Beat Rüegsegger # 04/26 – Schach und Musik

Ennio Morricone (1928 – 2020)

Der italienische Musiker und Komponist, der über 400 Filmmusiken komponiert hat, wurde vor allem mit der Titelmelodie des Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1970) berühmt und zum gefragten, international erfolgreichen Filmkomponisten. Seine Kompositionen zeichnen sich durch ungewöhnliche Schlagzeug- und Gitarren-Arrangements und den in diesem Genre unüblichen Einsatz von Instrumenten wie der Mundharmonika aus. Er pflegt seine Werke ohne Klavier zu komponieren.

Morricone war ein begeisterter Schachspieler. Im Alter von 13 Jahren erblickte er in einem Schaufenster ein Schachlehrbuch von Savioli und verspürte plötzlich das unwiderstehliche Verlangen, dieses Spiel zu erlernen. Für fünf Jahre traten alle anderen Dinge des Lebens in den Hintergrund. In der Dachstube eines Freundes wurde Tag für Tag stundenlang Schach gespielt. Doch dann sprach sein Vater ein Machtwort, weil er Schule und Studium vernachlässigte: „Du musst mit dem Schach aufhören, denn davon kannst du niemals leben. Konzentriere dich auf die Musik, wo du Talent hast. Du kannst später wieder ans Schachspielen denken.“ Er hörte auf seinen Vater und schloss am Konservatorium mit einem Diplom als Trompeter ab und kam erst wieder mit 28 Jahren zum Schachspiel zurück, als er ab und zu einen Klub in seiner Nähe besuchte. So richtig in den Bann gezogen wurde er 1972 vom WM-Kampf zwischen Fischer und Spassky auf Island. Er bewunderte die brillanten Spielweisen von Fischer, Tal und Morphy. Später nahm er Schachunterricht bei den italienischen Schachgrößen Stefano Tatai und Alvise Zichichi. Gerne nahm er jeweils Einladungen an, um sich in seiner karg bemessenen Freizeit an Simultanturnieren mit den Schachgrößen zu messen. Er spielte zweimal gegen Spassky und beide Male kam ein angenommenes Königsgambit aufs Brett. Einmal verlor ein in 23 Zügen, aber in der zweiten Begegnung erreichte er ein vielbeachtetes Remis. Er verblieb als letzter Spieler von insgesamt 26 Gegnern und konnte vor lauter Aufregung und Emotionen die letzten 12 Züge nicht mehr aufschreiben. Das war im Jahre 2000 in Turin anlässlich des 90. Geburtstages des dortigen Schachklubs. 2006 kehrte er dorthin zurück, aber nicht nur als Kiebitz an die Schacholympiade, sondern weil er die Hymne für die Olympiade komponiert hatte. Er stellte sogar zwei Hymnen zur Verfügung und ließ die Organisatoren auswählen.

In anderen Simultanturnieren spielte er auch gegen Kasparow, Karpow und Caruana. 2004 in Rom traf er in zwei 15 Minuten-Partien auf Judit Polgar, die damals stärkste Schachspielerin der Welt. Anlass war die Aufnahme Ungarns in die Europäische Union.

Morricone war gut befreundet mit dem russischen Schachgroßmeister Mark Taimanow, der nicht nur als Schachspieler von Weltklasse galt, sondern als ein begnadeter Pianist. Bei ihren zahlreichen Begegnungen sollen jeweils sowohl die Musik wie auch das Schachspiel Thema gewesen sein. Morricone komponierte für die italienische Fernsehgesellschaft RAI ein Musikstück, das seine Vorstellungen von einer Schachpartie zum Ausdruck bringt. Gegenüber dem TV-Journalisten Stefano Mensurati hat er sich wie folgt geäußert: „Die Musik und Schach sind zwei kreative Aktivitäten und es ist kein Zufall, wenn die instrumentalen Kombinationen ebenso unzählig sind wie die Kombinationen auf dem Schachbrett. Und so wie es minderwertige Musik und solche auf höchstem Niveau gibt, so gibt es dies auch im Schach mit wunderschönen Partien und solchen auf tiefstem Niveau. Wenn ich nicht Musiker geworden wäre, hätte ich Schachmeister sein wollen.“

Berlin, im Juni 2026

Beat Rüegsegger