Beat Rüegsegger # 5 – Schach und Politik

Walter Laqueur (1921 – 2018) und Richard David Breitman (1947)

Die beiden amerikanischen Historiker – Ersterer war von deutsch-jüdischer Herkunft und auch als Publizist tätig – legten mit „Der Mann, der das Schweigen brach. Wie die Welt vom Holocaust erfuhr“ (1986) ein Werk vor, das einen speziellen Horizont auf die Judenverfolgung unter den Nazis im Zweiten Weltkrieg wirft:      

Der in Düsseldorf am 4. Januar 1891 geborene Eduard Schulte hatte in den 40er-Jahren als Direktor der schlesischen Giesche-Werke, die vornehmlich im später kriegswichtigen Zink- und Stahlbau tätig war, eine herausgehobene Position inne. Schulte gehörte mit Krupp, Abs und anderen zu den etwa 25 persönlich von Hermann Göring ausgewählten Wirtschaftsgrößen, die am Spätnachmittag des 20. Februar 1933 in Berlin zu einem Treffen mit Adolf Hitler eingeladen worden waren, um vor den anstehenden März-Wahlen für die NSDAP um Unterstützung in der Wirtschaft zu werben. Infolge seiner Position gelangte Schulte bereits im Sommer 1942 in den Besitz von Informationen, die bewiesen, dass die nationalsozialistische Führungsspitze die Vernichtung der europäischen Juden plante und dabei Blausäure-Gas einsetzen wollte. Schulte, der zur Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten häufig und regelmäßig nach Zürich in die Schweiz fuhr, hatte unverdächtige und ausreichende Gelegenheit, die Information über die Bedrohung von Millionen von Menschen den Alliierten zu übermitteln. Er war sich darüber klargeworden, dass seine Information über die drohende Tragödie an die führenden jüdischen Institutionen nach Amerika weitergeleitet werden musste. Doch wer kam in Frage, diese verzweifelt wichtige Information weiterzuleiten? Er traf deshalb Ende Juli 1942 in Zürich mit Isidor Koppelmann zusammen, einem Mitarbeiter der Internationalen Kapital-Anlage Gesellschaft und erzählte ihm von dem Vernichtungsplan der Nationalsozialisten. Koppelmann kannte Schulte als seriösen und bedachten Geschäftsmann und glaubte deshalb die beunruhigenden Nachrichten, meinte aber, dass er die führenden Schweizer Juden und die diplomatischen Emissäre nicht sehr gut kenne. Er bewege sich gewöhnlich nicht in diesen Kreisen. Schulte bat Koppelmann, noch einmal genau nachzudenken. Koppelmann fiel Sagalowitzein.

> Zitat: … „Koppelmann beschloss, auf der Stelle Sagalowitz anzurufen. Eine weibliche Stimme meldete sich. Es war die Gefährtin von Sagalowitz. Nein, er sei nicht in der Stadt. Er sei in Lausanne und nähme dort an der jährlichen Schweizer Schachmeisterschaft teil. Er werde in fünf oder sechs Tagen zurück sein. Koppelmann rief das Beau Rivage in Lausanne an. Sagalowitz war nicht dort. Er versuchte es im Hotel Du Château. Ja, bestätigte der Mann von der Vermittlung, der Herr Doktor gehöre zu den Gästen des Hauses. Aber die Meisterschaft sei noch im Gange, und er habe strenge Anweisung, keinen der Spieler ausrufen zu lassen. Sie dürften auf keinen Fall gestört werden. Koppelmann hinterließ eine dringende Nachricht. Binnen einer Stunde rief Sagalowitz zurück. Koppelmann erklärte ihm, dass sich eine Angelegenheit von ernstester Bedeutung ergeben habe. Nur Sagalowitz sei in der Lage, ihr gerecht zu werden. Ob es möglich wäre, dass er für einen Tag nach Zürich kommen könne. Sagalowitz hielt das für ausgeschlossen. Es handle sich um das erste größere Schachturnier seit Ausbruch des Krieges. Schach war seine große Leidenschaft. Er war stellvertretender Vorsitzender seines Schachklubs in Zürich, (> Anmerkung: Es handelt sich um den Schachklub Springer) und eine Zeitlang hatte er mit dem großen Emanuel Lasker korrespondiert. Verließe er jetzt das Turnier und sei es auch nur für einen Tag, würde er in die allergrößten Schwierigkeiten kommen. Seine Chancen für ein gutes Abschneiden wären dahin. Sicherlich würde doch eine Verzögerung von einigen Tagen nicht allzu viel ausmachen. Koppelmann sagte, er hätte die Bitte gar nicht erst geäußert, wenn es in der Sache nicht um Leben und Tod ginge. Der einigermaßen ratlose Sagalowitz klagte, dass ausgerechnet ihm jedes nur erdenkliche Unglück passieren müsse. Er hatte sich lange auf das Turnier gefreut. Seine Chance, an der Spitze seiner Gruppe abzuschließen, war nicht gut. Dennoch hielt er es für eine Zumutung, von ihm zu verlangen, mitten während des Turniers, wo es so viel Interessantes zu sehen, so viel zu lernen gab, nach Zürich zu fahren. Aber Sagalowitz hatte sich noch nie einer Bitte um Hilfe verschlossen. Und deshalb erklärte er sich nach kurzer Überlegung bereit, am nächsten Tag einen Zug nach Zürich zu nehmen. Bevor er abreiste, sprach er mit dem obersten Schiedsrichter des Turniers, der Sagalowitz zusagte, dass er seine Partie für einen anderen Abend ansetzen werde.“

Die Information über die geplante Vernichtung der den Nazis missliebigen Menschen (nicht nur Juden) wurde schließlich an die britischen und amerikanischen Behörden weitergeleitet, fand jedoch, wie wir leider wissen, kein ausreichendes Gehör, um die Katastrophe zu verhindern. Eduard Schulte, der Mann, der das Schweigen brach, lebte nach dem Krieg unerkannt in Zürich. Er schwieg zeitlebens über seine Tat und starb im Januar 1966. Benjamin Sagalowitz (1901 – 1970), der die Information nach England und Amerika weiterleiten konnte, war damals 41 Jahre alt. Schultes Unternehmen haben das Jahr 1945 nicht überstanden. Sie fielen an Polen und die Russen demontierten das, was von Giesches Zinkhütte in Magdeburg übriggeblieben war und schafften es in die Sowjetunion, wo es verrottete.

Interessant ist noch zu wissen, dass die übrigen Teilnehmer des Schachturniers nicht über den Grund von Sagalowitz Abwesenheit während dieser Partie unterrichtet wurden. Der wahre Grund sickerte nicht durch. Es gab nur vage Gerüchte, wie sie in den damaligen Kriegstagen üblich waren. Das relativ unbefriedigende Turnierergebnis von Sagalowitz – er kam im Hauptturnier I nur auf den geteilten 19. ‑ 21. Rang von 26 Teilnehmenden – wurde aber allgemein als Indiz gewertet, dass für ihn eine wichtige Angelegenheit in Zürich im Vordergrund stand.

Michail Sergejewitsch Gorbatschow (1931 – 2022)

Der bedeutende sowjetische Politiker, in Priwolnoje (Kaukasus) geboren, studierte Jura in Moskau und arbeitete als Agraringenieur in seiner Heimatregion Stawropol. Nach einer steilen Parteikarriere war er von 1985 bis 1991 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. 1986 begann er seine Kampagne für Perestrojka („Umbau“) und Glasnost („Offenheit“). 1990 und 1991 war er Präsident der Sowjetunion und erhielt 1990 den Friedensnobelpreis. 1992 gründete er die Gorbatschow-Stiftung, 1993 die Umweltschutzorganisation Internationales Grünes Kreuz. Seit dem Tod seiner Frau Raissa 1999 lebte Gorbatschow unweit seiner Tochter Irina bei Moskau.

In seiner beeindruckenden Autobiographie „Alles zu seiner Zeit. Mein Leben“ (2013) liest man über einen großen Staatsmann, aber auch über eine berührende Liebesgeschichte. Der Friedensnobelpreisträger, der das Ende des Kalten Krieges einleitete, lässt sein Leben Revue passieren: Er erzählt von den wichtigsten Stationen seines politischen Werdegangs und den für ihn prägendsten persönlichen Erfahrungen – das beeindruckende Zeugnis eines der mächtigsten Männer des 20. Jahrhunderts. Fast fünfzig Jahre lang lebte Michail Gorbatschow an der Seite seiner Frau Raissa, die er während des Studiums in Moskau kennengelernt hatte. Beide verband eine innige Liebe und ein intensiver geistiger Austausch. Der Krebstod seiner Frau 1999 in Deutschland traf den einst mächtigsten Mann der Sowjetunion tief. In diesem Buch geht er unter anderem der Frage nach, ob er ihn hätte verhindern können. Anlässlich ihres Todes ruft er sich die aus heutiger Sicht wichtigsten Stationen seines Lebens ins Gedächtnis zurück. Flankiert werden seine Erinnerungen von Tagebuchaufzeichnungen, die kurz nach dem Tod seiner Frau entstanden. An einer Stelle äußert er sich zu seiner Beziehung zum Schachspiel:

«… Inzwischen habe ich den früheren Präsidenten von Kalmückien, Iljumschinow, kennengelernt, einen sehr aktiven und interessanten Mann. … Jetzt investiert Iljumschinow viel Kraft und Zeit in die weltweite Entwicklung des Schachspiels. Da hat er große Verdienste.Er wird geschätzt für das, was er für die Menschen tut. Schade, dass ich kein guter Schachspieler bin. Vom Schach, diesem wunderbaren Spiel, hörte ich übrigens zum ersten Mal in der Kriegszeit, als die Gorbatschows, eine mit uns verwandte Familie, aus Salsk zurückkehrten. Mit ihnen kam Viktor Mjakich, der neben anderen Kindern auch mich mit diesem komplizierten Spiel bekannt machte. Bevor wir uns die Bedeutungen und Möglichkeiten einer jeden Figur einprägen konnten, mussten wir erst mehrere Sets Schachfiguren schnitzen und „Schachbretter“ zeichnen. Als wir aber erst einmal auf den Geschmack gekommen waren, konnte man uns nicht mehr von dem Spiel losreissen. Wir spielten stunden- und tagelang. Ich war sehr begeistert davon. Als ich dann an der Universität war und eine Menge Probleme auf mich einströmten, gab ich das Schachspiel auf. Das Leben danach war noch anstrengender. Und so habe ich meine Fähigkeiten diesbezüglich nicht ausbauen können. Als ich mich kürzlich mit Iljumschinow traf, haben wir eine Partie Schach gespielt – und natürlich habe ich verloren, obwohl er mir bewusst den Vortritt ließ. Nach endlosen Reisen durch die Welt in seiner Funktion als Präsident der Internationalen Schachföderation haben wir uns vor kurzem wieder getroffen und über die Vergangenheit gesprochen. Die Gegend, aus der du kommst, vergisst du nie. Und wir haben abgemacht, im nächsten Frühjahr in die Strawropoler und die kalmückische Steppe zu fahren. …»

Berlin, im Juli 2026

Beat Rüegsegger