Die Lieblings-Lasker-Partie  von Rainer Knaak


 
 
 


50. Kalenderwoche


Unser Mitglied Rainer Knaak lieferte für diese Woche seine Lieblings-Lasker-Partie. Wir bedanken uns herzlich.



(1) Emanuel Lasker - Wilhelm Steinitz [C62]
5. Weltmeisterschaft USA/CAN (7), 03.04.1894
[Knaak]


Diese Partie habe ich schon mehrfach kommentiert, jedes Mal entdecke ich neue Aspekte - dies ist allerdings vor allem den immer schnelleren Rechnern geschuldet. Aber wie Lasker sich aus einer verlorenen Stellung rettet und am Ende gar selbst den vollen Punkt macht, fasziniert mich immer wieder. Es hat nämlich mit Glück oder gar Psychologie nichts zu tun. Die Partie wurde beim Stand von 3:3 gespielt. Der für Steinitz sehr unglückliche Ausgang scheint in den weiteren Partien Nachwirkungen hinterlassen zu haben.
1.e2-e4 e7-e5 2.Sg1–f3 Sb8-c6 3.Lf1–b5 d7-d6 4.d2-d4 Lc8-d7 5.Sb1–c3 Sg8-e7 6.Lc1–e3
Gegen den schwarzen Spielaufbau gibt es mehrere gute Züge, wie z.B. das Schlagen auf e5 und 6.d5.
6...Se7-g6 7.Dd1–d2 Lf8-e7 8.0–0–0
Den Plan mit der langen Rochade hat Lasker in späteren Partien nicht mehr gespielt.
8...a7-a6 9.Lb5-e2 e5xd4 10.Sf3xd4 Sc6xd4 11.Dd2xd4 Le7-f6 12.Dd4-d2 Ld7-c6 13.Sc3-d5 0–0 14.g2-g4?
Statt leicht besser für Weiß, z.B. nach 14.Sxf6+ Dxf6 15.f3 mit der Idee 16.h4, heißt die Einschätzung nach diesem ungesunden Zug nun, etwas besser für Schwarz.
14...Tf8-e8 15.g4-g5?!
[Auch 15.Sd5xf6+?! Dd8xf6 16.f2-f3 Df6-e6 17.Kc1–b1 Lc6xe4! 18.f3xe4 De6xe4 ist unerfreulich für Weiß.; Nach 15.f2-f3 Lc6xd5 16.Dd2xd5 Lf6-e5 käme Schwarz zur Blockade der schwarzen Felder, insbesondere f4. Trotzdem war dies die gebotene Spielweise.]
15...Lc6xd5 16.Dd2xd5
[Nach 16.e4xd5 Te8xe3! 17.f2xe3 Lf6xg5 sieht die weiße Stellung fürchterlich aus.]
16...Te8-e5 17.Dd5-d2?
Vermutlich hat Lasker hier zügig gespielt und Steinitz' kleine Kombination immer noch nicht entdeckt. Seine Fehlerkette war in Wahrheit wohl nur ein einziges Übersehen. [Das kleinere Übel war 17.Dd5xb7 Ta8-b8 18.Db7-a7 Lf6xg5 19.Le3xg5 Te5xg5 ; die schwarze Stellung ist vorzuziehen, aber Weiß ist noch lange nicht verloren.]
17...Lf6xg5!

Bild 1

18.f2-f4! Das, was ursprünglich als Widerlegung gedacht war, ist nun der Versuch im Spiel zu bleiben - auf Kosten der Hergabe eines zweiten Bauern.
18...Te5xe4 19.f4xg5 Dd8-e7 20.Td1–f1 [Der gereiftere Lasker hätte vielleicht ein schlechteres Endspiel angestrebt, etwa 20.Le2-f3 Te4xe3 21.Th1–e1 Ta8-e8 (21...Te3-e5 kommt in Frage.) 22.Dd2xe3 De7xe3+ 23.Te1xe3 Te8xe3 24.Lf3xb7 mit schwierig abzuschätzenden Aussichten.]
20...Te4xe3
Weiß steht nun objektiv auf Verlust.
21.Le2-c4 Sg6-h8
Von zwei passiven Zügen wählt Schwarz den ungünstigeren, der Springer h8 wird noch in der Schlussstellung auf dem Eckfeld stehen. Aber die Gewinnstellung bleibt bestehen. [Nach 21...Ta8-f8 22.h2-h4 Te3-e4 sehen die konkreten Varianten keine Rettung für Weiß. 23.h4-h5 (23.Lc4-d3 Te4xh4 24.Th1xh4 Sg6xh4 25.Tf1–e1 De7-d7 (25...De7-d8 26.Te1–h1 Sh4-g6 27.Kc1–b1) 26.Dd2-h2 Dd7-g4 27.Te1–g1 Tf8-e8 28.Ld3xh7+ Kg8-f8–+) 23...Sg6-e5 24.Lc4-d5 Se5-c4 25.Ld5xc4 Te4xc4–+]
22.h2-h4 c7-c6 23.g5-g6!?

Bild 2

Steinitz steht nun vor einer schwierigen Entscheidung.
23...d6-d5?
Schwarz schließt die Diagonale a2-g8 und vermeidet die Öffnung der h-Linie. Steinitz will die Partie risikolos, also ohne dem Gegner eine offene Linie zu gönnen, gewinnen. Es ist erstaunlich, dass dieser Fehler den gesamten Vorteil wegschmeißt. [Richtig war 23...h7xg6 24.h4-h5 und nun: 24...g6xh5! (24...g6-g5 25.h5-h6 d6-d5 (25...g7xh6 26.Dd2-h2! De7-f8 27.Tf1–f6 Df8-e7 28.Tf6-f1=) 26.h6-h7+ Kg8-f8 27.Lc4-d3 Weiß behält praktische Chancen.) 25.Th1xh5 Ta8-e8 26.Th5-h1 De7-g5 27.Kc1–b1 d6-d5 28.Lc4-d3 Sh8-g6 29.a2-a3–+ Drei Bauern minus sind einfach zu viel, zumal alle schwarzen Figuren aktiv stehen.]
24.g6xh7+ Kg8xh7 25.Lc4-d3+ Kh7-g8 26.h4-h5
Weiß besitzt nun genug Kompensation für zwei Bauern.
26...Ta8-e8 27.h5-h6 g7-g6 28.h6-h7+ Kg8-g7 29.Kc1–b1! De7-e5 30.a2-a3!
Lasker baut sich in aller Ruhe eine sichere Königsstellung auf - am Ende wird er davon profitieren.
30...c6-c5 31.Dd2-f2!?
Opfert auch noch eine Figur!
31...c5-c4 32.Df2-h4 f7-f6
[32...Kg7-f8 33.Ld3-f5 d5-d4 (33...g6xf5 34.Th1–g1 f7-f6 siehe Partie) 34.Th1–g1 Kf8-g7 35.Tg1–h1 f7-f6 - Partie, falls Schwarz 33...d4 gespielt hätte.] 33.Ld3-f5 Kg7-f7 [33...d5-d4 war vermutlich stärker.]
34.Th1–g1 g6xf5
[34...g6-g5 war besser laut Steinitz, doch einfach 35.Dh4-h6 nebst Lg4 (oder Lh3) bringt Weiß in Vorteil.]
35.Dh4-h5+ Kf7-e7 36.Tg1–g8

Bild 3

 Die Stellung ist hier noch im Gleichgewicht, aber Schwarz sollte sich ums Remis bemühen. Dies sah Steinitz mit Sicherheit anders.
36...Ke7-d6?
Schwarz büßt die f-Bauern ein und behält den d-Bauern. Das sieht total logisch aus, ist aber falsch. Weiß besitzt nun bereits sehr gute Gewinnchancen. [36...Ke7-d7! 37.Tf1xf5 De5-e6 38.Dh5-g4 (Oder 38.Tf5xd5+ Kd7-c6 Schwarz hat den Bauern d5 eingebüßt, besitzt aber dafür gute gute Chancen, den König in Sicherheit zu bringen. Allerdings sollte der Bauer h7 dennoch ein ausreichendes Äquivalent für die Minusfigur darstellen.) 38...Te3-e4 39.Dg4-g7+ Te8-e7 40.Dg7-f8 Te7-e8 41.Df8-g7+ mit remis.]
37.Tf1xf5 De5-e6 38.Tg8xe8 De6xe8 39.Tf5xf6+ Kd6-c5 [39...Kd6-c7? 40.Dh5xd5 Te3-e1+ 41.Kb1–a2 De8-e7 42.Dd5xc4+ Kc7-d7 43.Tf6-b6+-]
40.Dh5-h6

Bild 4

40...Te3-e7 [Von Chigorin wurde 40...De8-e7 41.Tf6-f8 Te3-e6 abgegeben, aber die Computeranalyse zeigt 42.Dh6-d2! De7xh7 43.Tf8-c8+ Te6-c6 44.Dd2-b4+ Kc5-d4 45.Tc8xh8! Dh7-f7 46.Th8-f8 Df7-d7 (46...Df7-g6 47.Tf8-f1 Tc6-e6 48.Tf1–d1+ Kd4-e5 49.Db4xb7+-) 47.Tf8-f1 Dd7-d8 48.Tf1–d1+ Kd4-e5 49.Td1–e1+ Ke5-f6 50.Db4-c3+ und Weiß gewinnt.; 40...Te3-e2 sieht am besten aus, aber nach 41.Dh6-g7 Te2-e7 42.Dg7-g1+ Te7-e3 43.Tf6-f3 d5-d4 44.Dg1–g5+ Te3-e5 45.Dg5-g7 bleibt Weiß am Drücker.]
41.Dh6-h2 Dies erschwert den Gewinn, aber vergibt ihn vermutlich nicht. [41.Dh6-d2! De8-d8 (41...Te7-e6 42.Tf6-f8!+-) 42.Dd2-b4+ Kc5-d4 43.a3-a4!+- mit der Idee 43...-- 44.Db4-d2+ Kd4-c5 45.b2-b4+ c4xb3 46.Dd2-c3#]
41...De8-d7
Das verliert nun glatt. [41...De8-d8 42.Dh2-f2+ Kc5-b5 (42...d5-d4 43.Df2-f5+ Dd8-d5 44.Df5-c8+ Kc5-b5 45.Kb1–a2+-) 43.b2-b3! Te7-e1+ 44.Kb1–b2 Te1–e3 45.b3xc4+ Kb5-a4 46.c4xd5 Te3-e4 47.d5-d6 Te4-c4 48.c2-c3+-; 41...Te7-e1+ 42.Kb1–a2 De8-e5 43.Dh2-h6! De5-e7 44.Tf6-f8 Te1–e6 45.Dh6-d2 De7xh7 46.Tf8-c8+ Te6-c6 47.Tc8xh8 Dh7-f7 48.Dd2-b4+ Kc5-d4 49.Th8-f8 Df7-g6 (49...Df7-d7 50.Tf8-f1 Dd7-d8 51.Tf1–d1+ Kd4-e5 52.Td1–e1+ Ke5-f6 53.Db4-c3++-) 50.Db4xb7 Weiß besitzt gute Gewinnchancen.; 41...Te7-e6 42.Dh2-f2+ Kc5-b5 43.Tf6-f8 Te6-e1+ 44.Kb1–a2 De8-e3 45.Df2-f5 De3-e6 46.Df5-f3! Te1–e3 47.Df3-g2 c4-c3 (47...De6-e4 48.Dg2-g7+-) 48.Tf8xh8 Te3-e2 49.Dg2-g8 De6-e4 50.Dg8-c8+-]
42.Dh2-g1+ d5-d4 43.Dg1–g5+ Dd7-d5 44.Tf6-f5 Dd5xf5 45.Dg5xf5+ Kc5-d6 46.Df5-f6+
Die Partie fällt m. E. nicht in die Kategorie "Glatt gewonnen". Aber ob Steinitz das auch so gesehen hat, ist zweifelhaft, denn er verlor gleich noch die nächsten vier Partien. Eine sicher umfangreichere und genauere Analyse dieser Partie können Sie in Hübners "Der Weltmeisterschaftskampf Steinitz-Lasker 1894" einsehen; mir stand dieses Werk leider nicht zur Verfügung.

1–0

 

 

 

aktualisiert: 10. Dezember 2008