Die Lasker-Partie der Woche

 
 
 

 

18./19. Kalenderwoche 2009

Der folgende Text ist eine gekürzte und bilderlose Fassung eines Artikels, der gegen Jahresende in der Festschrift zu Ehren des italienischen Schachforschers Alessandro Sanvito erscheinen wird. Die Veröffentlichung in dieser Form erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.


Francesco Gibellato

Woran denken die beiden?
(Untersuchungen zur Partie Iljin-Genewski  - Lasker)

Weder Lasker noch Iljin-Genewski  haben, nach meinem Wissen, die besagte Partie mit Anmerkungen versehen. Aber Iljin-Genewski  beschrieb ihren Verlauf  im Tagebuch das er während des Turniers führte, und das dann nach der Veranstaltung (ich glaube nur in russischer Sprache) veröffentlicht wurde. Was Lasker betrifft, kommentierte er die Partie nicht. Aber dennoch…

Ende Oktober 1925, wenige Tage vor der Abreise nach Moskau, beendete Emanuel Lasker das Lehrbuch des Schachspiels. In seinem zentralen Teil, welcher dem Positionsspiel gewidmet ist, formulierte er – neben vielen anderen Dingen – die geeigneten Prinzipien und Methoden für Stellungen, die jener der Partie mit Iljin-Genewski  so genau entsprechen, dass man an eine Art von Vorahnung denkt  - oder besser gesagt, in der Partie mit Iljin-Genewski bekam er die Gelegenheit die Prinzipien, die er in abstrakter Form gerade in seinem neuen Werk dargelegt hatte, in „lehrbuchartiger“ Weise zu demonstrieren. Diese Aussagen Laskers werden hier zum gegebenen Zeitpunkt als Kommentare zur Partie verwendet, wohl wissend, dass dies gewissermaßen eine Verzerrung darstellt.

Es werden weiters auch die interessanten Anmerkungen anderer Meister verwendet, die die Partie damals oder zu einem späteren Zeitpunkt kommentierten – allerdings nicht immer in sehr glücklicher Weise.

Stellen wir uns also vor, wir befinden uns am Nachmittag des 19. November 1925 im Brunnensaal des Hotel Metropol in Moskau, wo das Turnier stattfindet und die 8. Runde kurz vor ihrem Beginn steht.

Iljin-Genewski  erzählt:
Heute spiele ich gegen Dr. Lasker. Eine enorme Menschenmenge ist gekommen um unserer Partie zuzusehen. Das Publikum ist gierig nach Sensationen aller Art. Viele denken, dass wenn ich gestern die Partie mit Capablanca gewonnen habe, ich heute auch gegen Lasker siegen kann. Ich hege aber nicht so übertriebene Hoffnungen. Andererseits will ich auch nicht verlieren. Mit einem Remis wäre ich mehr als zufrieden. Aber eben läutet die Glocke die den Spielbeginn signalisiert und ich und  Lasker setzen und einer gegenüber dem anderen hin. Ich habe Weiß.


Weiß: Alexander Iljin-Genewski  - Schwarz: Emanuel Lasker
Internationales Turnier Moskau – 8. Runde (19. November 1925)
Sizilianische Verteidigung

1.e4 c5 2.Sc3 e6 3.Sf3 d6
Iljin-Genewski :
Lasker entscheidet sich für die sizilianische Verteidigung. Ich kenne diese Eröffnung gut, und ich kenne alle ihre negativen Seiten für Weiß, wenn er sich in klassischer Weise entwickelt. In der gestrigen Partie spielte Capablanca gegen mich dieselbe sizilianische Partie, und fianchettierte einen seiner Läufer. Mir schien das eine gute Idee. Nun, gegen Lasker, fasse ich den Plan noch origineller zu spielen, indem ich beide Läufer im Fianchetto entwickle. Ich beschließe also so fortzusetzen.

Am Beginn der zwanziger Jahre kam die sizilianische Verteidigung in Mode, und Weiß hatte noch keine klaren Vorstellungen über die wirksamsten Spielweisen um sie zu bekämpfen. Daher waren die Experimente sehr häufig, und das Spiel nahm schon zu Beginn einen originellen Charakter an. Ich unterlasse es daher die Eröffnungszüge detailliert zu kommentieren, und möchte lediglich bemerken, dass Weiß versucht einen Raumvorteil zu erringen, ohne Schwachstellen in seinem Lager zu schaffen, während Schwarz sich ruhig entwickelt und nach Flexibilität und Zentralisierung strebt.

4.g3 Sf6 5.Lg2 Le7 6.0–0 0–0 7.b3
Weiß will von vornherein die Schwäche auf c4 vermeiden, die bei anderen Fortsetzungen sehr oft Unbequemlichkeiten bereitet. (Bogoljubow)

7...Sc6 8.Lb2 Ld7 9.d4 cxd4 10.Sxd4 Da5 11.Dd2 Tac8 12.Tad1
Iljin-Genewski :
Das Ergebnis ist sehr gut. Meine Figuren nehmen eine starke Stellung ein und ich habe keine Schwierigkeiten. Ich drohe sogar schon Bauerngewinn. Um den Bauern zu retten muss Lasker den König ziehen, und verliert ein Tempo.
Weiß droht nämlich 13. Sxc6 Lxc6 14. Sd5! Dd8 15. Sxe7 Dxe7 16. Dxd6. Ein heutiger Meister würde wahrscheinlich ein Manöver wie 12...Sxd4 13.Dxd4 e5 14.Dd2 Lg4 15. f3 Le6 erwägen, mit komplexem Spiel. In typischer Weise zeiht es Lasker aber vor die Kompaktheit und Elastizität der eigenen Zentralbauern zu erhalten.

12...Kh8
An dieser Stelle muss Weiß aufpassen. Nahe liegend wäre 13.f4, aber nach 13...Sxd4 14. Dxd4 d5 kommt der schwarze Gegenangriff der die Drohung 15...Lc5 ausnützt. Auch 13.Sdb5 Se8 ergibt nicht viel, nach 14.f4 a6 15.Sd4 Sxd4 16.Dxd4 d5 (und klarerweise nicht 14.a3 a6 15.Sd4 Sxd4 16.Dxd4 Lf6). Die Plan von Iljin-Genewski  erscheint daher verständlich:
Und jetzt – denke ich – ist der richtige Moment für einen Damentausch. So erhalte ich den Druck, und es verschwindet jegliche Möglichkeit eines unerwarteten Gegenangriffs. Ich biete also den Damentausch an.

13.Sce2

1

Den Erinnerungen der Zuschauer zufolge, versank Laser an dieser Stelle in eine Meditation und dachte lange nach, bevor er den nächsten Zug ausführte.

13...Dxa2!!
Iljin-Genewski :
Aber was ist denn das? Anstatt die Damen zu tauschen, schlägt Lasker meinen Bauern! Das verstehe ich nicht: Das Nehmen des Bauern bedeutet den Verlust der Dame. Natürlich nicht umsonst: Lasker erhält dafür einen Turm, einen Läufer und einen Bauern, die aber in keiner Weisen den Damenverlust kompensieren. Vielleicht entgeht mir ein Manöver. Ich blicke mit weit geöffneten Augen auf das Brett, meine Zeit läuft davon, aber ich verstehe nicht worin die Kombination besteht. Im Saal ist eine starke Aufregung bemerkbar. Der Lärm wächst mit jedem Zug. Offensichtlich verfolgt das Publikum den kritischen Moment der Partie. Nein. Man sieht keine Kombination Laskers. Ich kann ruhig die Dame schlagen.

Iljin-Genewski  berücksichtigt nur die arithmetische und statische Berechung des Wertes der getauschten Figuren. Lasker schrieb aber im Lehrbuch:
Ebenso wie es wahr ist, daß der Wert mehrerer Steine nicht als bloße Summe der Werte der einzelnen Steine aufzufassen ist, da doch auch das Moment des Zusammenspiels der betreffenden Steine zu bewerten ist, ebenso ist es wahr, daß ein Stein durch einen gleichwertigen feindlichen nicht ohne weiteres kompensiert wird, sondern daß dabei noch ein Moment des Gegenspiels zu bewerten steht. Und dies Moment ist immer zu beachten, auch wenn die Werte der feindlichen Steine grundverschieden sind.

Die Möglichkeit des Gegenspiels… Es ist verständlich, dass Iljin-Genewski  in der Hitze des Gefechtes den Sinn des Laskerschen Manövers nicht begriffen hat. Es ist weniger verständlich, dass dieser Sinn nicht einmal von den folgenden Kommentatoren begriffen wurde, obwohl sie die Partie in aller Ruhe in ihren Stuben analysieren konnten. Als Beispiel sei die folgende, farblose Anmerkung Boboljubows aus dem Turnierbuch zitiert:

Eine sonderbare Kombination Laskers. Zwar bekommt Schwarz nach dem Damenopfer eine sehr feste Stellung, das Verlustrisiko ist jedoch dabei nicht ganz ausgeschlossen. Wahrscheinlich fürchtete er, daß Weiß nach dem Damentausch oder dem Damenrückzug mit 14. c4 eine überlegene Stellung erhalten könnte.

Soweit ich feststellen konnte, hatte von den zeitgenössischen Kommentatoren nur Kmoch den Plan Laskers begriffen. Kmoch scrieb:
Interessant und für Laskers Weitblick bezeichnend. Er gibt die Dame für Turm, Läufer und Bauer, was eigentlich nur einen Tausch bedeutet. Aber dazu erscheint am fernen Horizont die Möglichkeit, auf der a-Linie einen Freibauern zu erhalten und das ergibt für Schwarz ein kleines ideelles Plus, denn der Gegner verfügt wohl über eine gute Stellung, nicht aber über eine ähnliche bestimmte Perspektive.

14.Ta1 Dxb2 15.Tfb1 Dxb1+ 16.Txb1
Iljin-Genewski :
Wie führen drei Züge aus und die Dame Laskers verschwindet vom Brett. Das Geräusch im Saal ist unbeschreibbar. Das Publikum kann seine Aufregung nicht verbergen. Vor den Demonstrationsbrettern herrscht ein solcher Andrang, dass die Schiedsrichter eingreifen müssen um die Ordnung wieder herzustellen. Nur Lasker demonstriert eine souveräne Ruhe. Er raucht seine Zigarre und überlegt seinen nächsten Zug. Seine Gesichtszüge sind unbeweglich, wie in Stein gemeißelt. Nur die Augen drücken die Beherrschung der Lage und Siegeswillen aus. Ich stehe auf um die eingeschlafenen Füße ein wenig auszutreten. An jedem Augenblick werde ich von einem unserer Meister aufgehalten, der mich verwundert fragt: „Was geschieht denn? Hat Lasker vielleicht etwas übersehen?“ Ich kann nur mit den Achseln zucken. Einige, darunter Bogoljubow, gratulieren mir bereits zum Sieg. Ich nähere mich wieder dem Brett, und sehe, dass Lasker einen ruhigen Zug ausgeführt hat. Es ist vollkommen klar, dass er nicht über eine forcierte Kombination verfügt, die mit entgangen sein könnte, und dass die Partie mit dem Materialvorteil fortsetzen wird, den ich bereits besitze..

16...Tfd8
Iljin-Genewski :
Ich beginne über den Plan nachzudenken, um die Partie so schnell wie möglich siegreich zu beenden. Der Vorstoß des Königsbauern scheint attraktiv zu sein, aber dadurch öffne ich meine Königsstellung, und ich will nichts riskieren. Vielleicht gelingt es mir die Stellung meines Gegners nur durch Figurenspiel an irgendeiner Stelle zu schwächen. Ich wähle diesen letzten Plan.

Aus den letzten Anmerkungen geht deutliche hervor, das Iljin-Genewski  glaubt in Vorteil zu sein – sei es materiell als positionell – und dass er sich deshalb zum Angriff verpflichtet fühlt. Das entspricht einem von Lasker verkündeten Prinzip:
Wer im Vorteil ist muss angreifen..

Aber wo angreifen? Geben wir wieder Lasker das Wort:
Das Ziel des Angriffs liegt in einer Schwäche der feindlichen Stellung. [Man darf] also die Stellung mit einer Kette [vergleichen], die viele Ringe miteinander verbindet, und den Angreifer mit dem, der die Kette zerreißen oder sprengen will, und diesem den Rat geben, zunächst einmal den schwächsten Punkt, den losesten Zusammenhang der Kette zu suchen und dort seine Kraft einzusetzen. Wäre die Kette überall gleich stark, so wäre nicht einzusehen, warum man diese oder jene Stelle herausgreifen solle, um dort an ihr zu zerren; aber sie ist niemals an allen Stellen gleich stark, und der Meister wählt besonnen und gewissenhaft den Punkt geringsten Widerstandes zum Zielpunkt seiner Angriffskräfte.

Das Problem ist, dass in Laskers Stellung noch keine Schwachstellen zu sehen sind. Deshalb beschließt Iljin-Genewski  seinen Raumvorteil zu konsolidieren.

17.c4 Se8!
Es muss seine Zeitgenossen verwirrt haben, dass Lasker nach dem vermeintlichen „Damenopfer” nicht nur nicht angreift, sondern sich sogar zurückzieht.
Hören wir noch einmal Lasker:
Wer im Nachteile ist, muß sich verteidigen wollen, muß Zu­geständnisse machen wollen. Aber er darf nur — nach dem Prinzip der Ökonomie — die ge­ringsten Zugeständnisse, die er­zwungenen Zugeständnisse ma­chen, keinen Deut mehr. Das ist gleichsam das Ethos der Ver­teidigung. Um nun den Angriff möglichst zu erschweren, besei­tige der Verteidiger, noch bevor die Krisis einsetzt, die schlimm­sten Schwächen freiwillig und suche überhaupt, an jedem Punkte die nämliche Widerstandskraft zur Verfügung zu haben, so daß eine linea minoris resistentiae kaum zu erkennen ist.

Entsprechend dieser Konzeption zieht Lasker den Sf6 zurück – die einzige Figur die sein Gegner mit den Bauern angreifen konnte. Nun verfügt Weiß über keinen klaren Angriffspunkt mehr.
Das ist seltsam. Wenn Weiß über keinen klaren Angriffspunkt verfügt, ist es schwierig zu sagen dass er im Vorteil ist. Aber wenn Weiß angreift und Schwarz sich verteidigt, ist das nicht ein deutliches Anzeichen für einen Vorteil von Weiß. Nun, nicht unbedingt. Im Lehrbuch schrieb Lasker:
Stellungen des Gleichgewichts sind nicht ohne Angriff wie Verteidigung, sie sind im Gegenteil davon erfüllt, nur hält der Gegenangriff dem Angriff die Wage. … Die Handlung ist dabei nicht so spannend, die Ereignisse haben nicht solche Wucht wie in Stellungen des Übergewichts, aber für den Kenner sind sie sehr bedeutsam. An ihnen prüft sich, ob der Meister die feine Linie des Gleichgewichts innehält. Wer ihre Sprache nicht versteht, kann nicht die Zeichen lesen, die die großen Ereignisse vorhersagen; wer ihre Sprache kennt, hat an jeder logisch verlaufenden Meisterpartie hohen Genuß.

Angesichts dies alles, wundert man sich Anmerkungen wie die folgende Kasparovs zu lesen:
Auch nach 17...a6!? 18.Sc2 Sb8 19.Td1 b5 20.Se3 bxc4 21.Sxc4 hat Weiß einen gewissen Vorteil, aber Lasker achtet nicht besonders darauf: Sein Ziel war den Gegner von den üblichen Spielweisen abzulenken, und ihn zu zwingen, mit einem ungewöhnlichen Kräfteverhältnis zu spielen.

Von wegen abzulenken! Schon seinerzeit hatte Kmoch erklärt:  
Schwarz kämpft um einen Freibauer. Ein solcher kann nur entstehen, wenn der Bauer c4 beseitigt wird, also entweder durch d6-d5 oder b7-b5. Dann wird entweder der a- oder der d-Bauer frei. In Verfolgung dieser Idee spielt nun Schwarz ein Königsspringer nach c7, wo er (selbst gesichert postiert) sowohl d5 als auch b5 beherrscht.

Das Spiel Laskers ist so ökonomisch, dass es Verteidigung und Angriff vereint, und seine Manöver sind absolut nicht zwecklos, sondern haben einen so subtilen Sinn, dass sie der Gegner nicht versteht. Die durch diese Manöver verlorenen Tempi zählen nicht, denn, wie Lasker nach Beendigung der Partie erklärte, war die von ihm geschaffene Stellung ohnehin unangreifbar.

18.f4
Weiß geht zu gewaltsam vor und schwächt dadurch seine Königsstellung. Richtig war 18.Sxc6. (Bogoljubow)

18...a6
Iljin-Genewski :
Leider bleibt mir weinig Zeit. Die Komplexität der Eröffnung und Laskers Opfer, das mich sehr überrascht hat, haben mich eine beachtliche Zeitmenge gekostet und nun bleibt mir, leider, nicht genug davon übrig. Wir spielen einige Züge, Lasker ganz ruhig, nachdem er jeden Zug genau überlegt hat, ich in Eile, mit der Angst in der mir noch zur Verfügung stehenden Zeit nicht die vorgeschriebene Zugzahl zu schaffen.

19.Kh1
Laut Kasparov war auch 19.Sc2 b5 20.cxb5 axb5 21.Tc1 Sf6 22.Dd3 Ta8 23.Sed4 nicht schlecht. Schwarz ist aber nicht gezwungen sofort 19...b5 zu spielen, und konnte seinen Plan ruhig mit 19...Sc7 fortsetzen.

19...Sc7 20.De3
Zu erwägen war auch 20.Sxc6!? Lxc6 21.Sd4 Le8 22. Td1 b5 mit offener Partie und noch jedem möglichen Ausgang.

20...Tb8
Erneut Kmoch:
Alles auf das beschriebene Ziel gerichtet. Auf den ersten Blick scheint es, daß Schwarz schlecht und gedrückt steht, in Wirklichkeit besitzt er eine gefährliche Initiative, die Zug um Zug unscheinbar Fortschritte macht.

21.Td1 Sb4
Verhindert Entlastungsmanöver von der Art 22.Sxc6 Lxc6 23.Sd4 – mit denen Weiß sich des wenig aktiven Se2 entledigen konnte – und kontrolliert mit einer weiteren Figur das entscheidende Feld d5.

22.Dc3
Während Schwarz mit jedem Zuge seine Stellung verstärkt, zieht Weiß planlos mit seinen Figuren herum. (Bogoljubow)

23...a5 23.Ta1?
Der Turm hatte hier nichts zu suchen. (Bogoljubow)
Weiß ist langsam in Schwierigkeiten; richtig war 23.Sc2 Sca6 24.Lf3. (Kasparov)

23...b6
Wie Kasparov bemerkt, ermöglichte 24.Td1 Tbc8 25.Df3 b5 einen ungefähren Ausgleich.

2

24.De3?
Iljin-Genewski  entschließt sich aber zu einem andern Zug, der – besonders in Zeitnot – logisch erscheint und sei es 24...d5 als auch 24... Lf6 verhindert. Aber...

24...e5!
Iljin-Genewski :
Und plötzlich merke ich, dass ich die Qualität verliere.

Bogoljubow:
Ein bedauerlicher Fehler in einer Stellung, die noch so interessant und lehrreich hätte werden können.  
Denn nach 25.fxe5 dxe5 26.Sf5 Lxf5 27.exf5 Sc2 28.Dxe5 Lf6 29.Dxc7 Sxa1 30.Ld5 Sxb3 31.Dxf7 a4 ist Weiß ausgeliefert.

Und wieder Iljin-Genewski :
Es ist schwierig meine ganze Verbitterung  und den Grad der Enttäuschung zum Ausdruck zu bringen, die ich in diesem Moment fühle. Ein solches Spiel zu haben, und es so dumm zu verlieren! Nach dem Verlust der Qualität ist meine Lage natürlich vollkommen hoffnungslos. Und tatsächlich zwingt mich Lasker durch sein starkes und genaues Spiel sehr schnell zur Aufgabe.

25.Sf5 Lxf5 26.exf5 Sc2 27.Dc3 Sxa1 28.Dxa1 Lf6 29.Dg1 d5!
Schwarz verwirklicht seinen strategischen Plan. Er erhält nun einen Freibauern, der von den zwei Türmen unterstützt wird, und den Weiß langfristig auf keine Weise aufhalten kann.

30.cxd5 Sxd5 31.fxe5 Lxe5 32.g4
Iljin-Genewski  stürzt sich in einen verzweifelten Angriff, der ihm aber – zu seinem Unglück – keine Aussichten bietet.

32...f6 33.h4 b5 34.Sd4 Se3!
Da auf jedem Zug des Sd4 35...Td1 folgen würde, wird Weiß zu einer weiteren Vereinfachung gezwungen, die ihn die letzte aktive Figur kostet. Das Ende der Partie ist nun nahe.

35.Dxe3 Txd4 36.Lf3 a4 37.h5 a3 38.De2 Tbd8 0–1
Bogoljubow:
Eine Partie, welche die taktischen Fähigkeiten Laskers im besten Lichte zeigt! Es hätte sich sicher kein anderer Schachmeister entschlossen, in der Stellung nach 13.Se2 die Dame zu opfern.
Eben!

Iljin-Genewski :
Viele der Anwesenden brachten mir ihre Anteilnahme zum Ausdruck. Viele meinten, dass ich nach dem Damengewinn die Partie gewinnen sollte. Aber diesmal hat sich das Glück von mir abgewendet. Besonders verbittert über meine Niederlage war Bogoljubow. Lasker war nämlich sein direktester Konkurrent für den ersten Preis. Umso mehr als er selbst heute, als Gipfel des Unglücks, seine erste Niederlage durch den talentvollen Réti erlitten hat.
Viele fragen sich ob Lasker die Dame als folge eines Fehlers verloren hat, oder ob er sie konsequent geopfert hat. Lasker leugnet natürlich entschieden die Idee eines möglichen Versehens seinerseits. Er hat gesagt, dass er einen Turm, einen Läufer und einen Bauern für annähernd gleichwertig mit eine Dame hält, und dass er diese Fortsetzung bewusst gewählt hat, weil er die danach entstandene eigene Stellung für unangreifbar hielt, und dass er damit mindestens ein Remis immer in der Tasche gehabt hätte. Ich kann diesen Standpunkt in keinesfalls teilen, und wäre sehr froh, wenn jemand anderer nochmals in gleicher Weise gegen mich spielen würde. Ein Turm, ein Läufer und ein Bauer wiegen in einer ruhigen Stellung die Dame in keiner Weise auf, wenngleich dagegen zu siegen keinesfalls leicht ist.

Iljin-Genewski  war von Laskers Erklärungen nach der Partie also keineswegs überzeugt. Lasker wiederum wird vielleicht den Kopf geschüttelt haben, wie er gewöhnlich tat, und an das gedacht haben, was er im Lehrbuch geschrieben hatte:
Irren darf man, man darf sich aber nicht selber täuschen wollen. Wer seiner Meinung tapfer folgt, mag verlieren — gewiß —, aber noch sein Verlust ist ihm von Nutzen, sofern er nur dessen Grund einzusehen trachtet, und er wächst zum Meister, Könner, Künstler heran. Wer aber nicht mehr sich selber zu folgen wagt, verliert die Qualität des Kämpfers und reift für den Untergang.

Wie ein erstklassiger Meister Laskers Ideen aufnahm erzählt uns derselbe Iljin-Genewski , in einer folgenden Seite seines Tagebuchs, die er der zwölften Runde widmet, die Runde in der er gegen Rubinstein spielen musste:
[An einem gewissen Punkt der Partie mit Rubinstein] lasse ich mich auf eine risikoreiche Kombination ein, von der ich bald merke, dass sie nicht so gut ist. Rubinstein erspäht eine subtile Widerlegung, und ich sehe, dass er meine Dame für Turm, Springer und einen Bauern nehmen kann. Dennoch wählt Rubinstein eine andere Fortsetzung, die ihm nur eine bessere Stellung beschert. Ich verteidige mich mit allen Kräften. Aus dem Nichts schaffe gelingt es mir einen Angriff zu entfachen, und um diesen abzuwehren provoziert Rubinstein den Damentausch. Wir kommen in ein Endspiel das bald Remischarakter annimmt. Ich schlage das Remis vor, und Rubinstein nimmt es an.
„Warum habt Ihr mir nicht die Dame genommen“ – frage ich Rubinsein, während wir zusammen di Partie analysieren. „Wissen Sie – antwortet er – nach Ihrer Partie gegen Lasker, fehlte mir einfach der Mut dazu die Dame um einen so hohen Preis zu gewinnen. Lasker suchte nämlich bewusst diesen Tausch, und hielt ihn keineswegs schlecht für denjenigen der die Dame gibt.“ Ich überzeugte mich einmal mehr davon wie groß Laskers Autorität ist. Sein Konzept, das mir, zum Beispiel, sehr gewagt erscheint, beeinflusst sogar einen so eminenten Schachspieler wie Rubinstein.

Während  Iljin-Genewski  und Rubinstein diese Meinungen austauschten, erlitt Lasker auf einem anderen Spieltisch gerade seine erste Niederlage im Turnier, jene berühmte gegen Torre, die von der „Zwickmühle“ und dem Vorfall des „Telegramms“ geprägt war. Aber das ist, wie man so sagt, eine andere Geschichte…

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Post Scriptum
Im Rahmen dieser Arbeit stellte sich heraus, das die Zugfolge dieser Partie nicht eindeutig ist. In der Stellung nach 28...Lf6

3

geben zahlreiche Autoren, beginnend mit Bogoljubow im Turnierbuch, und dann Petrovic, Wajnshtejn, die beiden Linder und Kasparov, den Zug 29.Dg1 als den tatsächlich gespielten an. Andere, ebenso zuverlässige Autoren, unter denen Rellstab, Whyld, Khalifman und Soltis, geben hingegen 29.De1 als den am Brett gespielten Zug an. Beide Züge sind, wie man sehen kann, mit der weiteren Folge der Partie im Einklang.
Man sieht auch, dass wenn 29.De1 gespielt worden wäre, nach 34.Sd4 der Sd4 eingestellt wäre (obwohl Lasker das ignorieren konnte und trotzdem den Textzug spielen konnte, wonach die Partie vielleicht sogar schneller zu gewinnen ist, als nach dem eventuellen 34...Lxd4 35.Lxd5 Txd5 36.Dxa5 Le5).
Abschließend scheint aber 29.Dg1 der sinnvollste Zug zu sein, und wird in diesem Artikel als der tatsächlich erfolgte Zug in dieser Partie angenommen.


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Ich danke Luca D’Ambrosio für die wertvolle Hilfe bei der Abfassung dieser Arbeit und den Übersetzungen.
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Bibliographie:
Bogoljubow, Efim. Das internationale Schachturnier Moskau 1925. Berlin und Leipzig: Walter De Gruyter & Co, 1927.
Ильин-Женевский, Александр. Международный шахматный турнир в Москве (Дневник участника). Москва: Издательство "Огонек", 1926.
Lasker, Emanuel. LehrbuchdesSchachspiels. Berlin: Wertbuchhandel, 1926.

Anmerkungen zur Partie Iljin-Genewski  – Lasker aus:
Heidenfeld, Wolfgang. The Profundity of Lasker. In Lasker and his Contemporaries (vol. 1). Davenport: Thinkers’ Press, 1978.
Kasparov, Garry. I miei grandi predecessori (vol. 1). Verona: Edizioni Ediscere, 2003.
Khalifman, Alexander. Emanuel Lasker. Sofia: SEMKO (?), 1998.
Kmoch, Hans. In Kagans Neueste Schachnachrichten (1. Extra-Ausgabe - 6. Jahrgang, 1926).
Linder, Isaak und Wladimir. Das Schachgenie Lasker. Berlin: Sportverlag, 1991.
Petrovic, Slavko. Emanuel Lasker. Zagreb: Sahovska Naklada, 1986.
Soltis, Andrew. Why Lasker Matters. London: Batsford, 2005.
Вайнштейн, Борис Самойлович. Мыслитель. Москва: Физкультура и спорт, 1981.

Weitere Quellen:
British Chess Magazine (April 1926).
L’Echiquier (Februar 1926).
Rellstab, Ludwig. Dr. Emanuel Lasker. In Weltgeschichte des Schachs, Lieferung 11, Hamburg: Verlag Dr. E. Wildhagen 1958.
Whyld, Ken. The Collected Games of Emanuel Lasker. Nottingham: The Chess Player, 1998.

 

 

aktualisiert: 28. April 2009