Die Lieblings-Lasker-Partie von FM Thomas Weischede

 
 
 


41. Kalenderwoche

In der nun schon dritten Woche unserer neuen Reihe "Laskers Glanzpartien" stellt der Vorstand der Emanuel Lasker Gesellschaft, Fidemeister Thomas Weischede, seine Lieblingspartie vor:


'Im Gedenken an das 100-jährige Jubiläum der Schachweltmeisterschaft von 1908 zwischen Lasker und Tarrasch, die Lasker souverän mit 10,5 zu 5,5 gewann, wähle ich als Partie der Woche die Partie Lasker gegen Tarrasch im Internationalen Turnier von Nürnberg 1896. Es handelt sich um die zweite ernsthafte Turnierpartie zwischen diesen beiden großen Schachrivalen, die beide auf ihre Weise die Entwicklung des Schachspiels bis heute nachhaltig geprägt haben. Nachdem Lasker die erste Begegnung in Hastings 1895 noch aufgrund eines Versehens im Endspiel verloren hatte, gelang ihm im prestigeträchtigen Turnier von Nürnberg die Revanche.

Das Turnier war für beide von besonderer Bedeutung, weil es das erste Internationale Turnier auf deutschem Boden war. Tarrasch, der sich kurz vorher beruflich als Arzt in Nürnberg niedergelassen hatte, hatte das Turnier mitorganisiert und brannte darauf, der Schachwelt und Lasker zu zeigen, dass er der stärkste Spieler der Welt war. Lasker, der nach dem Gewinn der WM gegen Steinitz in Hastings 1895 nicht überzeugen konnte und erst mit dem Sieg im Vierer-Turnier von St. Petersburg 1895 seinen Ruf als Weltmeister gefestigt hatte, mußte beweisen, dass er den WM-Titel zu Recht trug.

Lasker gewann nicht nur die Partie, die in der vorletzten Runde gespielt wurde, sondern mit dem glänzenden Resultat von 13,5 Punkten aus 18 Partien auch das Turnier. Tarrasch wurde aus seiner Sicht nur entäuschender Dritter mit 12 Punkten. Im Anschluß an das Turnier veröffentlichte Tarrasch ein Turnierbuch, in dem er sein "schlechtes" Abschneiden mit der zusätzlichen Belastung aufgrund der Turnierorganisation zu entschuldigen suchte. Zudem versuchte er nachzuweisen, dass Lasker in vielen Partien lediglich aufgrund "glücklicher" Umstände gewonnen hatte - sprich sein Sieg nicht verdient war. Diese Sichtweise dürfte maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Tarrasch trotz seiner enormen Spielstärke das pragmatische, auch psychologische Momente einbeziehende Spiel von Lasker bis zuletzt nicht verstanden hat. Lasker gelang es jedenfalls, in den 30 Turnierpartien, die beide bis zum Turnier von Mährisch-Ostrau 1923 gegeneinander gespielt haben, einen überwältigenden Score von 18 Siegen, vier Niederlagen und acht Remisen zu erzielen. Lasker entwicklete sich daher für Tarrasch immer mehr zu einem "Angstgegner", was wiederum verdeutlicht, welchen großen Einfluß psychologische Umstände auf das Schachspiel haben können.

Wie sehr beide Rivalen stets miteinander gerungen haben, verdeutlicht der Umstand, dass in jeder Partie bis zuletzt um den Sieg gekämpft wurde. "Kampflose Salonremisen" waren verpönt. Noch in der letzten Turnierpartie in Mährisch-Ostrau, dem Turnier mit dem Lasker im Alter von 54 Jahren sein Comeback in der Weltelite nach dem 1921 an Capablanca verlorenen WM-Titel einleitete, lieferten sich beide Spieler einen heftigen Kampf in der damals noch jungen, überaus modernen, ja sogar als revolutionär empfundenen Aljechin-Eröffnung (1. e2-e4 Sg8-f6), die ausgerechnet der oftmals als Vertreter des klassischen Schachs bezeichnete Tarrasch als Schwarzspieler anwandte.

In nahezu allen Partien gegen Lasker gelang Tarrasch die Eröffnung besser. Im anschließenen Mittelspiel und insbesondere im Endspiel dominierte aber Lasker, der Tarrasch und nicht ihn nur durch sein druckvolles Spiel immer wieder zu Fehlern verleitete, die er sodann technisch brilliant und souverän auszunutzen vermochte. Oftmals bestand die Spielweise schlicht nur darin, in fragwürdiger oder gar schlechterer Stellung das Spiel in der Erwartung zu verkomplizieren, dass Lasker sich in den folgenden Verwicklungen besser zurecht finden würde als sein Gegenspieler.

Die Partie von Nürnberg 1896 demonstriert nach meinen Verständnis anschaulich die Gründe für Laskers spielerische Dominanz über Tarrasch. Lasker meidet den Eröffnungskampf und verlagert das Spielgeschehen ins Mittelspiel, in dem es ihm mit positionellen Mitteln gelingt, ständig seine Stellung zu verbessern. Dabei bezieht er den Gegner mit all seinen Stärken und Schwächen in seine Spielweise ein und stellt diesen vor immer größere Probleme, bis er schließlich "versagt". Für Tarrasch, der immer nur den objektiv besten Zug gelten lassen wollte, war dieser Sieg "glücklich", weil er im Streben nach absoluter Wahrheit verkannte, dass auch das "Glück im Schach" hart erarbeitet werden muß und zu einer gelungen oder mißlungenen Partie immer zwei Spieler gehören, nämlich einer, der irrt, und einer, der diesen Irrtum ausnutzen kann. Im Letzteren war Lasker ein wahrer Meister. Nicht zuletzt deswegen dürfte es ihm gelungen sein, über 27 Jahre hinweg dem WM-Titel zu halten und auch noch anschließend über Jahre hinweg zur Weltelite zu zählen.'


Emanuel Lasker – Siegbert Tarrasch
C68 - Nürnberg, 8. August 1896

Kommentierung:
Chessbase Monographie - Weltmeister Emanuel Lasker (DVD)

Die für den ersten Platz spielentscheidende Partie:
1.e2-e4 e7-e5 2.Sg1–f3 Sb8-c6 3.Lf1–b5 a7-a6 4.Lb5xc6 d7xc6 5.Sb1–c3 Lf8-c5 6.d2-d3 Lc8-g4 7.Lc1–e3 Dd8-d6 8.Le3xc5 Dd6xc5 9.Dd1–d2 Lg4xf3? [¹9...f7-f6]
10.g2xf3 Sg8-e7 11.0–0–0 Se7-g6 12.Dd2-e3! Dc5xe3+
[Das ist nicht gut, weil dadurch das weisse Zentrum verstärkt wird. Auch nach 12...Dc5-e7 kann Schwarz wegen Da7 nicht lang rochieren, und die kurze Rochade ist wegen der offenen g-Linie bedenklich. Schwarz hat eben nach dem ersten Fehler bereits ein schlechtes Spiel.]
13.f2xe3 Ta8-d8 14.Sc3-e2 f7-f6 15.Th1–g1 Ke8-f7
[¹15...0–0]
16.Td1–f1 Th8-e8 17.Se2-g3 Sg6-f8 18.f3-f4

Nach dem 18. Zug

18...c6-c5? [18...e5xf4 19.e3xf4±]
19.Sg3-h5+- g7-g6 20.f4xe5! Te8xe5
[20...g6xh5 21.Tf1xf6+ Kf7-e7 22.Tg1–g7#]
21.Sh5xf6 Kf7-g7 22.Tf1–f2 h7-h5 23.Sf6-d5
[23.Tg1–f1! c7-c6 24.Kc1–d2 b7-b5 25.Kd2-c3!]
23...c7-c6 24.Sd5-f4 c5-c4 25.Tf2-g2 Td8-d6 26.h2-h4 c4xd3 27.c2xd3 Kg7-f7 28.Tg2-g5 Te5xg5 29.Tg1xg5 Td6-f6 30.e4-e5 Tf6-f5 31.Tg5xf5+ g6xf5

nach dem 31. Zug

32.d3-d4! Kf7-e7 33.Kc1–d2 c6-c5 34.Kd2-d3 c5xd4 35.e3xd4 Ke7-d8 36.d4-d5 Kd8-d7 37.Kd3-d4 Kd7-c7 38.b2-b4 Kc7-d7 39.Kd4-c5 Kd7-c7 40.d5-d6+ Kc7-d7 41.Kc5-d5

1–0

 

aktualisiert: 06. Oktober 2008