Die Lasker-Partie der Woche

 
 
 

 

11./12. Kalenderwoche 2009

 

Für die folgende Lasker-Partie der Woche bedankt sich die Emanuel Lasker Gesellschaft freundlichst bei dem Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift KARL, Harry Schaack.


Die folgende Partie Laskers macht auf den ersten Blick nicht den Eindruck, zeigenswert zu sein. Der Gegner des Weltmeisters, Emanuel Stepanovich Schiffer (1850–1904) ist heute relativ unbekannt, obwohl er lange Zeit hinter Tschigorin die Nr. 2 in Russland war. Große internationale Erfolge blieben ihm jedoch versagt. Zudem ist die Partie gerade am Anfang voller Fehler von beiden Seiten. Der Grund, warum gerade diese Begegnung zu meinen liebsten von Lasker gehört, ist die unerhörte Wehrhaftigkeit des Weltmeisters. Nach schwachem Auftakt gerät er in eine fast aussichtslose Lage, doch dann gelingt es ihm innerhalb weniger Züge wie durch Zauberhand die Stellung umzudrehen. Insofern ist die Partie prototypisch für Lasker und ein guter Beleg dafür, warum Tarrasch, der beim selben Turnier in Nürnberg nur dritter wurde, im Turnierbuch vermerkte, sein Erz-Kontrahent habe vor allem Glück gehabt. Damit hat er in gewisser Hinsicht Recht. Indes macht die Partie die Schwächen und Stärken des 2. Weltmeisters deutlich. Sein zuweilen zaghaftes und nachlässiges Spiel in der Eröffnung führte nicht selten zu einer schlechten, gelegentlich zu einer sehr schlechten Stellung. Doch gerade in diesen Positionen, in denen er mit dem Rücken zur Wand stand, spielte er seine ganze Klasse aus. Er suchte nach jeder Chance, verteidigte äußerst umsichtig, stellte Fallen – kurz: er machte es den Gegnern so schwer wie möglich, einen Vorteil in einen vollen Punkt zu verwandeln. Diese außerordentliche Fähigkeit, schlechte Stellungen zu verteidigen, ist eine der Grundfesten für Laskers Erfolg. Ihn musste man mindestens zweimal besiegen. Und insofern hatte er sich sein Glück meist redlich verdient.
Die Begegnung fand im Rahmen des Nürnberger Turniers statt, das allgemein etwas unterschätzt wird, obwohl die Besetzung der des legendären Turniers in Hastings 1895 nicht nachstand.  


Lasker,Emanuel - Schiffers,Emanuel Stepanovich [D02]
Nuremberg Nuremberg (2), 21.07.1896

1.d4 d5 2.Sf3 Lg4 3.Se5 Lf5 4.c4 f6 5.Sf3 e6 6.Db3 b6?! 7.Sc3 c6 8.a4 Sa6? 9.cxd5 exd5 [9...Sb4 10.e4 Lxe4 11.Sxe4 Dxd5 12.Sfd2 Dxb3 13.Sxb3 Sc2+ 14.Kd2 Sxa1 15.Sxa1  und Weiß steht klar besser.] 10.e4

Zug 10

10...dxe4 11.Lxa6 [Das von Tarrasch im Turnierbuch angegebene  11.Sh4 Lc8 12.Lxa6 Lxa6 13.De6+ Le7 14.Dxc6+ Kf7 15.Dxe4  "mit einem Bauern mehr und gutem Spiel für Weiß" ist nicht ganz klar. Der Textzug scheint besser.] 11...exf3 12.0–0! Ld6 13.Lb7?! Diagramm

Zug 13

[Andrew Soltis schlägt in "Why Lasker Matters"  13.Te1+ Se7 14.Se4! vor, wonach  14...Lc7 wegen 15.Lb7 Lxh2+ 16.Kxh2 Dc7+ 17.g3 Dxb7 18.Sd6+  nicht geht.] 13...Lxh2+ 14.Kxh2 [14.Kh1 fxg2+ 15.Kxg2 Ld6! 16.Lxc6+ Kf8 mit beiderseitigen Chancen (Soltis)] 14...Dc7+

Zug 14


15.g3? [15.Lf4!  war der richtige Zug. 15...Dxf4+ 16.g3 Dg4 (16...Dh6+ 17.Kg1 Dh3 18.Lxc6+ Kf8 19.Lxf3+-) 17.Lxc6+ Kf8 18.Kg1±] 15...Dxb7 16.Te1+ Se7 17.Lf4 0–0–0 18.a5? [Besser war  18.Sb5 , allerdings sind die Verwicklungen nach 18...Sd5 unklar: (18...cxb5 19.Tac1+ Sc6 20.Dxf3+-) 19.Sd6+ Txd6 20.Lxd6 Dd7 21.La3 Lg4  und Schwarz steht nicht schlechter. Er hat zwei Bauern für die Qualität und Angriff.] 18...Sg6 Jetzt steht Schwarz schon besser. 19.axb6 Dxb6 20.Dxb6 axb6 21.Ta7 Td7 22.Tea1 Txa7 [Besser war 22...Kd8 ] 23.Txa7 Te8

Zug 23

 Dies ist nun die besagte Stellung. Weiß hat zwei Bauern weniger und sein Verlust scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Doch nun findet Lasker erstaunliche Züge. 24.d5! Ein spektakulärer Zug. Weiß verteidigt sich sehr aktiv und stellt die ersten taktischen Fallstricke: Es droht Ta8 Kd7, dxc6 [Nach dem vom Computer bevorzugten  24.Txg7 erwartet den Weißen ein kaum zu haltendes Endspiel: 24...Sxf4 25.gxf4 Td8 26.Sa4 (26.Tf7 Tg8 27.Txf6 Tg2+ 28.Kh1 Ld3 29.Txc6+ (29.Sd1 Kc7) 29...Kd7) 26...Txd4 27.Sxb6+ Kd8 28.b3 Txf4 29.Kg3 Td4 30.Kxf3 Lc2] 24...cxd5 [24...Te7 25.Txe7 Sxe7 26.Ld6 Sxd5 27.Sxd5 cxd5 28.Lf8 gibt Weiß Dank der ungleichen Läufer gute Remischancen, auch en die Stellung nicht klar ist.] 25.Sxd5 Sxf4? [Der Textzug sieht logisch aus, doch Tarrasch weist auf das feine  25...Te2 hin, das dem schwarzen gute Gewinnchancen verspricht. Doch Schiffer war wohl durch die plötzlichen weißen Drohungen verunsichert.] 26.gxf4! Te2 27.Kg3 [Lasker konnte bereits Remis erzwingen mit   27.Se7+ Kb8 28.Sc6+ Kc8 29.Se7+ (aber nicht 29...Kd8 30.Sxf5 Txf2+ 31.Kg3 Txb2 32.Sxg7 f2 33.Kg2± ) doch er spielt auf Gewinn. (Soltis)] 27...Txb2 28.Txg7 Kb8 29.Sxf6 b5 30.Tg5 Ld3 31.Sd7+! Kc7 32.Se5 Le4 33.f5! Laskers Figuren sind ideal postiert und es erweist sich, dass der weiße f-Bauer viel gefährlicher ist als der schwarze b-Bauer. 33...Ta2 34.f6 Ta8 35.f7 Kd6 36.Tg8! Ke7 37.Kf4 Ld5 38.Tg7 Th8 39.Kg5 Die Stellung ist immer noch Remis, doch Schiffer bricht bald unter dem anhaltenden Druck zusammen. Lasker spielt seine Endspielüberlegenheit aus. 39...h6+ 40.Kf5! Le6+ 41.Kg6 Tc8 42.Th7! b4?! [¹42...Tf8] 43.f8D+! Kxf8 44.Kf6 Lg8?? [Am besten sit jetzt wohl 44...Tc2 45.Kxe6 Kg8 46.Tf7 Txf2 was in einem Remis enden sollte.; Schlechter ist dagegen  44...Kg8 45.Tg7+ Kf8 46.Sg6+ Ke8 47.Kxe6 Tc6+ 48.Kf5 Tc2 49.Tg8+ Kf7 50.Tf8+ Kg7 51.Tb8 Txf2 52.Tb7+ Kg8 53.Kf6 und Weiß setzt Matt. (Soltis)] 45.Te7!+- Droht Sg6 Matt. 45...Lh7 46.Txh7 Kg8 47.Tg7+ Kf8 48.Tb7 Ta8 49.Tf7+! Und das Matt ist nicht mehr zu vermeiden. 49...Ke8 50.Te7+ Kd8 51.Sf7+ Kc8 52.Sd6+ Kd8 53.Ke6 Ta7 54.Txa7 b3 55.Ta8+ Ein fantastisches Endspiel. Die zweite Partiephase spielte Lasker fast fehlerfrei.
1–0

 

 

aktualisiert: 14. März 2009