Die Lieblings-Lasker-Partie  von Viktor Kortschnoi


 
 
 


49. Kalenderwoche


Unser Vorstandsmitglied Stefan Hansen sprach diese Woche mit Viktor Kortschnoi über dessen liebste Lasker-Partie.



"Obwohl die zweite Partie Tarrasch-Lasker bereits von Dr. Negele und Herbert Bräunlin benannt wurde, möchte auch ich diese als meine liebste Partie von Dr. Lasker erklären. Wie du ja weißt, habe ich schon als Kind und junger Mann Dr. Lasker bewundert und auch anhand seiner Partien mein Wissen im Schach vertieft. Die 2. WM-Partie 1908 hat mich besonders fasziniert und ich habe sie immer und immer wieder nachgespielt, bis ich sie auswendig konnte. Der Zufall wollte es, dass sie in der entscheidenden Runde meines ersten großen Erfolges, dem Gewinn der 27. UDSSR-Meisterschaft 1960 in Leningrad, eine entscheidende Rolle einnahm. Ich musste gegen Spitzenreiter Efim Geller antreten und hatte bis zu diesem Zeitpunkt bei allen Siegen gegen ihn weiß gehabt - nie schwarz. Es kam das gleiche Bild auf das Brett, wie eben Tarrasch-Lasker und wie Tarrasch 15. Lxg7..., schlug auch Geller 17. Lxg7....
Diesen Zug hatte ich übersehen und somit meine sichere Königsstellung im Mittelspiel verloren. Ich sammelte mich. Hier hatte Laskers Kombination begonnen. Wie gut kannte Geller die Partie? Dann entschied ich mich an Dr. Lasker zu orientieren - und gewann. Gegen Geller und die Meisterschaft!"
Da die Partie bereits zwei mal kommentiert wurde, nachfolgend die Kommentierung der benannten Partie Geller - Kortschnoi aus "Viktor Kortschnoi. Meine besten Kämpfe, Band 2: Partien mit schwarz" (Edition Olms2001)

Hansen jr - Kortschnoi

Das Bild zeigt Viktor Kortschnoi im Rahmen des Mitgliederturnieres der Emanuel Lasker Gesellschaft, bei einer "freien und wilden Partie" gegen Hansen junior.

 

Jefim Geller - Viktor Kortschnoi [B03]
URS-ch27 Leningrad (18), 1960

1.e2-e4 Sg8-f6 2.e4-e5 Sf6-d5 3.d2-d4 d7-d6 Die Aljechin-Verteidigung ist ein seltener Gast in Spitzenturnieren. Ich spielte sie, um meinen erfahrenen Gegner wenigstens etwas aus dem Konzept zu bringen und all die gefährlichen Systeme, die er in zahlreichen Eröfnnungen ausgearbeitet hatte, zu umgehen. Er sollte gezwungen sein, von Anfang an eigenständig zu denken.
4.c2-c4 Sd5-b6 5.f2-f4
Der Vierbauern-Angriff ist eine der besten Entgegnungen auf die Aljechin-Verteidigung. Trotzdem ist 4.Sf3 seit Jahrzehnten und so auch heute die beliebteste Fortsetzung.
…Lc8-f5 6.Sb1–c3 d6xe5 7.f4xe5 e7-e6 8.Sg1–f3 Lf8-e7 9.Lf1–e2 0–0 10.0–0 f7-f6
Schwarz spielt die Eröffnung etwas unorthodox, indem er die Entwicklung des Springers nach c6 hinauszögert. Das Problem bestand darin, dass ich mir über die Variante 8…Sc6 9.Le3 Le7 10.d5 nicht im Klaren war. Mittlerweile ist man der Ansicht, Schwarz habe nichts zu befürchten, aber damals hielt man die schwarze Stellung für sehr schwierig. Das verzögerte Sc6 bringt Geller auf die Idee, von der üblichen Aufstellung der weißen Figuren abzuweichen.
11.Lc1–f4?!
11.exf6 Lxf6 12.Le3 Sc6 13.Dd2 nebst Tad1 mit leichtem weißen Vorteil führt zu einer Standardstellung dieser Variante. Diese Stellung hatte ich zwar gegen Suetin bei der UDSSR-Meisterschaft 1952 verloren, andererseits konnte ich mit ihr auch ein paar Partien gewinnen. So verfügte ich hier im Gegnsatz zu Geller, der diese Position nur vage kannte, bereits über praktische Erfahrungen. Meine Eröffnungswahl hat sich also bereits bezahlt gemacht. Jetzt kam es nur noch darauf an, gut zu spielen!
11…Sb8-c6 12.e5xf6 Le7xf6 13.d4-d5
Offensichtlich war Geller am Brett auf den Läuferzug nach f4 verfallen, um hier oder im nächsten Zug seinen Springer nach b5 zu ziehen. Aber jetzt kamen ihm Zweifel. In der Tat, nach 13.Sb5 Tc8 ist es für Weiß schwer, eine zufriedenstellende Angriffsfortsetzung zu finden.
13…Sc6-a5
Der Bauer auf c4 hängt und ist nicht leicht zu verteidigen. Auch jetzt wäre der Springerausflug nach b5 nicht von Erfolg gekrönt.
14.Sf3-e5 Lf6xe5?
Ein Fehler, der typisch für den Anfang meiner Schachkarriere ist: Beim Versuch, so schnell wie möglich Material zu gewinnen, unterschätzte ich die taktischen Chancen des Gegners.
15.Lf4xe5 Sa5xc4 16.Le2xc4 Sb6xc4 17.Le5xg7!

Geller-Kortschnoj

Zum Vergleich:
Tarrasch-Lasker nach dem 15. Zug (15.Lg7)
Tarrasch-Lasker

Diesen Zug hatte ich übersehen. Eine sichere Königsstellung ist einer der wichtigsten Faktoren im Mittelspiel. Jetzt hat Weiß die Initiative, und Schwarz muss um den Ausgleich kämpfen.
17...Sc4-e3! 18.Dd1–e2 Se3xf1 19.Lg7xf8 Sf1xh2!
Nun gut, zumindest ist nun der Bauernschild beider Könige zerstört.
20.Lf8-c5 Sh2-g4 21.d5xe6 Dd8-h4 22.e6-e7 Dh4-h2+ 23.Kg1–f1 Dh2-f4+ 24.Kf1–g1?!
Großmeister Geller hat in seiner Karriere viele entscheidende Partien gespielt und gewonnen. Brauchte er einen Sieg gegen einen friedfertigen Gegner, pflegte er, den Widerstand in aller Ruhe zu brechen. Selten befand er sich in der umgekehrten Situation, selbst um Remis kämpfen zu müssen. So ließen ihn in dieser Partie seine Nerven im Stich. Nebenbei bemerkt hatte ich mit ähnlichen, psychologisch schwierigen Situationen zu kämpfen und konnte mich auch nicht immer glänzend aus der Affäre ziehen.
Die Rückkehr des Königs in die Gefahrenzone gibt das Remis zwar noch nicht aus der Hand, macht die Dinge für Weiß aber komplizierter. Nach 24.Ke1! muss Schwarz Dauerschach geben, um das Schlimmste zu verhindern.
24…a8-e8 25.De2-f3 Df4-h2+ 26.Kg1–f1 Dh2-h5 27.Df3-d5+ Kg8-g7 28.Dd5-d4+ Kg7-g6 29.Sc3-e2 Dh5-h1+ 30.Se2-g1?! b7-b6 31.Dd4-d8 Sg4-f6 32.Lc5-a3 Lf5-e4 33.Dd8-d2 c7-c5 34.b2-b4 c5-c4 35.b4-b5 Le4-d3+

0–1

 

 

 

aktualisiert: 3. Dezember 2008