Die Lasker-Partie der Woche

 
 
 

 

05./06. Kalenderwoche 2009

Christian Rohrer

 

Die neueste Lasker-Partie der Woche verdanken wir Herrn Dr. Christian Rohrer von der Schachgesellschaft Zürich, seit 2008 Mitglied der Emanuel Lasker Gesellschaft. Er ist im Organisationskomitee für das Jubiläum der Schachgesellschaft Zürich, dem ältesten Schachclub der Welt, der 2009 sein 200- jähriges Bestehen feiert (www.sgzurich2009.ch).

 


"Mancher Schachspieler von Weltklasse hat eine Partie geschaffen, die sich wegen eines einzelnen Zuges ins Gedächtnis der Schachgeschichte eingebrannt hat. Mir fallen aus jüngerer Zeit Shirovs 1  Läuferopfer 47...Lh3!! gegen Topalov oder Karpovs2 wunderbares Bauernopfer 47. Sg2!! gegen Kasparov ein. Auch in jener Partie, die ich am stärksten mit Emanuel Lasker verbinde, gibt es einen unvergesslichen Zug. 12. f5. Laskers Bauernzug nach f5 gegen José Raúl Capablanca, gespielt beim Großmeisterturnier 1914 zu St. Petersburg, ist kein Opfer. Vielmehr ein leiser Zug, hinter dem ein tief durchdachtes Konzept stand, das Lasker brillant zum Sieg führte – keine geringe Leistung gegen ein Genie strategischen Denkens wie Capablanca, zumal in einer Partie, die über den Sieg im Turnier entscheiden sollte.3

Der 14. Weltmeister der Schachgeschichte, Vladimir Kramnik, hob die Essenz dieses Zuges hervor und beschrieb zugleich herausragende Eigenschaften des 2. Weltmeisters: „I think that due to his flexibility he was able to have a deeper understanding of chess. He broke with dogmas and everyone thought he did it with regard to his opponent's character. But Lasker started to call dogmas into question. (…) Lasker realised that the e5-square could be weakened because it was difficult to exploit. And then they started talking about his psychological approach! It had nothing to do with psychology. Lasker grasped a deep concept, which is being automatically employed now: he gave up the e5-square and ‘fenced in’ the c8-bishop. That's why it was not a matter of psychology; Lasker had a very deep positional understanding.”4

Laskers Konzept, für die Aufgabe des Feldes e5 Kontrolle über e6 zu gewinnen und den schwarzen Königsflügel zu hemmen, wurde später in modifizierter Form vielfach aufgegriffen. Nicht zuletzt 1970 bei der Schacholympiade in Siegen von Bobby Fischer5 , dem neben Lasker bedeutendsten Verfechter der Abtauschvariante in der Spanischen Partie.6 Diese Partie Laskers gegen Capablanca haben bereits viele exzellente Spieler und Analytiker ausführlichst unter die Lupe genommen. Im Wesentlichen zitiere ich mit Anführungszeichen einige zentrale Anmerkungen des 13. Weltmeisters, Garri Kasparov7 ; auch die Zugbewertungen stammen von Kasparov."


E. Lasker – J. R. Capablanca
St. Petersburg 1914
Spanische Partie (C68)

„Die Entscheidung über den Turniersieg sollte nun die direkte Auseinandersetzung zwischen den beiden Führenden Lasker und Capablanca bringen. Diese Partie ist ein Höhepunkt in Laskers Karriere und zugleich ein Musterbeispiel seiner wahrlich weltmeisterlichen Qualitäten. Erneut gelang es ihm, in einer Extremsituation all seine Kräfte ‚auf Abruf’ zu mobilisieren und den ambitionierten jungen Anwärter auf die Schachkrone zu bezwingen (Capablanca war bis zu diesem Zeitpunkt übrigens als einziger Teilnehmer noch ungeschlagen!).“

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. Lxc6!?
“Eine erstaunliche Wahl: Obwohl die Abtausch-Variante in Laskers Händen eine wahre Waffe war (damit gewann er bereits gegen Steinitz, Tschigorin, Tarrasch und Janowski), war es doch sehr fraglich, ob sie auch gegen Capablanca ihre Wirkung zeigen würde. Dessen virtuose Endspieltechnik war bereits allgemein bekannt und auch sehr gefürchtet. Jedenfalls mochte auch der Kubaner in seiner jugendlichen Selbstüberschätzung nicht daran glauben, dass Lasker die richtige Entscheidung getroffen habe.“

4...dxc6 5. d4 exd4 6. Dxd4 Dxd4 7. Sxd4 Ld6 8. Sc3 Se7 9. O-O O-O 10. f4 Te8 11. Sb3 f6 12. f5!

x

“Entsprechend der Theorie von Steinitz ist dies ein zweifelhafter Einfall: Weiß wertet nicht nur seine Bauernmajorität am Königsflügel ab, sondern erhält auch einen schwachen Bauern e4; während Schwarz einen starken Vorposten auf e5 bilden kann. Für einen Zug sind das einfach zu viele Fehler! Doch Laskers Adlerblick war längst auf das Feld e6 gerichtet.“

b6 13. Lf4 Lb7?!
„Ein grundsätzlicher Fehler: Schwarz sollte eigentlich den Doppelbauern behalten, denn nach dem Läufertausch leidet doch sein Bauer d6 an chronischer Schwäche.“ Als logischer gibt Kasparov 13...Lxf4! 14. Txf4 c5 15. Td1 Lb7 16. Tf2 Tad8 17. Txd8 Txd8 18. Td2 Txd2 19. Sxd2 Sc6!

14. Lxd6 cxd6 15. Sd4
„Capablanca gab später freimütig zu, dass er diesen Zug einfach nicht gesehen und deshalb 13...Lb7 gespielt hatte.“

15...Tad8?! 16. Se6 Td7 17. Tad1 Sc8 18. Tf2 b5 19. Tfd2 Tde7 20. b4 Kf7 21. a3 La8?
Capablanca wollte diesen Zug später durch 21...Txe6 22. fxe6 Txe6 ersetzen. „Das Qualitätsopfer erhöht zweifellos die Chancen auf eine Rettung, doch das Fragezeichen bezieht sich weniger auf den Läuferzug selbst, sondern vielmehr auf die selbstmörderische Idee von Schwarz, die a-Linie zu öffnen, denn diese kann nur vom weißen Turm effektiv genutzt werden.“

22. Kf2 Ta7 23. g4! h6 24. Td3 a5? 25. h4 axb4 26. axb4 Tae7?! 27. Kf3 Tg8 28. Kf4 g6?! 29. Tg3 g5+
„Empfohlen wurde 29...gxf5, doch auch das hilft nicht wegen 30. exf5! d5 31. g5 Sd6 (oder 31...hxg5+ 32. hxg5 fxg5+ 33. Sxg5+ Kf8 34. f6 Ta7 35. Ke5! +-) 32. g6+ Ke8 33. Ta1, und der Sieg von Weiß rückt in greifbare Nähe.“

30. Kf3 Sb6 31. hxg5! hxg5 32. Th3!
„Lasker setzte seinen Plan ohne jegliche Änderungen um. Der gierige Zug 32. Txd6? hätte Schwarz vielleicht eine Verschnaufpause verschafft: 32...Sc4 33. Td8 (33. Td1 Th8) 33...Txd8 34. Sxd8+ Ke8 35. Se6 Th7!“

32...Td7 33. Kg3! Ke8 34. Tdh1 Lb7 35. e5!!

y

Der totale Triumph der Strategie von Weiß: Der durch Laskers 12. f5 rückständig gewordene Bauer auf e4 opfert sich und ebnet so dem Sc3 den Weg ins gegnerische Lager.

35...dxe5 36. Se4 Sd5 37. S6c5! Lc8 38. Sxd7 Lxd7 39. Th7 Tf8 40. Ta1! Kd8 41. Ta8+ Lc8 42. Sc5

1-0



1 V. Topalov – A. Shirov, Linares 1998, Grünfeldindische Verteidigung (D85), online einsehbar unter http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1143956.

2 A. Karpov – G. Kasparov, Moskau 1984 (WM-Match, Partie 9), Damengambit (D34), online einsehbar unter http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1067121.

3 Zum Turnier siehe: Grand International Chess Tournament at St. Petersburg, 1914. With notes by Lasker, Burn, Gunsberg, Yates and other prominent analysts of the day. London 2005.

4 Vladimir Kramnik im Interview mit Vladimir Barsky am 15. Mai 2005, online einsehbar unter http://www.kramnik.com/eng/interviews/getinterview.aspx?id=61.

5 R. Fischer – W. Unzicker, Siegen 1970, Spanische Partie (C68): 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. Lxc6 dxc6 5. O-O f6 6. d4 exd4 7. Sxd4 Se7 8. Le3 Sg6 9. Sd2 Ld6 10. Sc4 O-O 11. Dd3 Se5 12. Sxe5 Lxe5 13. f4 Ld6 14. f5 De7 15. Lf4 Lxf4 16. Txf4 Ld7 17. Te1 Dc5 18. c3 Tae8 19. g4 Dd6 20. Dg3 Te7 21. Sf3 c5 22. e5 fxe5 23. Tfe4 Lc6 24. Txe5 Tfe8 25. Txe7 Txe7 26. Se5 h6 27. h4 Ld7 28. Df4 Df6 29. Te2 Lc8 30. Dc4+ Kh7 31. Sg6 Txe2 32. Dxe2 Ld7 33. De7 Dxe7 34. Sxe7 g5 35. hxg5 hxg5 36. Sd5 Lc6 37. Sxc7 Lf3 38. Se8 Kh6 39. Sf6 Kg7 40. Kf2 Ld1 41. Sd7 c4 42. Kg3 1-0, online einsehbar unter http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1044340.

6 Siehe Stefan Kindermann: Spanisch Abtauschvariante. Auf den Spuren Bobby Fischers (Praxis Schach, 51). Hombrechtikon 2005, S. 6-11.

7 Garri Kasparov: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister, analysiert von Garri Kasparov. Band 1: Wilhelm Steinitz, Emanuel Lasker und die ersten inoffiziellen Weltmeister inkl. CD-ROM mit allen Partien (Praxis Schach, 59). Hombrechtikon 2003, S. 226-230.

 

aktualisiert: 18. Februar 2009