Die Lieblings-Lasker-Partie von Ralf Binnewirtz

 
 
 


43. Kalenderwoche

In der fünften Woche unserer neuen Reihe "Laskers Glanzpartien" stellt das Mitglied der Ken Whyld Association Ralf Binnewirtz seine Lieblingspartie vor:



"Eine der attraktivsten Lasker-Partien ist für mich seit jeher die Begegnung Lasker – Napier in  Cambridge Springs 1904. Mit einem frühen und etwas gewagten Bauernsturm am Königsflügel löste der damalige Weltmeister Verwicklungen aus, die in seiner Schachkarriere als einmalig gelten dürften. Und er traf auf einen nahezu ebenbürtigen Gegner, der ihm alles abverlangte - lange Zeit stand die Partie auf Messers Schneide und es war völlig offen, wer als Sieger das Brett verlassen würde. Es darf auch nicht wundern, wenn in diesem sinnverwirrenden Handgemenge die Kontrahenten nicht immer den allerbesten Zug fanden: in nachträglichen Analysen sind hier selbst renommierte (Groß-)Meister auf Abwege geraten. Bezeichnend ist, dass sich Lasker einmal mehr als der nervenstärkere Akteur entpuppte - auf dem Höhepunkt der Komplikationen (25. Zug) konnte er unter Materialrückgabe in eine Gewinnstellung abwickeln. Diese wundersame Partie bezeichnete der unterlegene Napier als die beste seines Lebens!
        Auch moderne "Analytiker" haben sich noch ausgiebig mit dieser Partie beschäftigt, der letzte Stand ist wohl bei Mark Dworetski in 'Theorie und Praxis der Schachpartie' S.84ff. nachzulesen."

Ralf Binnewirtz


Emanuel Lasker - William Ewart Napier
[B72] Cambridge Springs (3), 28.04.1904

Kommentiert nach Richard Réti, mit Überarbeitungen

1.e2-e4 c7-c5 2.Sb1–c3 Sb8-c6 3.Sg1–f3 g7-g6 4.d2-d4 c5xd4 5.Sf3xd4 Lf8-g7 6.Lc1–e3 d7-d6 7.h2-h3 Der übliche und natürlichere Zug ist hier 7.Lf1-e2
7…Sg8-f6 8.g2-g4?!
„Lasker ist der einzige Großmeister, der sich selbst im Anfangsstadium der Partie mittelmäßige Züge leisten konnte.“ (Savielly Tartakower)
8…0–0 Weit schlimmer wäre es gewesen, wenn sich Schwarz wegen des drohenden Bauernsturms hätte abhalten lassen, zu rochieren. Das schwarze Gegenspiel muss in einem Zentrumsangriff bestehen, und dazu muss der König zunächst aus der Mitte weg.
9.g4-g5 Sf6-e8 10.h3-h4 Se8-c7 11.f2-f4 e7-e5 12.Sd4-e2 d6-d5!?

Statt sein Spiel ruhig mit 12…Lc8-g4 zu verstärken, will Napier mit diesem Bauernopfer rasch die Mitte durchbrechen. Wir werden bald erkennen, dass Napier hier menschenmöglich weit und trotzdem nicht weit genug gerechnet hat.
13.e4xd5 Sc6-d4 14.Se2xd4
Nach 14.Le3xd4 e5xd4 15. Se2xd4 Sc7xd5 (15…Tf8-e8+! -+) ist die weiße Stellung offenbar demoliert.
14…Sc7xd5! Die ärgste Überraschung. Auf 15.Sc3xd5? kommt Schwarz mit e5xSd4! in Vorteil.
15.Sd4-f5!
Lasker pariert mit einem ebenfalls überraschend erscheinenden Zug, den Napier aber sicher vorausgesehen hat, da er sonst eine Figur verlieren würde.
15…Sd5xc3 16.Dd1xd8 Tf8xd8 17.Sf5-e7+!
Wie weit Schwarz vorausgerechnet hat, kann man daraus ersehen, dass Weiß weder mit diesem Zug, noch mit 17.Sf5xg7 Materialvorteil erlangen würde. Auf dieses würde Schwarz nämlich mit 17…Sc3-d5 18.0-0-0 Lc8-g4.
17…Kg8-h8!
Auch jetzt ist der schwarze Springer unverletzlich. Auf 18.b2xc3 kommt Schwarz mit 18…e5xf4 19.Le3-d4 Lg7xd4 19.Lg7xd4 20.c3xd4 Td8-e8 in Vorteil. Falls aber 18.Sxc8?, um nachher den Sc3 zu schlagen, so rettet sich Schwarz vorteilhaft mit 18…e5xf4 19.Le3xf4 Ta8xc8 20.Lf1-d3 Sc3-a4.
18.h4-h5!?
Für derartige völlig offene Stellungen hat Lasker den allersubtilsten Positionsblick. Er lässt sich durch den einstehenden Sc3 nicht vom Kampfplatz ablenken, auf welchem Weiß offenbar das Übergewicht besitzt, nämlich vom Königsflügel. Zunächst droht Weiß 19.h5xg6 f7xg6 20.Se7xg5+ Kh8-h7 21.Lf1-c4+ Sc3-d5 22.Lc4xd5+ Td8xd5 23.Sg6-e7+ und Verlust des Turms (+-). Der einstehende Sc3 bleibt als Drohung, mit der Schwarz immer rechnen muss, weiter bestehen.
18…Td8-e8! 19.Le3-c5
Hält die obige Drohung aufrecht. Vorteilhafter wäre 19.f4-f5 g6xf5 20.Se7xc8 Sc3-d5 21.Sc8-d6 Sd5xe3 22.Ke1-f2 +-

Nach dem 19. Zug

19…g6xh5? 19…e5xf4 20.h5xg6 f7xg6 21.Lf1-d3 Sc3-d5=
20.Lf1–c4?
Verstärkt den Angriff, ist aber problematisch wegen 20…Sc3-e4, wodurch Schwarz selbst einen starken Angriff auf den offenen Königsflügel fahren kann: 21.Lc4xf7 Lc8-g4 22.Lc5-b4 e5xf4 23.Lf7xe8 Ta8xe8 -+ 20…e5xf4? Schwarz schlägt voreilig und verliert seinen Vorteil.
21.Lc4xf7 Sc3-e4
Nun spielt Schwarz seinen Angriff aus und opfert den Turm, seine Ausgangslage ist aber wesentlich schlechter.
22.Lf7xe8 Lg7xb2 23.Ta1–b1 Lb2-c3+ 24.Ke1–f1

Nach dem 24.Zug

Obwohl Weiß einen ganzen Turm mehr hat, sieht die Sache für ihn keineswegs erfreulich aus. Schwarz hat 3 direkte Drohungen, die von seinem Springer ausgehen: Sxc5, Sd2+ und Sg3+.
24…Lc8-g4?
Die Verstärkung des Angriffs verpufft durch Lxh5. Taktisch besser wäre Se4xc5, wodurch Schwarz den gegnerischen Vorteil gering hält. 25.Le8xh5! Lasker gibt den Turm zurück und erhält die Initiative. „Das Adlerauge Lasker hat die Schwäche erspäht und mit ausgefahrenen Krallen stürzt er sich auf sein Opfer um es zu vernichten.“ (Paul Werner Wagner). Ab diesem Zeitpunkt hat Napier tatsächlich gegen den genialen Taktiker keine Chance mehr.
25…Lg4xh5 26.Th1xh5 Se4-g3+ 27.Kf1–g2 Sg3xh5 28.Tb1xb7 a7-a5 29.Tb7-b3 Lc3-g7 30.Tb3-h3 Sh5-g3 31.Kg2-f3

Nach dem 31. Zug

31…Ta8-a6 Hier wäre Ta8-e8 stärker.
32.Kf3xf4 Sg3-e2+ 33.Kf4-f5 Se2-c3 34.a2-a3 Sc3-a4 35.Lc5-e3
Schwarz gibt auf wegen dem unabwendbaren 36.g5-g6. Daher

1–0

 

aktualisiert: 19. Oktober 2008