Die Lasker-Partie der Woche

 
 
 

 

01./02. Kalenderwoche 2009

In unserer Rubrik der Lasker-Partie der Woche starten wir mit einem besonderen Leckerbissen in das neue Jahr. Unser Vorstandsmitglied Hans-Christian Wohlfarth stellt hier als erster ein weiteres Talent Laskers vor.

CHW

Das Foto zeigt Hans-Christian Wohlfarth bei einer freien Partie mit Herrn Kobayashi, Toshiyaki, den er 1990 in Berlin kennen gelernt hatte. Sie trafen sich nach 16 Jahren bei der Eröffnungsveranstaltung des KISEI-Titelkampfes in Berlin im Januar 2006 wieder und setzten sich zur Begrüßung gleich ans Brett…



Nach der Vorstellung so vieler Glanzpartien Laskers scheint es an der Zeit, nun jene auf ihre Kosten kommen zu lassen, die insgeheim darauf hofften, dass die Reihe der Lieblingspartien nicht auf Laskers Schachleistungen beschr änkt bleiben würde…

Diese Hoffnungen sollen nicht enttäuscht werden! Heute wird ein ganz ungewohnter Lasker die Partiespalten füllen…Die Rede ist vom Go, dazu vorab einige notwendige Worte zum Spiel und Laskers Weg dorthin, da ich auf diesem Gebiet nicht den Bekanntheitsgrad seiner Schachkarriere voraussetzen kann:

Go gilt mit 4000 Jahren nahezu unveränderter Regeln als ältestes Brettspiel der Welt.
Die Regeln sind so einfach, dass man das Spiel in 10 Minuten lernen kann, um es vollendet zu spielen, reicht aber ein Menschenleben nicht aus, wie es in einem japanischen Sprichwort heißt. Go hat – glaubt man Lasker selbst – „eine durchgehendere Logik als Schach, ist ihm an Einfachheit überlegen und steht ihm, glaube ich, an Schwung der Phantasie nicht nach“ (in „Brettspiele der Völker“, Berlin 1931)

Es darf als sicher gelten, dass Lasker Go 1907 durch seinen Namensvetter (und entfernten Verwandten) Eduard Lasker kennen lernte. Dieser beschreibt in „Chess secrets I learned from the masters“, New York 1969, diese erste Begegnung wie folgt:

„Emanuel Lasker war zunächst ebenso ungläubig wie wir, als er hörte, das Spiel sei tatsächlich ein Konkurrent des Schach. Nach Beobachten nur einer Partie zwischen Max Lange und mir erfasste er jedoch die einzigartigen Möglichkeiten für tiefgehende strategische Manöver und taktisches Zwischenspiel, welche Go ungeachtet seiner einfachen Struktur enthält. Er war schließlich derart fasziniert vom Go mit seinen unerschöpflichen Freiräumen positionellen und kombinatorischen Spiels, dass er wöchentliche Go-Treffen in seinem Haus abhielt. […]
Er machte rasante Fortschritte und innerhalb weniger Monate hatte er mehr oder weniger mit dem gleichgezogen, was ich damals vom Go verstand.“

Im Gegensatz zum Schach war Lasker von Weltmeisterwürden im Go allerdings soweit entfernt wie etwa ein japanischer Go-Meister und Berufsspieler vom Sieg bei einem großen Internationalen Schachturnier.
Dies soll weniger Laskers tatsächliche Spielstärke charakterisieren als vielmehr den seinerzeitigen Abstand der sich entwickelnden deutschen und europäischen Go-Szene zum Niveau der asiatischen Meister und deren Spielkultur verdeutlichen.
Lasker war mit Beginn des Erscheinens der Deutschen Gozeitung (herausgegeben durch L. Pfaundler 1909, 1920 wiederbelebt durch B. Rüger) ununterbrochen Abonnent.
Nachdem Eduard Lasker Deutschland bereits 1912 in Richtung England verlassen hatte, finden wir mit Ausnahme eines Versuchs von B. Rüger, Lasker im Jahre 1920 gegen Zahlung von 20 Mark zu einer Partie Go zu bewegen, keinerlei weitere Go-Aktivitäten von ihm verzeichnet (die Partie kommt zustande, Lasker nimmt das Geld aber nicht an, nachdem Rüger gewinnt)

Dies ändert sich 1927, nachdem Lasker sich dem Go wieder verstärkt zugewandt hatte. Im Turnierbericht der Deutschen Gozeitung zum 2. Europäischen Go-Turniers 1927 in Ilmenau finden wir Lasker unter den Teilnehmern. Im folgenden Jahr wird er in der Rangliste deutscher Spieler bereits auf Position 5 geführt! Lasker ist fortan fester Bestandteil der Berliner Go-Gemeinde.

Bei der Wahl meiner Lieblings-Lasker(Go)partie entfallen langwierige Abwägungen, es ist nämlich – solange der Nachlass nicht noch etwas zutage fördert - nur eine einzige Partie von Lasker aufgezeichnet!
Trotzdem darf diese zu Recht als Glanzpartie gelten, wurde sie doch nicht nur gegen Felix Dueball, den damals stärksten Go-Spieler Deutschlands und späteren mehrfachen Europameister ausgetragen, sondern auch von Lasker mit einem Punkt gewonnen!

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Das Foto zeigt Lasker bei einer Go-Partie mit Felix Dueball in dessen Wohnung am Friedrich-Karl-Platz 14 (heute Klausenerplatz 5) in Charlottenburg am 07.03.1930, also 11 Tage vor der kommentierten Turnierpartie.
Im Hintergrund stehend Felix’ ältester Sohn Fritz Dueball (später gleichfalls Europameister), sitzend Dr. Rosenwald, Go-Spieler aus München, beide annähernd von Laskers Spielstärke.

Interessanterweise steht der wertvolle japanische Gotisch nicht wie in Asien üblich auf seinen geschnitzten Füßen auf dem Boden und die Spieler sitzen kniend davor, sondern er wird der Bequemlichkeit halber und unter Außerachtlassung jeglicher Etikette kurzerhand auf einen runden Kaffeetisch gestellt…

 

Dr. Emanuel Lasker – Felix Dueball

Die Partie fand im Rahmen eines Turniers der Berliner Go-Gruppe am 18.03.1930 statt. Austragungsort war das Café König, Friedrichstr. Ecke Unter den Linden, wo sich die Spieler jeweils dienstags trafen.

Sie wurde erstmals in Bruno Rügers Deutscher Gozeitung, 13.Jahrgang 1931, mit Kommentar Rügers nach vorausgegangener Einschätzung Dueballs veröffentlicht.

image3W:  Felix Dueball
image4 S: Dr. Emanuel Lasker

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Figur 1 (1-50)

Kommentar Bruno Rüger

19. 
besser war  S 1, W 2, S 3 in Diagramm 1,  W muss dann noch etwas tun

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Diagramm 1

32.  Mit diesem und dem nächsten Zuge bekommt W zwar Aussicht auf eine sichere Stellung, lässt aber den S bequem nach der Mitte vordringen
36.  Besser war erst 42
39.  (!) jetzt muss W kläglich fliehen
42.  W setzt nicht auf a, um nicht S b herbeizuführen. Den Zug c will sich W noch vorbehalten
48.  Das ist etwas gewagt. W sollte lieber noch etwas für seine Stellung bei 40 tun z. B. W d
62. Wieder zu gewagt; besser war die Folge in Diagramm 2. Nach 62. kann S durch Bedrohung der W um r10 (markierter Stein) tief ins W Gebiet eindringen

 

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Diagramm 2

68. nach diesem Fehlzug müsste W eigentlich die Stellung bei r10 verlieren
80.  hier musste W 81 spielen. S dringt nun tief in das w Gebiet hinein. W fürchtete jetzt für seine Kette bei r10, aber es konnte Diagramm 3 folgen und W fängt die vier S
100. es drohte S a

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Figur 2  (51-100) , 95 auf 83, 97 auf 92

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Diagramm 3

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Diagramm 4

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Figur 3  (101-150)

102. W opfert den markierten Stein und lässt sich auf ein gefährliches Ko ein. Viel größer war W 4
105. (!) jetzt kann W nur durch Ko leben
107. (?) S hätte auf jeden all den Ko-Kampf aufnehmen müssen. Er hatte sehr große Drohungen, z. B. a, b und c, d nebst e. Auch f mit der Drohung g war groß.
108.  W hat nun hier noch ein gutes Geschäft gemacht
109.  besser war h; denn jetzt kann W entwischen, wenn er h setzt
116.  Der Versuch in Diagramm 4 hätte das Leben der W Kette um den markierten Stein von dem Ko bei a abhängig gemacht
124.  das ist notwendig, sonst wird W hier abgeschnitten
134.  auf W 35 konnte Diagramm 5 folgen und S ist mit Vorhand gerettet, da S a nebst S b droht. Mit dem Textzug sichert sich W und erlangt Gebiet
148.  Größer wäre W h gewesen
149.  einen Punkt mehr brachte S auf i

 

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Diagramm 5

 

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Figur 4  (151-232)

154.  W braucht die Trennung durch S 91 nicht zu fürchten, da er 2 Augen bilden kann
166.  schlecht wäre die Folge in
Diagramm 6, denn S erobert W 1 nebst W 7
167.  besser erst mit Vorhand auf 74 (ist 4 Punkte wert, da a ein echtes Auge wird)
185.  das ist mindestens 2 Punkte wert, da auf S 108 W später c setzen müsste
200.  besser war erst W 107
232. S gewinnt mit 1 Punkt

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Diagramm 6




Anmerkungen H.-Ch. Wohlfarth  (IV. Dan)

Zunächst eine Pointe kurz vor Partieschluss, die mir beim Nachspielen auffiel und Rüger offensichtlich entgangen war:

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Diagramm 7

W darf nach S 209. (markierter Stein in Diagramm 7) keinesfalls fernbleiben, sondern muss sofort das 2. Auge sichern. Nach der Sequenz bis S 5 ist die weiße Gruppe bedingungslos tot.
(1. S auf 3 führt nach 2. W 1 und 3. S 5 zu einem Seki)

S 209 war also ein zwingendes Vorhandendspiel (sichert einen Punkt (a) für S), dessen Nichtbeantworten nun schwerste Konsequenzen erwarten lässt.
Lasker dagegen hat überraschend mit seinem folgenden Satz 211 von außen dem Weißen die Antwort 212 ermöglicht, was das Leben der weißen Gruppe sichert. (es ist für einen Spieler seiner Stärke unwahrscheinlich, aber  - z. B. unter Zeitnotbedingungen – nicht ausgeschlossen, dass er das Problem des Lebens der weißen Gruppe am Brett nicht ausgelesen hat) Möglicherweise wollte Lasker nicht durch Ausnutzen eines groben Versehens seines Gegners gewinnen, dessen stets korrekte Spielweise sprichwörtlich war, der auch in Übungspartien nie einen Satz zurücknahm bzw. nehmen ließ. (vielleicht war für eine solche Entscheidung aber auch ein bereits vorab durchzurechnendes Endspiel und der sich mit einem Punkt abzeichnende spektakuläre Sieg gegen den amtierenden deutschen und Europameister hilfreich …)

Eine Anmerkung zur Partieauszählung:
Die Partie wurde ohne Komi gespielt. Es handelt sich somit um das minimale Handicap zwischen zwei Spielern unterschiedlicher Stärke, der Schwächere erhält schwarz und darf beginnen.
Lasker wird in der Spielstärkeaufstellung Rügers aus dem Jahre 1930 mit Klasse 24 (3.Kyu), Dueball mit Klasse 19 (1. Dan) geführt, für eine Partie mit Handicap bedeutet das 2-3 Steine Vorgabe. Entweder wurde also die Vorgabe gezielt reduziert oder es war eine Gleichaufpartie. Im letzteren Falle alternieren die Farben (die nächste Partie würde also von Lasker mit weiß geführt werden müssen). Ob das Turnier ohne Vorgabe gespielt wurde, lässt sich aus Rügers Bericht nicht entnehmen, entgegen seiner Ankündigung in der Deutschen Gozeitung ist er in den folgenden Ausgaben nicht noch einmal darauf zurückgekommen.
Die Komi-Regelung zum Ausgleich des Anzugvorteils  war zum damaligen Zeitpunkt noch nicht eingeführt. Nach heutiger Handhabung hätte Dueball die Partie mit 6 Punkten gewonnen.
Die bis dahin üblichen Gleichaufpartien ohne materiellen Ausgleich des Anzugsvorteils gingen verständlicherweise häufiger zugunsten des S aus.
W ist bei dieser Ausgangslage zu etwas riskanterem Spiel veranlasst, um dem Gegner mehr Möglichkeiten zu eröffnen, Fehler zu begehen (wovor er selbstverständlich selbst auch nicht gefeit ist), während S umgekehrt versuchen wird, komplizierteren Abwicklungen aus dem Wege zu gehen, um seinen Vorteil weitgehend gefahrlos bis zum Partieende hinüber zu retten.


Gesamteinschätzung des Partieverlaufs

Der Partiebeginn ist von solidem, fast zurückhaltend anmutendem Spiel, einem vorsichtigem Abtasten beider Kontrahenten geprägt. Man vermeint förmlich, den fernöstlichen Einfluss harmonischer Entwicklung und guter Form zu spüren.
W scheint etwas erfolgreicher zu agieren, er erzielt die größeren Gebietsanlagen, allerdings auf Kosten verbliebener Schwächen seiner beiden Gruppen am rechten und unteren Rand.

Für den weiteren Fortgang entscheidend ist der 62. Satz von Dueball, der neben einer Vergrößerung des eigenen linken Moyos (Gebietsanlage) den Druck auf die schwarze untere linke Gruppe aufrecht erhalten soll und zudem noch Unterstützung für die W Gruppe am rechten Rand zu bieten scheint, ein außerordentlich vielseitiger Satz also.
Trotzdem wurde dieser Zug von Rüger kritisiert und es ist ihm - nicht nur in Hinblick auf den sich daraus entwickelnden, für W sehr existenziellen Kampf ums Überleben – sondern aus prinzipiellen strategischen Überlegungen heraus uneingeschränkt Recht zu geben. In solchen Fällen ist es fast immer besser, die Gruppe direkt zum Leben zu bringen, um einen späteren Doppelangriff zu vermeiden.
(Satz 68 des W – s. Rügers Kritik - steht in der Konsequenz des mit 62 eingeschlagenen Weges; nachdem sich S einmal für 62 entschieden hat, will er nun nicht auf halbem Wege stehen bleiben…)

Lasker gelingt es in der Folge, die beschriebene strategische Ausgangslage meisterlich für sich zu nutzen. Er  hält die Gruppe am rechten Rand bei nur einem sicheren Auge und zwingt sie so, sich zur Mitte zu entwickeln, wo S seine eigene Position zunächst mit einigen Vorhandsätzen gegen die linke Gruppe verstärkt. Da der S mit einem Satz auf 130 das zweite W Auge der rechten Gruppe zu verhindern droht und die Folgesequenzen selbst in der Analyse unüberschaubar werden, sieht sich Dueball letztlich veranlasst, die eigentlich zwingende S Vorhand 79 gegen seine untere Gruppe unbeantwortet zu lassen und zuerst das Leben seiner rechten Gruppe mit 80 zu sichern. Danach gelingt es Lasker, aus der einstmals vielversprechenden unteren Stellung des W zwei ums Überleben ringende
schwache Gruppen zu machen. Am Ende stößt der S sogar bis zur Grundlinie vor. Von der ursprünglichen Gebietsanlage des W verbleiben nur ein paar Punkte. Diese kämpferische Sequenz zeigt Lasker sichtlich in seinem Element.
Dass Lasker hier sogar weitergehende Möglichkeiten (z.B. die des Ko-Kampfes nach W 106) ausgelassen hat, könnte darauf hindeuten, dass er sich hinsichtlich des Partieausgangs bereits sicher wähnte.
Normalerweise ist ein derartiger Einbruch in eine Stellung partieentscheidend, da der erlittene Verlust einfach zu groß ist. Dies ist hier nicht der Fall, da der W zum einen von seinem bis dahin erarbeiteten Gebietsvorsprung zehren kann, zum anderen etwas Kompensation durch das Fangen der beiden Steine am rechten Rand erhält. In der Folge macht er zudem weniger kleine Fehler als sein Kontrahent. So wird die Partie hinsichtlich Ihres Ausgangs nochmals sehr spannend und endet schließlich mit dem nach Jigo (Unentschieden) knappsten aller Ergebnisse – einem Punkt!

 

 

aktualisiert: 05. Januar 2009