CH&LS-Treffen vom 28. – 29. August in Kopenhagen

Herbert Bastian, Michael Negele, Frank Hoffmeister

Das Jahrestreffen der Chess History & Literature Society (CH&LS) fand diesmal vom 28. – 29. August im Skakkens Hus (Haus des Schachs) in Kopenhagen statt. Nach Marostica (Italien, 2022), Belfort (Frankreich, 2023), Budapest (Ungarn, 2024) und Valencia (Spanien, 2025) wagte man den längst fälligen Trip in den Norden. Entsprechend waren auch die acht gut ausgewählten, hochinteressanten Vorträge nordlastig. Zumindest ein Teil davon wird wie in den vergangenen Jahren von Jean-Olivier Leconte auf der Webseite der CH&LS veröffentlicht werden.

Der Tagungsort Skakkens Hus in der Solvgade 5 in 1307 Køpenhavn.

Bevor ich auf die Inhalte der Vorträge eingehe, möchte ich ein paar Worte zu den Mitgliedern der Vereinigung sagen. Es liegt in der Natur der Sache, dass die meisten bereits ein hohes Alter erreicht haben. In jungen Jahren tobt man sich lieber in der Turnierpraxis aus, als sich mit der Geschichte des Schachspiels zu beschäftigen. Die gute Komponente der Nachricht ist, dass die Treffen der CH&LS in der Regel von weltoffenen Personen besucht werden, die sich eine hohe geistige und körperliche Fitness bewahrt und in der Beschäftigung mit der Schachgeschichte ein außergewöhnlich spannendes und interessantes Betätigungsfeld gefunden haben.

Derzeit hat die Vereinigung nach den auf der Webseite angegebenen Daten noch 4 Ehrenmitglieder, 45 Seniormitglieder (über 75 Jahre alt), darunter eine Frau, und 80 Mitglieder, darunter 2 Frauen. Die Tendenz ist nach schwierigen Jahren wieder steigend. Registriert sind außerdem 47 verstorbene Mitglieder, darunter eine Frau und ein weiteres Ehrenmitglied. Mit nur 4 von insgesamt 176 bisher registrierten Mitgliedern (2,3%) ist der Frauenanteil noch verbesserungsbedürftig. An der aktuellen Tagung nahmen sieben begleitende Partnerinnen teil und verfolgten die spannenden Vorträge teils mit großer Geduld. Am ersten Tag beehrte der schwedische GM Jonny Hector (62) die Tagung mit seiner Teilnahme.

Gebannte Zuhörer lauschen einem Diskussionsbeitrag.

Die nüchternen Zahlen gewinnen an Leben, wenn man Namen hinzufügt. Um einen Eindruck von der Qualität der Vereinigung zu geben, möchte ich an repräsentativen Mitgliedern die verstorbenen Großmeister Jurij Awerbach (1922–2022), Lothar Schmid (1928–2013), Boris Ivkov (1933–2022), Fridrik Olafsson (1935–2025) sowie den in Österreich geborenen, russischen Schachhistoriker Isaac M. Linder (1920–2015) hervorheben.

Wie man sich unschwer vorstellen kann, sind neue Mitglieder beiderlei Geschlechts einschließlich diverser Varianten gesucht und willkommen. Vielleicht können die folgenden Ausführungen zur Steigerung bereits keimenden Interesses beitragen.

Der bei der Europäischen Union tätige Jurist und Schachenthusiast Prof. Dr. Frank Hoffmeister (*1969, Elo 2149) hat nach seiner Wahl 2022 in Marostica mit einem kleinen, gut zusammengesetzten Team frischen Wind in die Organisation gebracht. Überzeugende Komponenten seines Führungsstils sind kurze, unkomplizierte Entscheidungswege, attraktive Austragungsorte, kompetente Referenten mit spannenden Themen und wertschätzender Umgang mit allen Beteiligten.

Prof. Dr. Frank Hoffmeister begrüßt Morten Lilleøren (rechts sitzend) vor dessen Eröffnungsvortrag.

Nun zu den Vorträgen, die mit anschließender Diskussion jeweils etwa eine Stunde dauerten. Der Reigen begann mit dem Norweger Morten Lilleøren über The northern way of the game to Europe. Morten, der seine aktive Karriere um 2010 mit einer Elozahl von ca. 2100 beendete, fand die Beschäftigung mit der Schachgeschichte viel spannender, wie er mir bei einem Abendessen erzählte. Zeitdruck und Depressionen nach Niederlagen entfallen, Euphorie kommt mit jedem neuen Fund, und derer gibt es noch viele zu entdecken. Meine eigenen Forschungsergebnisse bestätigen die hohe Qualität von Mortens Erkenntnissen zum Weg des Spiels über den Norden nach Mitteleuropa, den es wohl neben dem Weg aus dem Süden gegeben hat. Bis zur Publikationsreife muss aber das versprochene Manuskript abgewartet werden, und es sind noch Fragen zu klären, so dass man hier im Allgemeinen bleiben muss.

Morten Lilleørens Fazit zur alten Bezeichnung des Schachturms.

Nach der wohlverdienten Kaffeepause zeigte der wieder genesene Praeceptor historiae scaccorum Germanicae Dr. Michael Negele, Ehrenmitglied der CH&LS, dass er immer noch an der Spitze der Schachgeschichtsforschung marschiert. Sein Vortrag mit dem Titel The use of artificial intelligence for research in chess history zeigte an Beispielen, wie man mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz das Herausquetschen von Informationen aus vorgegebenen Literaturquellen enorm beschleunigen kann, wobei man es aber vermeiden sollte, den eigenen Verstand bei der Prüfung der vorgeschlagenen Ergebnisse auszuschalten. Sonst könnte man sich gelegentlich einen Bären aufbinden lassen, was die dem Uneingeweihten unverdächtig erscheinende Kreation „Emanuel von der Lasa“ zeigte. Offen gesagt hat es mich erleichtert, dass die KI es bisher nicht geschafft hat, meine Thesen zum Chapais Manuskript zu widerlegen, und ich bin sehr gespannt, was die Zukunft dazu noch bringen wird.

Dr. Michael Negele berichtet über den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Schachgeschichtsforschung

Als nächstes folgte der französische FM Jean-Olivier Leconte (Elo 2195), der die unbedingt empfehlenswerte Webseite https://lecafedelaregence.blogspot.com/ mit Beiträgen zur französischen Schachgeschichte geschaffen hat und die Webseite der CH&LS betreut. Jean-Olivier zeigte anlässlich des Tricentennial of Philidor, the chess player, dass es auch nach dreihundert Jahren immer noch Neues zu dem 1726 geborenen, berühmten Franzosen zu entdecken gibt. Wer mehr dazu wissen will, kann sich unter der angegebenen Adresse oder in Kürze auf der Webseite der CH&LS informieren.

Jean-Olivier Leconte zeigt Philidors Schachfiguren

Passend dazu folgte Claes Løfgren, eine Seele von Mensch, mit seinem Vortrag über The Danish edition of Philidor’s chess treatise of 1773, eine sehr seltene und digital anscheinend nicht verfügbare Ausgabe. Claes, der Schriftführer der CH&LS ist, war verantwortlich für die Vorbereitung des gelungenen Treffens.

Die Titelseite der seltenen dänischen Philedor Ausgabe aus dem Jahr 1773.

Wie üblich fand am ersten Tag die General Assembly der CH&LS statt. Die Berichte sind stets transparent und kurz, so dass die Formalitäten dank der überzeugenden Arbeit des Vorstands schnell abgewickelt werden können. Bemerkenswert war der Bericht von Per Skjoldager über das Projekt To Biblion, das sich zum Ziel gesetzt hat, die gesamte klassische Schachliteratur zu erfassen, was angesichts des exponentiellen Wachstums der Zahl publizierter Werke für die Zukunft aber nicht mehr zu leisten sein wird. Warnende Worte hörte man vom Schatzmeister Henri Serruys, weil die wachsenden Aktivitäten der CH&LS die Rücklagen in der Kasse haben schrumpfen lassen, wie nicht anders zu erwarten. Noch ist alles im grünen Bereich. Wie üblich folgte man der Tradition, den ersten Abend mit einem gemeinsamen Abendessen zu beschließen.

Old mens‘ gang beim Dinner im Restaurant Bouillon Solbjergvej 3, 2000 Frederiksberg, Køpenhavn.

Einer weiteren Tradition entsprach die Stadtführung am Samstagmorgen von 10.00–12.00 Uhr, die von Kaare Vissing Anderssen anekdotenreich gestaltet wurde und an 14 attraktiven Orten der Altstadt Kopenhagens bleibende Erinnerungen schuf. An der neunten Station nahmen die Teilnehmer in der Studiestræde 24 einen Blick auf das Haus, in dem der erste dänische IM Jens Enevoldsen (1907–1980) und der erste dänische GM Bent Larsen (1935–2010) eine Zeitlang gewohnt hatten. Nun frage ich mich, ob dieses Haus auch eines Tages den ersten dänischen Weltmeister beherbergen wird.

Man trifft sich am Rathaus zur Stadtführung.
In der Bildmitte von links nach rechts:
Frank Hoffmeister, Claes Løfgren undKaare Vissing Anderssen

Ein Denkmal des dänischen Schriftstellers Hans Christian Anderssen (1805-1875).

Am Nachmittag berichtete Peter Holmgren im ersten Vortrag über Gideon Ståhlberg (1908–1967) – the first Swedish Grandmaster. Die Webseite Chessmetrics.com gibt als höchste Platzierung des für seine Alkoholexzesse berüchtigten Weltklassespielers, der nur 59 Jahre alt wurde, für die Monate Februar bis Juli 1948 den Rang 3 in der Weltrangliste an. Ståhlberg gehörte 1950 zu den ersten Spielern, denen die FIDE den Großmeistertitel verlieh. Es war angenehm, ein positiveres Bild des Schweden kennen zu lernen, der als während der Partie stets korrekter Spieler und in seinen späteren Jahren als sorgender Familienvater beschrieben wurde. Seine schachlichen Leistungen und insbesondere sein Aufenthalt in Südamerika werden auf der englischsprachigen Seite der Wikipedia gut beschrieben.

Peter Holmgrens Buch über Gideon Ståhlberg (Band 1).

Nach der Kaffeepause berichtete Per Skjoldager ausführlich und mit vielen für mich neuen Informationen über Aron Nimzowitsch and his role for Danish chess. Nimzowitschs berühmtes Buch „Mein System“ ist bis in die heutige Zeit populär geblieben, wenn auch kurzzeitig kritische Töne über das Niveau des Inhalts aufkamen. Das Prinzip der Prophylaxe wurde von Nimzowitsch erstmals klar beschrieben, und nach ihm sind zwei Eröffnungen benannt. Nimzowitsch-Indisch gehört bis heute zu den wichtigsten Verteidigungen gegen den Doppelschritt des d-Bauern im ersten Zug.

Per hat eindrücklich gezeigt, dass das dänische Schach Nimzowitsch viel zu verdanken hat. Der in Riga (damals russisches Kaiserreich) geborene Großmeister lebte nach seinem Philosophiestudium in Berlin von 1922 bis zu seinem Tod 1935 mit dänischer Staatsbürgerschaft in Kopenhagen.

Per Skjoldager trägt über Nimzowitsch vor.

Eine wichtige Lücke füllte Matthias Johansson mit seinem inhaltsreichen Vortrag Chess in Scandinavia during the second world war, aus dem ich ein Bonbon präsentiere. Ähnlich wie bei der Entschlüsselung der Enigma durch Alan Turing war im zweiten Weltkrieg auch in Schweden ein Schachspieler beim Knacken eines Codes involviert. Dem schwedischen Mathematiker Arne Beurling gelang es bereits 1940 innerhalb von nur zwei Wochen allein mit Stift und Papier, den Code des Siemens Geheimschreibers (Siemens & Halske T52) zu knacken (KI-Auskunft). Dabei wurde er von dem schwedischen Fernschachmeister von 1945 Åke Lundqvist (1913–2000) unterstützt.

Matthias Johansson berichtet über den Schwedenaufenthalt des Juden Rudolf Spielmann, der nach der Flucht vor den Nationalsozialisten am 21. August 1942 in Stockholm verstarb.

Selbstverständlich durfte ein Beitrag über den berühmtesten dänischen Großmeister nicht fehlen. Diesen präsentierte Jan Lofberg unter dem Titel The last Viking: World Championship candidate Bent Larsen.

Die vier jüngsten Spieler der Schacholympiade 1954 in Amsterdam, zwei davon aus Island:
Ingi R. Johansson (1936–2010), Oscar Panno (*1935),
Bent Larsen (1935–2010) und Fridrik Olafsson (1935–2025).

Den letzten Vortrag hielt Øystein Brekke, der unter anderem2014 die Jubiläumsschrift zum 100-jährigen Jubiläum des Norwegischen Schachverbands verfasst hatte, mit der Vorstellung seines Buches The Chess Saga of Friðrik Ólafsson (2021), mit dem er dem 2025 im Alter von 90 Jahren verstorbenen früheren Weltklassegroßmeister und FIDE-Präsidenten (1978–1982) ein würdiges Denkmal setzte.

Øystein Brekke berichtet über die Karriere von Friðrik Ólafsson.

Zum Abschluss stellte Jan Løfberg die ersten beiden Bände seiner monumentalen Larsen-Biografie vor. Sie decken die Jahre 1935–1965 und 1966–1972 ab.

Jan Løfberg trägt über Bent Larsen vor.

Insgesamt brachte die Tagung viele neue Erkenntnisse und bot die Gelegenheit, mit angenehmen Schachhistorikern aus ganz Europa ins Gespräch zu kommen. Man darf schon jetzt auf die Tagung im nächsten Jahr, dem Jubiläumsjahr des Deutschen Schachbunds (150 Jahre), gespannt sein. Während der Deutsche Schachbund sich damit schwertut, eine angemessene Jubiläumsveranstaltung in seiner Gründungsstadt Leipzig vorzubereiten, hat die (international tätige) CH&LS jetzt beschlossen, ihre Tagung dort Ende August oder Anfang September 2027 durchzuführen. Die Tagung wird auch für Nicht-Mitglieder geöffnet, und es kann erhofft werden, dass viele deutsche Schachfreunde das Angebot nutzen werden, sich mit der Geschichte des eigenen Verbandes vertraut zu machen. Bis auf bald in Leipzig 2027!

Die Teilnehmer (alphabetisch): Herbert Bastian, Georges Bertola, Øystein Brekke, Rod Edwards, Calle Erlandsson, Jonny Hector, Frank Hoffmeister, Peter Holmgren, Mattias Johansson, Gero Jung, Jean Olivier Leconte, Morten Lilleøren, Henrik Malm Lindberg, Jan Løfberg, Claes Løfgren, Michael Negele, Darko Plecas, Toni Preziuso, Henri Serruys, Per Skjoldager,           Jurgen Stigter, Denis Teyssou, Dominique Thimognier, Guy van Habberney, Kaare Vissing, Francois Zutter, Lars Zwisler.

Kopenhagen, im August 2026