Die Lieblings-Lasker-Partie von Dr. Michael Negele

 
 
 


42. Kalenderwoche

In der vierten Woche unserer neuen Reihe "Laskers Glanzpartien" stellt das Mitglied der Emanuel Lasker Gesellschaft und Repräsentant der Ken Whyld Association, Dr. Michael Negele, seine Lieblingspartie vor:


Tarrasch und Lasker.

'Emanuel Lasker "erledigte" seinen "ewigen" Widersacher Siegbert Tarrasch im so prestigeträchtigen Wettkampf 1908 in überzeugender Manier.
Der Wettkampf kam für Tarrasch sicherlich zehn Jahre zu spät, doch eben diese zweite Partie hat etwas "Mysteriöses". Wieso provozierte Lasker nach einem recht glücklichen, weil durch ein überzogenes "auf Gewinn spielen" des Gegners verursachten Auftaktsieg mit Schwarz bereits frühzeitig für ihn eindeutig nachteilige Komplikationen? Oft wurde diese Partie als Beweis von "psychologischer" Spielweise angesehen, aber mir erscheint die "psychologische" Komponente eher bei Tarrasch zu liegen. Denn Laskers Idee war objektiv schwach und relativ leicht zu widerlegen, doch der in der Akkumulation kleiner Vorteile, der "Zernierung" - also Umzingelung des "Opfers" - so "präpotente" - im doppelten Wortsinne - Tarrasch "versagt" kläglich. Warum bleibt unklar, Tarrasch mag es gewußt haben. Lasker konnte (oder wollte) uns hingegen nicht erklären, warum er mit Zügen wie Sg4 Partien gewinnen kann.'

Dr. Negele gegen GM Kortschnoi
Dr. Michael Negele bei seiner Partie gegen GM Viktor Kortchnoi beim Mitgliederturnier der Emanuel Lasker Gesellschaft


Dr. Siegbert Tarrasch - Dr. Emanuel Lasker
C66, 8. Weltmeisterschaft, 2. Partie - 19.08.1908

Kommentierung:
Dr. Negele et al.

1.e2-e4 e7-e5 2.Sg1–f3 Sb8-c6 3.Lf1–b5 Sg8-f6 4.0–0 d7-d6 5.d2-d4 Lc8-d7 6.Sb1–c3 Lf8-e7 7.Tf1–e1 e5xd4 8.Sf3xd4 0–0 Die Steinitz-Variante spielte Lasker gerne, Tarrasch hielt weniger von diesem Aufbau. 9.Sd4xc6 Ld7xc6 Das ist riskant (Feld f5) oder provokant oder ignorant - je nach dem wie man zu Lasker steht. Also 9...bxc6 und "Langeweile" 10.Lb5xc6 b7xc6 11.Sc3-e2 Jetzt noch Sg3-f5 mit Lb2 und Mattangriff - Klasse Siegbert - den Springer zweimal gezogen und damit gegen die eigenen Regeln verstoßen. 11...Dd8-d7 12.Se2-g3 Tf8-e8 13.b2-b3 Ta8-d8 Hatte Lasker den folgenden Springerausfall geplant und deckte "prophylaktisch" seine Dame? Sofort 13... Sg4? 14.Sf5 Lf6 15. D:g4 und die schwarze Dame landet nach 15...L:a1 16.Sh6+ "im weißen Sack". 14.Lc1–b2 Sf6-g4? Tarrasch: "Ein Versehen, wie sie sich in bedrängten Stellungen einzustellen pflegen." Lasker: "In die Enge getrieben, entschloss ich mich, einen heftigen Angriff auf meine Rochadestellung zuzulassen und in anderen Positionsmomenten Kompensation zu suchen." Hübner: "Ich vermute, dass Tarrasch das Richtige getroffen hat." 15.Lb2xg7!+- Sg4xf2 16.Kg1xf2 Lasker: "Hätte er mit kühnem Wagemute, wie es Pillsburys, wie es auch Steinitz' Eigenart war, den kleinen materiellen Vorteil verschmähend, sich auf das Meer der großzügigen Angriffskombinationen eingeschifft - er hätte wohl den Sieg errungen." Mit 16. Dd4! - schlimm für Tarrasch, das in Bälde zu erkennen.
16...Kg8xg7 17.Sg3-f5+ Kg7-h8 18.Dd1–d4+ f7-f6 19.Dd4xa7 Le7-f8 20.Da7-d4 Te8-e5

Stellung nach dem 20. Zug

Tarrasch: "Ich hatte, als ich mich zu 16.Kf2: statt Dd4 entschloss, geglaubt, den a-Bauern ohne größeren Zeitverlust mitnehmen und dann zum Angriff auf die aufgerissene Königsstellung des Schwarzen zurückkehren zu können, aber dieser Zug riss mich aus allen Illusionen. Es wurde mir sofort klar, dass es mit meinem Angriff aus war, und das ich vielmehr des Gegenangriffs gegenwärtig sein müsste." 21.Ta1–d1 Td8-e8 22.Dd4-c3 Dd7-f7 23.Sf5-g3 Lf8-h6 Jetzt hat Lasker diesen Läufer im Spiel, Weiß gerät allmählich "ins Schwimmen". 24.Dc3-f3 d6-d5

Stellung nach dem 24. Zug

25.e4xd5 Lh6-e3+ 26.Kf2-f1 c6xd5 27.Td1–d3 Df7-e6 28.Te1–e2 f6-f5 29.Td3-d1 f5-f4 30.Sg3-h1 d5-d4 31.Sh1–f2

Stellung nach dem 31. Zug

Tarrasch: "Die Zeit ist nicht überschritten, aber die Partie ist unrettbar verloren, denn die weißen Figuren sind samt und sonders 'gekeilt in drangvoll fürchterlicher Enge'." Schön geschrieben, ich würde sagen: "Weiß hat sich selbst besiegt".
31...De6-a6 32.Sf2-d3
Te5-g5 Das war Laskers Abgabezug. Die Drohung ist Da6-h6 und der weiße h-Bauer ist futsch. 33.Td1–a1 Tarrasch: "Ein Versuch, mit dem König nach dem Damenflügel zu entkommen. Der fürchterliche Läufer gebietet ihm aber unterwegs Halt." 33...Da6-h6 34.Kf1–e1 Dh6xh2 35.Ke1–d1 Dh2-g1+ 36.Sd3-e1 Tg5-e5 37.Df3-c6 Te5-e6 Die Stellung scheint schwierig, selbst ein Lasker hat trotz Abbruch und Zeit zur Analyse Probleme damit. Doch die auf sich allein gestellte weiße Dame hat es mit ihrem sicherlich frustrierten "Verehrer" extrem schwer, gegen die agile schwarze Übermacht "mental" zu bestehen. 38.Dc6xc7 Te8-e7 39.Dc7-d8+? Ein Kurzschluss - aus Frust? - eigentlich schwer einzusehen, dass Tarrasch die folgende Wendung übersehen hat. Aber lange Analysen stärkerer "Chips" weisen auch nach dem richtigen Schach auf c8 nach: Lasker stand wohl auf Gewinn. 39...Kh8-g7 40.a2-a4?

Stellung nach dem 40. Zug

Der letzte Fehler verliert - nicht von Dr. Tartakower - aber ob überhaupt noch was geht, ist mir unklar. Mein alter Fritz meint 40.Dc8 hält Tarraschs "Leib und Seele" noch für etliche Züge zusammen. 40...f4-f3 41.g2xf3 Le3-g5 ... und nach 42.Te2xe6 Te7xe6 43.Dd8-d7+ Te6-e7 hat die weiße Dame alle Nachtwächter auf der Grundreihe eingepatzt, deshalb

0–1

 

aktualisiert: 13. Oktober 2008