Beat Rüegsegger # 02/26

Konrad Zuse (1910 – 1985)

Der deutsche Computerpionier hat sich zum Schachspiel wie folgt geäußert: „Die Logik des Schachspiels fasziniert mich!“

Zuse baute 1941 den ersten Computer der Welt und das mit sehr geringen Mitteln, während sich die Amerikaner hierbei mit wahren Unsummen abstrampelten. Bevor er seine Z3 baute, bastelte er 1937 die Z1 und 1940 die Z2. Im Sechsjährigen Krieg fand er Verwendung bei der Firma Henschel und konnte 1941 sein eigenes Ingenieurbüro eröffnen. Seine 1945 fertiggestellte Z4 rettete er aus Berlin ins Allgäu, wo er das gute Stück in einer Scheune versteckte. 1949 gründete er die Zuse KG, mit der er bis 1964 versuchte, seine Computer unters Volk zu bringen.

In seinem Buch „Der Computer – mein Lebenswerk“ (1970) schreibt er:

… Nicht lange vor meiner Einberufung hatte ich nur deshalb Schach spielen gelernt, weil ich das Schachspiel für ein Modell hielt, an dem ich den Rechenmaschinenkalkül entwickeln und erproben konnte. Als Soldat hatte ich nun immer ein Reiseschach bei mir. Beim Schachspiel konnte man auf wenig Raum und mit wenigen Elementen eine komplizierte Verflechtung von Bedingungen, Fallunterscheidungen und dergleichen studieren. Ich suchte einen Weg, um die Gesetze des Schachspiels mit Hilfe der mathematischen Logik zu formalisieren, also etwa die Schachmatt-Bedingung für schwarz: „Schwarz ist matt, wenn der schwarze König von mindestens einer weißen Figur angegriffen wird und weder der König auf ein Feld ausweichen kann, welches von keinem weißen Stein angegriffen oder gedeckt wird, noch Schwarz – im Falle, dass der schwarze König nur von einer weißen Figur angegriffen wird – den Angriff dieser Figur abwehren kann, indem Schwarz entweder diese Figur schlägt oder eine eigene Figur dazwischen setzt.“ Meine bereits früher ausgesprochene Vermutung, dass es Rechenmaschinen eines Tages möglich sein müsse, den Schachweltmeister zu besiegen, musste nun sorgfältiger unterbaut werden. Aber bis dahin war noch ein weiter Weg. Selbst heute, nach jahrzehntelanger Entwicklung besonders in den USA, ist dieses Ziel noch nicht erreicht. Man spricht in diesem Zusammenhang von „artificial intelligence“ oder „general problem solving“. Ich selbst prägte damals den Ausdruck angewandte Logistik. Damals war Logistik im deutschen Sprachgebrauch noch identisch mit mathematischer Logik. Immerhin trug also die Militärzeit zur Klärung meiner Gedanken bei. Mein Hauptmann wusste, woran ich arbeitete und stellte mir zeitweise sogar sein Zimmer zur Verfügung, damit ich in Ruhe meinen Studien nachgehen konnte. Eine Zeitlang befasste ich mich auch mit dem Chiffrierproblem. Der Gedanke, die Möglichkeiten des allgemeinen Rechnens mit Bedingungen und Aussagen zur Verschlüsselung von Nachrichten einzusetzen, war mir schon vorher gekommen. Jetzt wurde die Frage für mich aktuell. Ich war nämlich kein begeisterter Soldat. Die freiwillige Ausbildung im Jahr 1933 war nur eine kurze Episode gewesen, und ich drängte mich keineswegs danach, Jahre meines Lebens als Infanterist zu verbringen. In dieser Einstellung unterschied ich mich übrigens kaum von meinen Kameraden. Andererseits hätte ich, wie sie, meine Pflicht getan, wenn es notwendig gewesen wäre. Das Chiffrierwesen erschien mir aber als ein möglicher Ausweg, und tatsächlich konnte ich eine Verbindung zu Doktor Liebknecht im Heereswaffenamt herstellen, der damals für das Chiffrierwesen zuständig war. Ich fertigte einen Entwurf für ein Verschlüsselungsgerät, und die Reaktion war zunächst durchaus positiv. Bald aber gab man mir zu verstehen, dass man bereits über gute Geräte dieser Art verfüge. Gemeint war die Enigma, die man damals für absolut sicher hielt. Bekanntlich sollte sich diese Überzeugung als falsch erweisen; denn in der Tat gelang es den Engländern, die Enigma mit Hilfe eines Colossus genannten elektronischen Gerätes zu entzaubern. Wir wissen heute, dass der schon erwähnte Turing daran großen Anteil hatte. Ich selber habe mich mit dem Problem der Entschlüsselung nie befasst. Mir fehlten dazu die mathematischen Vorsetzungen. Mein Vorstoß in Richtung Chiffrierwesen erwies sich als ein Fehlschlag; aber man zeigte bei Dr. Liebknecht doch so viel Verständnis für meine Lage, dass man mich zu Besprechungen nach Berlin reisen ließ. Auch Schreyer bemühte sich damals vergeblich, die Behörden für unsere Arbeiten zu interessieren. Er schlug vor, eine Röhrenmaschine zu entwickeln, die unter anderem zur Flugabwehr geeignet sein würde. Sie sollte etwa zweitausend Röhren enthalten. Auf die Frage, wie lange er für die Entwicklung wohl brauche, entgegnete er vorsichtig: „Etwa zwei Jahre.“ – „Ja, was glauben Sie denn, wann wir den Krieg gewonnen haben?“, war die Antwort. …

Wilhelm Ludwig Wekhrlin (1739 – 1792)

In „Denkwürdigkeiten von Wien“ (1777) schreibt der deutsche Schriftsteller über den Schachautomaten, den Wolfgang von Kempelen gebaut hat. Hier liest man in zweite Partie im 10. Kapitel Der Schachspieler:

„Im Reiche der Künste besitzt Wien einige Seltenheiten vom ersten Rang. Die Maschinen des Herrn von Kempelen, königlichen Rats bei der Kammer zu Pressburg, erreichen alles, wozu der menschliche Geist gelangen konnte. Sein Schachspieler, die größte Erfindung unsers Jahrhunderts in der Messkunst, ist bekannt. Er erschien damit im Jahr 1768. Sie besteht aus einem Tische, woran eine menschliche Figur sitzt, welche mit jedem, der Lust hat im Schachbrette spielt, das sich auf dem Tische gestellt befindet. Man hat noch kein Beispiel, dass die Figur eine Partie verloren hätte. Sie hat, auch die berühmtesten Schachspieler zur Verzweiflung gebracht. Die Figur, welche in Menschenhöhe ist, scheint nachdenkend, mit dem rechten Arme auf den Tisch gelehnt, zu sitzen. Sie lässt den Spieler so lang nachsinnen als er will. Sobald er gezogen hat, so erhebt sie ihren linken Arm und ergreift einen ihrer Steine. Ist sie im Falle zu schlagen, so berührt sie den Stein des Gegners, welchen es trifft, zum Zeichen, dass man ihn wegtun solle. Tut der Mitspieler einen Zug, der wider die Regel des Schachspiels ist, so nickt sie mit dem Kopfe, und zieht nicht, bis der Fehler verbessert und die Ordnung des Spiels hergestellt ist. Man erstaunt über die Unternehmung des Erfinders, wenn man dieses Spiel kennt. Was für eine Rechenkunst gehörte dazu, nur die unendliche Menge der Verhältnisse und Kombinationen, welche darin liegen, in eine Summe zu bringen, gegeneinander aufzuheben, zu vergleichen und das Produkt auszuziehen! Der Mechanismus des Stücks ist übrigens, wie man sagt, nicht außerordentlich. Hiervon ist auch die Frage nicht. Man spricht bloß vom geistigen Teile der Maschine. Gleichwohl sagte mir ein Künstler, welcher sich unter den Zuschauern befand, dass sich etwas zugegen befände, so in der Hebekunst ganz neu wäre. Es ist, sagte er, dass sich der Arm der Figur in einem Halbzirkel bewegt, wenn sie nach gewissen Steinen greift. Die Mechaniker wussten bisher diese Bewegung nur triangular zu machen. Die Maschine wirkt gänzlich durch sich selbst. Sie erhält nicht den mindesten äußern Einfluss. Niemand steckt darin verborgen. Der Tisch, an welchem sie ruht, hat nicht das geringste Verständnis weder mit dem Fußboden noch mit einer andern Partie des Zimmers. Man kann sie, ohne ihr Wesen im Mindesten zu verändern, selbst mitten unter dem Spiele, von einem Zimmer ins andere übersetzen. Man hatte die Gefälligkeit für uns, sie zu eröffnen, um ihren inneren Bau zu sehen. Eine Menge Röllchen, worüber Saiten gespannt waren, verwirrte meinen Begriff. Es kam mir vor wie eine Reihe Vernunftschlüsse, deren letztes Argument darin besteht, dass die Partie gewonnen ist. Ein Bekannter des Herrn von Kempelen erzählte mir folgende Anekdote von dem Ursprung dieses Meisterstücks. Herr von Kempelen befand sich in der Antichambre zugegen, als Guyot seine berühmten Handgriffe vor dem Hofe machte. Man muss gestehen, rief die Kaiserin aus, indem sie sich zum Herrn von Kempelen wendete, dass uns die Franzosen in diesem Stücke bisher übertroffen haben. „Allergnädigste Frau“, versetzte der Herr von Kempelen, „wenn Eure Majestät geruhen: Die Deutschen könnten wohl noch bessere Dinge, aber es fehlt an zwei Stücken.“ „Geld?“, erwiderte die Monarchin. „Und Zeit“, setzte Herr von Kempelen hinzu. „Gut, ich nehme die Aufforderung an; beides sollen sie haben.“ In der Tat gab die großmütige und in der Beförderung der Künste nie ermüdete Prinzessin dem Herrn von Kempelen ein Billet an die Kammer zu Pressburg. Das Versprechen desselben schien bei Hofe vergessen zu sein, als er unvermutet mit seinem Schachspieler erschien und die Welt in Erstaunen setzte. Man muss gestehen, dass diese Erfindung alles übertrifft, was die Franzosen und alle anderen Nationen bisher in der Maschinenkunst geleistet haben. Die Gesellschaft der Wissenschaften zu Londen bot, wie man sagt, dem Herrn von Kempelen 10‘000 Guineen für das Modell. Dieser Gelehrte arbeitet wirklich an einem neuen Wunderstücke, welches, wie er erklärt haben solle, seinen Schachspieler noch übertreffen wird. Man weiß nicht, was es ist, denn Herr von Kempelen ahmt den Göttern nach. Er arbeitet so lang in der Dunkelheit, bis eine Welt fertig ist. “

Berlin, im April 2026

Beat Rüegsegger