Laskers Corner – so nenne ich diese Glosse und denke dabei an die berühmte Ecke im Hyde Park. Die gibt es seit 1827, es ist aber nicht bekannt, ob Emanuel Lasker dort jemals über den gesunden Menschenverstand oder über Entscheidungsfindungen in pandemischen Lagen gesprochen hat. Anlass dazu hätte er als Zeitzeuge der Spanischen Grippe (1918 – 1920) allemal gehabt. Karl Marx und George Orwell jedenfalls haben an Speaker’s Corner die Öffentlichkeit gesucht und noch heute kann sich jeder dort auf eine Kiste stellen und über Gott und die Welt reden. Nur die Queen sollte er aussparen, denn sonst könnte es Ärger geben. Allerdings gibt die Queen schon seit längerer Zeit keinen Anlass zu kritischen Bemerkungen. Queen Elizabeth macht einen souveränen Eindruck und die Stimmung im Königreich, das sich a tempo aus der Krise impft, ist besser als bei uns. Bei der ersten nationalen Trauerfeier für die Opfer der Seuche beschwor Bundespräsident Steinmeier den Zusammenhalt der Gesellschaft: Wut haben, das dürfe man, räumte er ein, aber von Schuldzuweisungen sollte man absehen. Da hat er recht, aber gilt das für alle? Die Schauspieler und Schauspielerinnen, die ihr Unbehagen über das konzertierte Krisenmanagement von Regierung und Medien in mehr oder weniger gelungener satirischer Form und (#allesdichtmachen) mit gewagter Ironie an die Öffentlichkeit brachten, wurden mit einem Hagel von schärfster Kritik, Schmähungen und Drohungen überzogen. Plötzlich wollten Journalisten entscheiden, was Satire ist und was nicht. Vor Jahren avancierte ein Jan Böhmermann mit einem ziemlich dreckigen Schmähgedicht über den kranken Mann am Bosporus – unter medialen Beifall – zum systemrelevanten Satiriker. Unter Coronabedingungen gilt jetzt die Freiheit der Kunst bei vielen Zeitgenossen nicht mehr viel. Es wird höchste Zeit, dass sich in Deutschland die Herdenimmunität einstellt, damit die Gemüter sich beruhigen können. Behalten wir die Nerven. Zähigkeit ist gefragt. Und da ist Emanuel Lasker ein gutes Vorbild. Schlechte Stellungen haben ihn nie davon angehalten, gut zu spielen. Ganz im Gegenteil lief er dort oft zur größter Form auf. Sein Motto hieß „in der Krise muss man kämpfen, um gewinnen zu können“, aber mit Sinn und Verstand und vor allem Anstand. Bei einem Sieg sowieso und bei einer Niederlage noch viel mehr.