. Natürlicher ist 7.0-0 Lg4 (das Patent Smyslows). 7…Sb8-a6 „Eine sehr gewagte Unternehmung, ein solider Zug war 7…Sbd7.“ (Schlechter). Aber auch wesentlich passiver!
8.a2-a3 d5xc4?! 9.Ld3xc4 b7-b5? 10.Lc4-d3 b5-b4?!
Noch eine impulsive Entscheidung, die durch das ungeheure Anspannung bedingt war.
11.Sc3-a4 b4xa3 12.b2xa3 Lc8-b7 13.Ta1–b1 Dd8-c7 14.Sf3-e5
„Steinitz genügten seinerzeit ganz gewöhnliche Züge, um die Position von Schwarz zu stärken. Lasker hingegen wich von der ruhigen, schrittweisen Entwicklung ab und forcierte nervös den Angriff, was seinem Gegner immer wieder neue Konterchancen einräumte.“ (Tarrasch) Nachdem Lasker keine der bisher neun gespielten Partien gewinnen konnte, hatte er scheinbar sein Selbstvertrauen verloren. In einer gewöhnlichen Partie hätten die chronischen Schwächen von Schwarz Lasker längst auf die Idee 14.0-0?! bringen müssen. 14…Sd7 15.De2 Sab8 16.Ld2 mit erdrückendem Vorteil.
14Sf6-h5 15.g2-g4? Das erinnert unwillkürlich an die 7. Partie im Match gegen Steinitz bei der Weltmeisterschaft 1894. Lasker erklärte seinen antipositionellen Zug wie folgt: „In einer derart wichtigen Partie sind die Gegner leicht erregbar und lassen sich oftmals auf wahre Abenteuer ein…“ Tarrasch merkte hierzu an: „Grundsätzlich ist es ein Fehler, den Königsflügel zu öffnen, da somit der Gegner eine Kompensation für die Fehler am Damenflügel erhält.“
15…Lg7xe5?
Dieser Abtausch rechtfertigt Laskers Überlegungen. Es ist erstaunlich, dass bislang niemand den kaltblütigen Zug 15…Sf6! erwähnte (Steinitz hätte wohl diese Variante gespielt). Die Demarche des g-Bauern stört die Position von Weiß nachhaltig, und obwohl Weiß nach 16.0-0 Sd5 einen gewissen Vorteil wahren kann, gewinnt das Spiel zunehmend an Schärfe: 17.f4 Sb6 18.Ld2 c5 19.Sxc5 Tac8 usw. Nun beginnt die Phase des wahren Kampfes, die jeder Partie ihren eigentlichen Wert verleiht. Die positionellen Faktoren treten in den Hintergrund und lassen Berechnung und Intuition den Vortritt. Es folgt „das Spiel ohne Regeln“, in dem beide Spieler ihrer Fantasie mehr oder weniger freien Lauf lassen können.  
16.g4xh5! Le5-g7 17.h5xg6 h7xg6 18.Dc2-c4!
Mit diesem Zug hatte der Weltmeister gerechnet. Er hoffte, die Wende im Spiel nun taktischen Mitteln erzwingen zu können: Es droht sowohl Lxg6 als auch Txb7. Auf 18.h4?! ist 18…c5! 19.Tg1 Tac8 gut.
18…Lb7-c8!
Die einzig effektive Verteidigung!
19.Th1–g1!? Ein attraktiver Zug, der die Drohung Txg6 aufbaut.  
19…Dc7-a5+ 20.Lc1–d2 Da5-d5 21.Tb1–c1 Lc8-b7 22.Dc4-c2!?
Auf der Suche das Spiel zu komplizieren! Lasker konnte den Damenabtausch rein aus psychologischen Gründen nicht riskieren. Selbst in weitaus günstigeren Situationen hatte er sich gegen ihn entschieden.
22…Dd5-h5 Die Dame attackiert den Bauern h2 und schreckt den weißen König auf. Damit entsteht eine kritische Position. Wie wird Weiß den Angriff weiter fortsetzen?
23.Ld3xg6?
Lasker unterschätzte das Gegenspiel von Schwarz in der offenen f-Linie.
23…Dh5xh2! 24.Tg1–f1 f7xg6 25.Dc2-b3+ Tf8-f7 26.Db3xb7 Ta8-f8! Schlechter fasste neuen Mut! Zum ersten Mal seit langem wird aus der absolut schlechten Position von Schwarz eine unklare.
27.Db7-b3 Kg8-h8 28.f2-f4 g6-g5!? 29.Db3-d3 g5xf4 30.e3xf4
Aber nicht 30.Dxa6?? wegen 30…fxe3 -+, und Schwarz gewinnt.
30…Dh2-h4+ 31.Ke1–e2 Dh4-h2+ 32.Tf1–f2 Dh2-h5+
Hier (oder beim Zug zuvor) wurde die Partie abgebrochen, und der Kampf sollte bis zum nächsten Morgen ruhen. Bisher war diese Partie eines der aufregendsten Spiele der Schachgeschichte.
33.Tf2-f3 Sa6-c7! 34.Tc1xc6?! „Wahrlich erstaunlich sind in dieser Partie Schlechters unglaublich mutige Angriffe und Laskers eiserne und kaltblütige Verteidigungen.“ (Weinstein) „Unglaublich! Diese Situation, wo ihm von allen Seiten Verderben droht, benutzt Lasker dazu, einen Bauern zu verspeisen! Das erinnert an den General, der im dicksten Kugelregen eine Zigarre anzündet!“ (Tarrasch)
34…Sc7-b5! 35.Tc6-c4!

Diagram nach 35.

35...Tf7xf4? Ein unentschuldbarer Fehler! „Diese Kombination ist fehlerhaft. Ich hatte die Variante 36.Lxf4 Txf4 37.Tc8+ Lf8 38.Tf2 Dh4+ 39.Kg2! Dg4+ im Auge, sah jedoch zu spät die Möglichkeit 40.Tg3! Dxc8 41.Dg6,“ schrieb Schlechter später. „Sofort entschieden hätte 35…Td8! Wenn darauf 36Le3, so 36…e5.“ Obwohl Schlechter nun spürbar über die Initiative verfügte, konnte er keinen direkten Gewinnweg finden. Das Spiel nahm immer schärfere Züge an, denn Lasker war nicht gewillt, die Schachkrone abzugeben.
36.Ld2xf4 Tf8xf4 37.Tc4-c8+ Lg7-f8 38.Ke2-f2 Dh5-h2+!
Endlich konnte Weiß etwas befreiter agieren.
39.Kf2-e1 Dh2-h1+?
Nach dem Textzug kann sich der weiße König weiteren Schachgeboten entziehen, und Lasker verbleibt noch dazu mit einer Qualität im Vorteil. Doch 39…Dh4+! Hätte Schwarz zumindest das Remis garantiert. 40.Tf3-f1 Dh1–h4+ 41.Ke1–d2 Tf4xf1 42.Dd3xf1 Dh4xd4+ 43.Df1–d3 Zum ersten Mal seit Beginn der von Schlechter stürmisch gesuchten Verwicklungen steht nunmehr Lasker eindeutig besser. Für Schwarz ist keine Fortsetzung zu sehen, mit der die Partie noch zu halten wäre.  
43…Dd4-f2+ 44.Kd2-d1 Sb5-d6 45.Tc8-c5 Lf8-h6 46.Tc5-d5 Kh8-g8 47.Sa4-c5 Df2-g1+ 48.Kd1–c2 Dg1–f2+ 49.Kc2-b3 Lh6-g7 50.Sc5-e6?!
Meiner Ansicht nach ist 50. Ka4 genauer.
50…Df2-b2+?
Diesen Fehler hatte bisher kaum jemand bemerkt! Notwendig war 50…Db6+!, um den weißen König zurück auf den Königsflügel zu drängen: 51Kc2 Db2+ 52.Kd1 Da1+ 53.Ke2 Db2+ 54.Kf3 Df6+ 55.Sf4 Sf7. Weiß kämpft verständlciherweise um den Sieg, doch mit seinem König dürfte das wohl nur schwer gelingen.
51.Kb3-a4

Diagram nach 51.

51...Kg8-f7? Der letzte schwerwiegende Fehler.
52.Se6xg7 Db2xg7 53.Dd3-b3 Kf7-e8 54.Db3-b8+ Ke8-f7 55.Db8xa7
Mit dem Fall des Bauern a7 ist die Stellung von Schwarz faktisch verloren. Nun kann Schlechter den Widerstand nur noch verlängern, doch Lasker kommt seinem Ziel durch überzeugende Manöver der Schwerfiguren immer näher.
55…Dg7-g4+ 56.Da7-d4 Dg4-d7+ 57.Ka4-b3 Dd7-b7+ 58.Kb3-a2 Db7-c6 59.Dd4-d3 Kf7-e6 60.Td5-g5 Ke6-d7 61.Tg5-e5 Dc6-g2+ 62.Te5-e2 Dg2-g4 63.Te2-d2 Dg4-a4?! 64.Dd3-f5+ Kd7-c7?! Die Kapitulation! Doch auch nach 64…Kd8 65.De6! wäre der Damentausch unvermeidbar. 65.Df5-c2+ Da4xc2+ 66.Td2xc2+ Kc7-b7 67.Tc2-e2 Sd6-c8 68.Ka2-b3 Kb7-c6 69.Te2-c2+ Kc6-b7 70.Kb3-b4 Sc8-a7 71.Kb4-c5 Schwarz gab auf.

1–0

 

aktualisiert: 30. September 2008