Beat Rüegsegger # 06/26 – Schach und Literatur

Boris Leonidowitsch Pasternak (1890 – 1960)

Der russische Schriftsteller schrieb seinen einzigen Roman „Dr. Schiwago“ zwischen 1946 und 1955 und erhielt dafür 1958 den Literaturnobelpreis, konnte diesen aber auf Druck der sowjetischen Regierung nicht annehmen. Der Roman spielt zum großen Teil im Ersten Weltkrieg und in der Zeit des Bürgerkrieges nach der Russischen Revolution und beschreibt eindringlich die Not der Menschen in dieser Zeit – zu eindringlich nach dem Empfinden der sowjetischen Führung. Die Hollywood-Verfilmung aus dem Jahr 1965 wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet. Die Hauptfigur dieses Romans, Fedor Bohatirchuk, ist selbst bei Schachspielern heute fast vergessen. Dabei hatte der ukrainisch-kanadische Mediziner und Schachmeister eine bewegte Biografie in bewegten Zeiten und zudem gegen den späteren Weltmeister Mikhail Botwinnik eine einzigartige Bilanz: 3,5:0,5. Außerdem diente Bohatirchuk Boris Pasternak als Vorbild für die Romanfigur des Dr. Schiwago. Fedor Parfenovich Bohatirchuk wurde am 27. November 1892 geboren. In den meisten Quellen findet man auch den 14. November 1892 als Geburtsdatum, nicht zuletzt auf Wikipedia. Der Grund für die beiden unterschiedlichen Angaben zum Geburtsdatum dürfte in den 13 Tagen Differenz zwischen dem Julianischen und dem Gregorianischen Kalender zu suchen sein. Nach der Russischen Revolution wurde auch in der Sowjetunion der genauere Gregorianische Kalender eingeführt. Der zuvor in Russland gebräuchliche Julianische Kalender eilte diesem zuletzt um 13 Tage hinterher.

Schach lernte Bohatirchuk im Alter von 15 Jahren. Zu Beginn seiner Schachkarriere besuchte er noch einige Turniere zusammen mit Mikhail Tschigorin, der zeitweise als sein Schachlehrer fungierte. Dieser starb allerdings schon bald, 1908. Im Jahr 1910 gewann Bohatirchuk erstmals die Stadtmeisterschaft von Kiew, vor Efim Bogoljubow. 1914 besuchte Raul Capablanca Kiew und gewann in einem Schaukampf gegen den jungen Kiewer Meister. Zwischen 1923 und 1934 nahm Bohatirchuk insgesamt sechsmal bei UdSSR-Meisterschaften teil und konnte diese 1927 zusammen mit Romanovsky vor Spielern wie Botvinnik und Dus-Chotomirsky gewinnen. 1925 war er einer der Teilnehmer beim ersten großen internationalen Schachturnier in der Sowjetunion. In Moskau wurde er elfter bei 21 Teilnehmern. Bogoljubow gewann das Aufsehen erregende Turnier vor Lasker und Capablanca.

Der am meisten geförderte Spieler in der frühen Sowjetunion war Mikhail Botvinnik. Im Laufe seiner Schachkarriere traf Bohatirchuk viermal auf den späteren Weltmeister, ging dreimal als Sieger vom Brett und ließ nur ein Remis zu. Besonders schmerzvoll war der Sieg von Bohatirchuk über den gehätschelten kommenden sowjetischen Schachstar beim großen internationalen Turnier 1935 in Moskau. Hier sollte die Überlegenheit der Arbeiterklasse mit einem Turniersieg von Botvinnik demonstriert werden, aber wegen der Niederlage gegen Bohatirchuk musste sich Botvinnik den Sieg mit Salo Flohr teilen. Lasker wurde damals Dritter, Capablanca Vierter. Nach Bohatirchuks Sieg kam der russische Justizkommissar Nikolai Krylenko, Freund und Kampfgenosse von Lenin und Kopf des organisierten Schachs in der Sowjetunion, auf Bohatirchuk zu und sagte ihm: „Du wirst nicht noch einmal gegen Botvinnik eine Partie gewinnen.“ Das erwies sich als zutreffende Prognose, denn Bohatirchuk hatte schon deshalb keine Gelegenheit mehr dazu, weil er nie wieder in einem Turnier mitspielen durfte, in dem Botvinnik teilnahm.

Im Anschluss an seine Schulausbildung hatte Bohatirchuk 1912 ein Medizinstudium begonnen und während des Bürgerkriegs nach der Russischen Revolution ein Lazarett geleitet. Später wurde er Professor für Anatomie am Institut für Körperertüchtigung und Sport in Kiew. Seine beruflichen Aufgaben ließen ihm nur wenig Zeit übrig, um an Schachturnieren außerhalb von Kiew teilzunehmen. Für diese beruflich bedingte Abstinenz wurde er von der örtlichen Partieleitung gerügt, da er sich durch sein Verhalten angeblich nicht genügend an der Entwicklung des Schachnachwuchses und damit am Fortschreiten des kulturellen Lebens der UdSSR beteilige. Bohatirchuk sah keinen anderen Weg aus dieser Zwickmühle zu entkommen als mit dem Turnierschach aufzuhören.

Im September 1941 besetzte die deutsche Wehrmacht im Zuge ihres Angriffs auf die Sowjetunion Kiew. Bohatirchuk übernahm in Kiew die Leitung des Ukrainischen Roten Kreuzes, offiziell allerdings nicht anerkannt, da die Sowjetunion die Genfer Konvention nicht unterzeichnet hatte. Mit seinen Mitarbeitern kümmerte sich Bohatirchuk um sowjetische Kriegsgefangene, die von den Deutschen unter erbärmlichen Bedingungen gefangen gehalten wurden. Wegen dieser Aktivitäten, aber auch weil er eine jüdische Mitarbeiterin, die Schwester des Schachspielers Boris Ratner, vor den Deutschen versteckt haben soll, wurde Bohatirchuk im Februar 1942 von der Gestapo verhaftet, einen Monat lang im Gestapo-Hauptquartier in Kiew festgehalten, schließlich aber wieder freigelassen. Bohatirchuk wanderte 1948 nach Kanada aus und lebte von nun in Ottawa. Beruflich fasste er als Mediziner schnell in seinem neuen Heimatland Fuß, lehrte an der Universität von Ottawa als Professor für Röntgen-Anatomie und veröffentlichte zahlreiche medizinische Studien.

1949 nahm Bohatirchuk erstmals an den kanadischen Landesmeisterschaften teil und wurde Zweiter, 1951 belegte er den 3. Platz, inzwischen schon 59 Jahre alt. Während der Schacholympiade in Amsterdam 1954, an der er als Mitglied der kanadischen Mannschaft teilnahm, wollte die FIDE ihm den Titel eines Internationalen Großmeisters verleihen, doch der UdSSR-Schachverband verhinderte dies. Immerhin wurde Bohatirchuk zum Internationalen Meister ernannt. Er verlegte sich nun mehr und mehr auf das Fernschach und gewann 1963 und 1964 die kanadischen Fernschach Landesmeisterschaften. 1967 erhielt er den Titel eines Internationalen Fernschachmeisters. Auch als Schachtrainer betätigte er sich und nahm den jungen Kanadier Lawrence Day (1949 -) unter seine Fittiche. Day wurde daraufhin Internationaler Meister und spielte an insgesamt 13 Schacholympiaden für Kanada. Auf ihn geht der Hinweis zurück, Boris Pasternak habe sich für seine Figur des Doktor Schiwago im gleichnamigen Roman Fedor Bohatirchuk als Vorbild genommen. Er starb am 4. September 1984 in Ottawa.

Übrigens war Pasternak selber ein ganz guter Schachspieler, wie die nachfolgende Partie belegt:

Alexander Bek  – Boris Pasternak, gespielt in Moskau am 27. Oktober 1947:

1. e 4  S f 6

2. S c 3  d 5

3. e x d 5  S x d 5

4. S x d 5  D x d 5

5. d 3  e 5

6. c 4  D a 5 +

7. L d 2  L b 4    

8. L x b 4  D x b 4 +

9. D d 2  S c 6 

10. D x b 4  S x b 4

11. K d 2  L f 5

12. a 3  S x d 3

13. L x d 3  o – o – o

14. S f 3  T x d 3 +

15. K e 2  T b 3 

16. T h d 1  T x b 2 +

17.  K f 1  f 6

18. T a c 1  T d 8

19. T x d 8 +  K x d 8

20. T c 3  T c 2

21. T b 3  b 6

22. T b 4  T x c 4

23. T x c 4  L d 3 + 0 – 1

Berlin, im August 2026

Beat Rüegsegger