Die Lieblings-Lasker-Partie von Raj Tischbierek

 
 
 


46. Kalenderwoche

Nach kurzer Pause geht es in der sechsten Woche unserer neuen Reihe "Laskers Glanzpartien" stellt der Herausgeber des Magazins "Schach" Raj Tischbierek seine Lieblingspartie vor:



"Die Partie verbindet auf wunderbare Weise Elemente des Kampfes mit denen der Taktik und Strategie. Sie ist alles andere als typisch für Lasker und lässt dennoch irgendwo seine Handschrift erkennen. Dass er sich in einer Begegnung von dieser Bedeutung - hätte er die Partie nicht gewonnen, wäre Pillsbury nach Hastings 1895 vermutlich wieder vor ihm gelandet und die Schar der Zweifler an der Berechtigung seines Status' als "Weltmeister" hätte sich weiter gemehrt - zu so halsbrecherischen Aktionen aufschwingt, zeigt wahre Größe!"

Raj Tischbierek




Harry N. Pillsbury – Emanuel Lasker
Matchturnier, St. Petersburg 1895/96,
10. Runde

1.d2-d4 d7-d5 2.c2-c4 e7-e6 3.Sb1–c3 Sg8-f6 4.Sg1–f3 c7-c5 5.Lc1–g5 [besser ist 5.c4xd5.] 5...c5xd4 6.Dd1xd4 Sb8-c6 [stärker ist 6...Lf8-e7.] 7.Dd4-h4?! [nach Beendigung des Turniers kam Pillsbury zu der Überzeugung, dass 7.Lxf6! richtig ist. Dies bewies er acht Jahre später, ausgerechnet gegen Lasker] Lf8-e7 8.0–0–0?! Riskant. Dd8-a5 9.e2-e3 Lc8-d7 10.Kc1–b1 h7-h6! „Dadurch wird die Dame an ihre Position gefesselt oder der Läufer g5 zum Abtausch genötigt.“ (Lasker) 11.c4xd5 e6xd5 12.Sf3-d4 0–0! Zwingt Weiß zum Abtausch, wonach Schwarz den gefährlicheren Angriff erhält. 13.Lg5xf6 [13.Lg5xh6 g7xh6 14.Dh4xh6 wäre nach Lasker an 14...Sf6-e4 nebst Tfc8 gescheitert.] 13...Le7xf6 14.Dh4-h5 Sc6xd4 15.e3xd4 Ld7-e6 16.f2-f4 Man kann Pillsbury kaum den Vorwurf machen, dass er die gewitterhaften Ereignisse um seinen König nicht vorausahnte, der Läufer konnte mittels  16.Lf1–c4 eine Verteidigungsfunktion übernehmen. 16...Ta8-c8 [16...g7-g6 17.Dh5-f3] 17.f4-f5 Tc8xc3! Lasker bestimmt nach diesem energischen Opferangebot das Geschehen. Die exponierte Königsstellung ließe sich mit 18.b2xc3 Da5xc3 19.Dh5-f3! (nicht 19.f5xe6? Dc3-b4+ 20.Kb1–a1 Tf8-c8 21.Dh5-g4 Tc8-c2)  noch plombieren, doch im Endspiel nach 19...Dc3-b4+ 20.Df3-b3 Le6xf5+ 21.Lf1–d3 Db4xb3+ 22.a2xb3 Lf5-g4 erhält Schwarz gute Gewinnchancen. 18.f5xe6 Tc3-a3!!

Partie nach dem 18. Zug

Lasker offenbart sein geniales Konzept. Nun führen sowohl [19.b2xa3 Da5-b6+ 20.Kb1–a1 Lf6xd4+ 21.Td1xd4 Db6xd4+ 22.Ka1–b1 f7xe6 23.Lf1–e2 Dd4-e4+ 24.Kb1–a1 Tf8-f2; als auch 19.e6-e7 Tf8-e8 20.b2xa3 Da5-b6+ 21.Kb1–c2 Te8-c8+ 22.Kc2-d2 Lf6xd4 23.e7-e8D+ Tc8xe8 24.Lf1–d3 Db6-a5+ 25.Kd2-c1 Te8-c8+ 26.Ld3-c2 Da5xa3+ 27.Kc1–d2 zu weißen Verluststellungen (27.Kc1–b1 Da3-b2#) 27...Da3-e3#] 19.e6xf7+ Tf8xf7 20.b2xa3 Da5-b6+ 21.Lf1–b5! Findet in schwieriger Stellung noch die beste Verteidigungsstrategie - Ablenkung von d4. 21...Db6xb5+ 22.Kb1–a1 Tf7-c7?! (einfacher gewinnt 22...Dc4!) 23.Td1–d2 Tc7-c4 24.Th1–d1 Tc4-c3 25.Dh5-f5? Db5-c4 26.Ka1–b2? [26.Ka1–b1 hätte Schwarz vor große Probleme gestellt] 26...Tc3xa3! 27.Df5-e6+ Kg8-h7?

Partie vor dem 28. Zug

28.Kb2xa3?? Pillsbury erkennt das tödliche Gift dieses Opfers nicht. [Nach Kasparows Analyse hätte 28.De6-f5+! Kh7-h8 29.Kb1! zum Remis geführt] 28...Dc4-c3+ 29.Ka3-a4 b7-b5+ 30.Ka4xb5 Dc3-c4+ (und Matt in drei Zügen.) Weiß gab deshalb auf.

0–1

 

aktualisiert: 20. November 2008