Die Lieblings-Lasker-Partie  von Herbert Bräunlin


 
 
 


48. Kalenderwoche

In unserer Reihe “Laskers Glanzpartien“ stellt unser Mitglied Herbert Bräunlin seine Lieblingspartie ganz ausführlich vor:



"In den letzten fünfziger Jahren und den gesamten  Sechzigern des vorigen Jahrhundert hatten wir als Schachjugendliche nicht viel Möglichkeiten zu spielen und zu lernen. Wenig Turniere gab es und keine Trainer. Die Sowjetunion schien uns das Paradies.
Dafür haben wir die Schachbücher verschlungen. Mein erstes Schachbuch war ein „Tarrasch“. Bis heute scheint mir gefühlsmässig die „französische Verteidigung“ zweifelhaft, wegen dem eingesperrten Läufer. Irgendwann gewann ich bei einem Jugendturnier Dr. J. Hannaks fesselndes Laskerbuch.  Das war wie eine Offenbarung. Was Kampfkraft angeht habe ich bei Dr. Lasker am meisten gelernt. Das was heute durch „Fritzchen“ selbstverständlich ist- ich meine Königswanderungen über das halbe Brett ohne Angst vor dem Matt- hat Lasker in seiner Zeit bereits  in Perfektion zelebriert. Er war seiner Zeit voraus.
In meinen Partien fühle ich mich noch heute am wohlsten, wenn ich ausgeglichen stehe oder sogar leicht mit dem Rücken zur Wand. Dann denke ich immer an mein erstes Vorbild.

Diese Partie wurde bereits vorgestellt. Trotzdem möchte ich ein paar Dinge zeigen, welche mich als Jugendlichen begeistert haben und noch heute denke ich mit einem gewissen Schaudern daran, als ich diese Partie zum ersten Mal nachspielte. Beide Spieler sind auf dem höchsten schachlichen Niveau. Nur einer versagt zu guter Letzt, nachdem er sich genau so genial verteidigt hatte, wie sein Widersacher. Und das ist  leider Dr. Tarrasch gewesen  -der Überhebliche. Irgendwie hat man ihm das Verlieren-  zu Unrecht- auch gegönnt und hatte kein Mitleid mit Ihm.  Dr. Tarrasch hatte einfach keine gute Presse."

Dr. Tarrasch – Dr. Lasker
2. Wettkampfpartie Düsseldorf 1908

Anmerkungen von Herbert Bräunlin

 

1.e2-e4 e7-e5 2.Sg1–f3 Sb8-c6 3.Lf1–b5 Sg8-f6 4.0–0 d7-d6 5.d2-d4 Lc8-d7 6.Sb1–c3 Lf8-e7 7.Tf1–e1 e5xd4 8.Sf3xd4 0–0 9.Sd4xc6 Ld7xc6 10.Lb5xc6 b7xc6 11.Sc3-e2 Dd8-d7 12.Se2-g3 Tf8-e8 13.b2-b3 Ta8-d8 14.Lc1–b2 Sf6-g4 15.Lb2xg7 Sg4xf2 16.Kg1xf2 Kg8xg7 17.Sg3-f5+ Kg7-h8 18.Dd1–d4+ f7-f6 19.Dd4xa7 Le7-f8 20.Da7-d4 Te8-e5 21.Ta1-d1

nach dem 21. Zug von Weiß


Dr. Tarrasch hatte im 16. Zug Dd4 nicht gezogen, weil Ihm das zu kompliziert war, gegen  Dr. Lasker wohlgemerkt.  Gegen jeden anderen hätte er dies gezogen. Er wollte nur Klarheit und Sicherheit- und eben einen Bauer mehr in guter Stellung. Noch nicht gewonnen, aber man konnte sich ausruhen. Und das war schon der Fehler.  Dr. Tarrasch fühlte sich sicher und hatte nachdem er den Vorteil, er meinte Gewinn,  schwinden sah, keine richtige Lust mehr zu kämpfen. Geht uns das nicht allen so.

Der 21. Zug Tad1 wurde teilweise getadelt.  Aber das ist es noch nicht.

(21. g4 wurde vorgeschlagen zur Stützung des Punktes f5. mit der Folge
21….              d5
22. Tad1       c5
23. Dd2         d4
24. Kg2          Dc6
25. Df4          Td-e8
26. Sg3 Weiss steht gut)

 

21……           Td-e8
22. Dc3         Df7
23. Sg3         

(23. Dc6: würde ich nicht spielen, der schwarze Turm kommt über Tc5 nach c2. Aber es wäre auch noch kein grober Fehler. Der weisse Springer kommt zurück nach e3 und verteidigt alles. Auch 23. Df3 wurde analysiert. Nach 23.. d5
24. ed5:  Lc5+ 25. Kf1..cd5:  26. Te5:  TTe5: 27. a4 mit gutem Spiel für Weiss.)

23…               Lh6
24. Df3           d5
25. ed5:

Der Leser möge 25. Sf4 untersuchen. Auch das geht noch.

25….              Le3+
26. Kf1           ed5:
27. Td3

Nach dem 27. Zug von weiß

Hier greift Dr. Tarrasch ein wenig daneben. Er hätte es einfacher haben können. Was ist möglich?
27. Sf5.          Lb6
28. TTe5:        TTe5:
29. a4                        c6
30. Sd4          Ld4:
31. Td4:         De6
32. Df2  Wer steht besser? Es ist halt noch immer ein Bauer.
30.                  Dg6 anstelle von Ld4: dürfte in einem reinen Damenendspiel remis ausgehen.

Zurück zum Diagramm nach 27. Td3:
27.                  De6
28. Te2           f5
29. Td1

Geht auch 29. Sh5 ?
29…               f4
30 a4             c6
31.g4             gf4ep
32. Sg3          Das hält man aus, oder?

Jetzt legt Dr. Lasker los und Dr. Tarrasch sollte die Kraft seines Gegenüber haben,, dann wäre noch etwas zu holen. Aber er hat die „gewonnene“ Stellung vergeigt und schon keine richtige Lust mehr.

29……           f4
30. Sh1          d4
31. Sf2            Da6
32. Sd3          Tg5
33. Ta1? Verdient ein Fragezeichen, ist aber noch nicht verloren.  Jetzt steht er aber schlechter.

33. h3 war richtig.
33….              Tg3
34. Dh5 und später Se1, das hält noch. Der schwarze König hat auch viel Luft.

33.                  Dh6
34. Ke1          Dh2:
35. Kd1          Dg1
36.  Se1 (was hat dieser Springer schon geleistet ganze 9 Züge lang. Ohne Zweifel steht Schwarz besser, aber immer noch nicht zwingend gewonnen.)

36.                  Tge5
37. Dc6         T5e6 ( Ich glaube das ist nicht richtig.  Den Bauern c7 muss man halten. Taktisch ist nichts los in der Stellung.

38. Dc7:        T8e7
39. Dd8+ 

Nach dem 39.Zug

Das ist das Ende. Dabei wäre der Kampf nach 39. Dc4 nochmals los gegangen. Der Weisse übersieht die hübsche Kombination nach 40. ..     f3.
Was hat Schwarz nach 39. Dc4?  Einen Bauern weniger und kein direkte Kombination. Der a- Bauer droht zu laufen mit Unterstützung des miserablen Turmes auf a1.

Meiner Meinung nach eine weltmeisterliche Partie von beiden Seiten sehr gut gespielt. Leider hat Dr. Tarrasch eben diesen Fehler im 39. Zug gemacht und nicht mehr an sich geglaubt, als noch nichts verloren war. Und Dr. Lasker? Traumhaft gespielt, nachdem er schlecht stand. Wie so oft.

 

 

aktualisiert: 24. November 2008