Die Lasker-Partie der Woche

 
 
 

 

1./2. Kalenderwoche 2010

„Wenn die Schachgesellschaft Zürich zu den Jubiläumsfeierlichkeiten im August 2009 fast alle Schachweltmeister unserer Zeit begrüßen darf, so führt sie damit eine lange Tradition fort. Außer Steinitz und Capablanca haben alle klassischen Schachweltmeister in Zürich gespielt. Auch Emanuel Lasker, der recht häufig in der Limmatstadt weilte. Und es war eine Jubiläumsveranstaltung unseres Vereins, als Lasker nach langen Jahren der Abstinenz auf die Bühne des Weltschachs zurückkehrte: Zürich 1934. Bei diesem Turnier der Superlative traf Lasker auf die Schachelite seiner Zeit, u.a. auf Weltmeister Alexander Aljechin, der das Turnier gewann, Salo Flohr und Efim Bogoljubow. Gegen Max Euwe, der im folgenden Jahr Aljechin als Weltmeister entthronen sollte, gelang Lasker eine besonders schöne Partie, die hier naher vorgestellt werden soll. Lasker gibt seine Dame für Turm, Lauter und Bauer, was rein materiell gesehen ein fairer Tausch wäre. Doch Schach ist mehr als die bloße Materie, und Lasker zeigt in dieser Partie sein ausgeprägtes Gefühl für Dynamik. Gegen das wohlkoordinierte Spiel der schwarzen Figuren ist Weiß schlussendlich machtlos.“

Dr. Christian Issler


Max EUWE - Emanuel LASKER
Zürich, 1. Runde, 14. Juli 1934

Kommentierung von Viktor Kortschnoi
(S. 663 ff. in der kürzlich veröffentlichten Lasker Monographie)

1. d2-d4 d7-d5
2. c2-c4 e7-e6
3. Sb1-c3 SgS-f6
4. Lc1-g5 Sb8-d7
S. e2-e3 c7-c6
6. Sg1-f3 Lf8-e7?!

Die Eröffnungstheorie, die sich Ende des 19. Jahrhunderts und unter dem maßgeblichen Einfluss von Laskers Partien entwickelt hatte empfiehlt, in diesen Stellungen mit c7-c6 zu warten, da sich manchmal c7-c5 als stärker erweist. Falls Schwarz früh c7-c6 spielt, so in Verbindung mit Dd8-a5, der Cambridge-Springs-Variante.
Das war Lasker wohl bekannt, umso mehr, als er diese Stellung unzählige Male in seinem Leben gespielt hatte. Warum also jetzt dieser Zug? War er nur zerstreut oder wollte er absichtlich die Initiative dem Gegner überlassen? So oder so - Lasker war sich offenbar zu wenig bewusst, dass seine Partie noch über Jahrzehnte und Jahrhunderte als Vorbild für nachfolgende Generationen dienen würden. Er steht somit gegenüber Millionen von künftigen Schachliebhabern in Verantwortung!

7. Dd1-c2

Weiß hat auch nach 7. Ld3 Vorteil.

7. … 0-0
8. a2-a3

Mancher berühmte Großmeister - zum Beispiel Pillsbury - bevorzugte hier 8. 0-0-0. Mir scheint, die lange Rochade hatte dem Stil des jungen Euwe eher entsprochen. Allerdings habe ich insgesamt den Eindruck, dass der junge Spieler erwartete, der alte Großmeister würde ihm den Punkt von selbst überlassen. Aber so kam es nicht!

8. … Tf5-e5

9. Ta1-c1

Ein paar Züge später zeigt sich, dass der Turm besser nach d1 gegangen wäre. Dem jüngeren Spieler ist es nicht gelungen, den Gedanken des silbergrauen Matadors auf die Spur zu kommen.

9. … d5xc4
10. Lf1xc4 Sf6-d5
11. Lg5xe7 Dd8xe7
12. Sc3-e4

Mit dem Turm auf d1 konnte Weiß jetzt rochieren, da Schwarz nach 12. 0-0 Sxc3 13. Dxc3 der Ausgleichszug 13... e5 nicht zur Verfügung stünde. Stattdessen wendet Weiß ein Manöver an, das Aljechin in die Praxis eingeführt hatte, um einen Vorteil im Mittelspiel anzustreben.

12. … Sd5-f6
13. Se4-g3 c6-c5

Dieser Zug ist mehr oder weniger erzwungen, da auf 13 ... e5 14. Sf5 gefolgt wäre.

14. 0-0 c5xd4
15. Sf3xd4 Sd7-b6
16. Lc4-a2

Weiß mochte bald e3-e4 spielen. Er hätte aber auch mit dem Manöver Le1-f3 dem Läufer eine viel versprechende Position auf f3 sichern können.

16. … Ta8-b8

Wie schon zuvor spielt Lasker vorsätzlich passiv. Wie spätere Kommentatoren zeigten, war hier 16...Ld7 möglich. Falls dann 17. Dc7, so 17...La4!.

17. e3-e4

Der Sieger des Zürcher Turniers, Aljechin, kritisierte diesen Zug im Turnierbuch und bemerkte, dass das weiße Angriffsbestreben am Königsflügel nicht dem Geist der Stellung entspreche. Laut Aljechin war es angezeigt, die Dame über d2 nach a5 zu überführen und anschließend die Türme auf der c-Linie zu verdoppeln. Schwarz hätte danach keinen leichten Stand.

17. … Te8-d8
18. Tf1-d1 Lc8-d7
19. e4-e5

Aljechin stellte auch diesen Zug in Frage und empfahl stattdessen das Manöver Dc2-c7-e5. In Zweifel zu ziehen sind aber weniger einzelne Züge von Weiß als sein gesamter Plan. Dank des feinen Spiels von Lasker erringen die schwarzen Figuren nach einem Dutzend Züge die vollständige Kontrolle über das Zentrum.

19. … Sf6-e8
20. La2-b1 g7-g6
21. Dc2-e4

Anscheinend spielt Weiß sehr logisch, aber nach genauerer Betrachtung der Stellung wird man zugestehen, dass das Feld e4 dem Springer g3 oder allenfalls dem Laufer zukommen sollte, während die Dame auf  irgendein schwarzes Feld gehört.

21. … Ld7-a4!
22. b2-b3

Schwarz hat einen schlechten Laufer und würde diesen gerne abtauschen. Ohne Not lässt Weiß sich von Schwarz in Schlepptau nehmen und überlässt ihm durch das Vorziehen seiner Bauern wichtige Felder am Damenflügel. 22. Lc2 war viel anspruchsloser und hätte gleiche Chancen  bewahrt.

22. … La4-d7
23. a3-a4 Sb6-d5
24. Lbl-d3 Tb8-c8
25. Ld3-c4 Ld7-c6!

Lasker manövriert wunderbar mit diesem Läufer. Jetzt ist Weiß bereits gezwungen, seinen zentralisierten Springer gegen den (scheinbar) schwachen Läufer zu tauschen.

26. Sd4xc6 b7xc6!

Schwarz will die Herrschaft über das Feld d5, deshalb muss es zusätzlich gefestigt werden!

27. Td1-d3?

Weiß ergreift vorsorgliche Maßnahmen gegen Sd5-c3, doch führt der Textzug zur Einbuße der Kontrolle über die d-Linie. Weiß standen mindestens zwei Züge zur Verfügung, die dem Gegner keine ernsthafteren Zugeständnisse gemacht hätten. Erstens konnte der Springer auf e2 postiert werden, denn er hat lange genug untätig auf g3 gestanden. Eine andere Idee gefällt mir noch besser, denn wie bereits erwähnt, gehört eigentlich der Springer nach e4, also: 27. Dg4!?. Der einzige Versuch, die Springerüberführung nach e4 zu verhindern, ist 27. … Dc7, aber darauf folgt 28. Dg5. Auf g5 steht die Dame nicht schön, aber dies ist nur temporär. Nach dem anschließenden Zug Se4 kann die Dame nach g3 zurückweichen, und möglicherweise hat Weiß Vorteil!

27. … Sd5-b4

Es war nicht schwer, diesen Zug vorauszusehen. Jetzt würde Schwarz nach dem Abtausch auf d8 die offene Linie in Beschlag nehmen, während nach der Rückkehr Tdd1 der Springerausfall nach a2 für Weiß höchst unangenehm geworden wäre. Deshalb …

28. Td3-f3?!

Anscheinend mit Drohungen gegen den schwarzen König. Indessen hat der Abzug des Turmes von der Zentrallinie bald schmerzhafte Folgen für Weiß. Besser war es daher nach d1 zurückzukehren: 28. Tdd1 Sa2 29. Txd8 Txd8 30. Te1.

28. Te8-c7
29. h2-h4 Tc7-d7
30. h4-h5 De7-g5
31. Tc1-e1 Td7-d4

32. h5xg6

»Ein harmloser Witz« kommentierte Aljechin diesen Zug. Tatsachlich war jetzt das Schlagen der Dame wegen der Zwischenzüge 33. gxf7† und 34. fxe8D† nicht gut, aber auch nicht notwendig.

32. … h7xg6
33. De4-e2?!

Mit diesem und dem nächsten Zug manövriert Weiß seine stärkste Figur in eine passive Position zurück, um den Damentausch zu vermeiden. Er überlässt dem Gegner dadurch aber die volle Handlungsfreiheit. Notwendig war De3 und im Falle des Abtausches das Wiedernehmen auf e3 mit dem Turm e1. Schwarz behielte einen geringen Vorteil und eine vorübergehende Initiative, aber das hatte Weiß überleben können.

33….  Td4-d2
34. De2-f1? Sd4-c2!

Die Einleitung zu einer weit berechneten Kombination mit Damenopfer.

35. Sg3-e4

Endlich gelangt der weiße Springer nach e4, aber es ist zu spät…

35. … Dgsxe5!
36. Se4-f6† De5xf6
37. Tf3xf6  Se8xf6

Auch 37... Sxe1 führte zu Vorteil. doch ist das Nehmen auf f6 stärker. Es ist an der Zeit, den Springer e8 ins Spiel zu bringen.

38. Te1-c1?

Ein weiterer schwacher Zug - diesmal der entscheidende Fehler. Notwendig ist 38. Te2 Td1 39. Txc2 Txf1t 40. Kxf1 mit einem Minusbauern in einem schwierigen Endspiel, in dem aber noch nicht alle Rettungschancen erschöpft sind.

38. ... Sf6-e4!

Bis ans Ende der Partie sind alle Züge von Weiß mehr oder weniger erzwungen.

39. Lc4-e2

Falls 39. f3, so 39... Se3 mit sofortigem Gewinn.

39. … Sc2-d4
40. Le2-f3

Oder 40. Te1 Tb2 41. g3 c5. und Weiß gehen die Züge aus.

40. … Se4xf2
41. Df1-c4 Sf2-d3
42. Tc1-f1 Sd3-e5
43. Dc4-b4 S35xf3†
44. g2xf3  Sd4-e2†
45. Kg1h2 Se2-f4†

46. Kh2-h1

46. Kg3 e5 47. Tf2 Txf2 48. Kxf2 Sd3t oder 47. Tg1 Se2†

46. … Td2-d4!

Webt ein Mattnetz um den weißen König.

47. Db4-e7 Kg8-g7
48. De7-c7 Td8-d5
49. Tf1-e1 Td5-g5
50. Dc7xc6 Td4-d8!

Weiß gibt auf.

»Den leicht verständlichen Schluss hat Lasker mit eiserner Folgerichtigkeit durchgeführt. « (Aljechin)

 

aktualisiert: 9. Januar 2010