Frauenschach rockt Chemnitz – vom Abenteuer 1. FBL bis zum Chemmy 2026!

Ein Bericht von Norman Thielsch, CSC Aufbau ‘95

Wir, der Chemnitzer Schachclub Aufbau ’95 e. V., sind kein großer Verein – wenngleich im Wachstum befindlich. Wir können nicht auf einen potenten Sponsor oder Mäzen verweisen. Die Spielstärke unserer Mitglieder genügt für den Klassenerhalt in der Sachsenliga. Unsere Spielräume befinden sich im 3.OG einer Berufsschule, Treppen steigen inklusive. Alles im Rahmen, könnte man meinen.

Tja, bis dann plötzlich unsere Frauenmannschaft in die Frauenbundesliga aufsteigt. In einer phänomenalen Saison 2024/2025. Als nach Ratingschnitt Schlusslicht in der 2. Frauenbundesliga, Staffel Ost.

Immer wieder schön anzusehen: Saisonverlauf 2024/2025 der Mausgrauen (Quelle: Das LigaOrakel)

Was nun? Wir hatten uns also erfolgreich gegen den Abstieg in die Regionalliga gestemmt. J Aber wollten wir, unsere Frauen, der Verein, unsere bescheidenen Finanzmittel, in der vielleicht stärksten Frauenliga der Welt antreten? Und wenn ja: Wie?

Das Leben ist nicht dafür da, einfach zu sein. Wohl aber um etwas zu erleben. Parallelen zum Schach? Wie auch immer, unsere Frauen wollten, der Verein wollte, unsere Finanzen… Wir waren dabei! Das größte Highlight unserer Vereinsgeschichte wurde Realität.

Nach dem Aufstieg

Unser Aufstieg blieb nicht unbemerkt. Es meldete sich Matthias Wolf und setzte unsere Mannschaft auf der DSB-Homepage in Szene. Die lokale Presse nahm uns in den Sportteil. Hinzu kam perfekt getimtes Glück: Chemnitz war Kulturhauptstadt 2025. Wir präsentierten uns beim Schach auf dem Rosenhof, die DSJ kam mit Chessy zum Spielmuseum und wir betreuten einen Stand beim Chemnitzer Event Sports United. Unsere Spitzenspielerin WIM Anne Czäczine knüpfte Kontakt zur Emanuel Lasker Gesellschaft. Ein riesiger Gewinn. Der Lasker-Table war ein Publikumsmagnet. Ob live kommentierte Partien in der Fußgängerzone oder intensive Bespielung im Spielemuseum. Schach war da. Für alle, ansprechend, als kultureller Mehrwert. Wir ergatterten sogar einen Werbeaufsteller für unsere Frauenmannschaft und unser zukünftiges Projekt Chemnitzer Schach Cup – schwarzweiß und bunt. Und coole Schach-Shirts für unsere Spielerinnen. Ganz großer Dank an die ELG.

Schach ist cool, der Lasker-Table auch

Und dann war da natürlich das von der ELG finanzierte Simultan mit GM Elisabeth Päthz an 30 Brettern. Ein weiterer kultureller Höhepunkt und Bestandteil der Feierlichkeiten im Rahmen unseres 30-jährigen Vereinsjubiläums. Elisabeth gewann mit 24½ zu 5½ und – bärenstark – ohne Niederlage.

Simultan mit GM Elisabeth Päthz und dem Lasker-Table

Zurück zur Frauenbundesliga

Unsere Frauenmannschaft hatte Verstärkung gesucht, die zu ihr passt: Elina Heutling und Margarethe Wagner als junge, aufstrebende Spielerinnen und WIM Kerstin Kunze als erfahrene Kraft. Der Plan bestand einerseits darin die jungen Talente sehr viel spielen zu lassen und Entwicklungspotenzial zu fördern. Andererseits sollte jede Spielerin unserer Mannschaft mindestens einen Einsatz in der Frauenbundesliga bekommen. Für das Mannschaftsgefühl, als persönliches Schachhighlight und auch als Anerkennung für den Aufstieg. Ergänzend sollten unsere zwei erfahrenen WIMs Anne und Kerstin soweit möglich etwas Halt geben.

Der Plan wurde sehr gut umgesetzt. Es kamen alle angedachten zwölf Spielerinnen zum Einsatz. Unsere 4 Talente ≤ 20 Jahre absolvierten insgesamt 40 Partien in 11 Runden. Und Anne als Mannschaftsleiterin koordinierte nicht nur alles, sondern holte an Brett 1 auch Punkte.

Zu den meisten Bundesligakämpfen reisten wir nicht allein an. Es kamen auch einfach Spielrinnen und Vereinsmitglieder mit, um dabei zu sein, um die Mannschaft mental zu unterstützen und das Erlebnis Frauenbundesliga zu spüren. Zum Finalwochenende waren wir zu dreizehnt vor Ort, obwohl die Stammbesetzung – Chance auf den Klassenerhalt bis zur letzten Runde – durchspielte. Okay, vielleicht war 13 dann doch nicht die ideale Zahl.Am ersten Bundesligawochenende galt es, sich gegen Rodewisch und Bad Königshofen der Realität zu stellen. Es setzte zwei 0-6 Niederlagen. Nicht ganz unerwartet. Uns war im Vorfeld klar, dass jeder (halbe) Brettpunkt in der Frauenbundesliga ein Erfolg sein würde, den wir entsprechend auch zu feiern gedachten. Zu feiern gab es also erstmal nichts. Sogar ein Turmendspiel mit Mehrbauer wurde noch verloren, allerdings durch ein taktisches Übersehen im Gewinnbestreben.

Unser Team am ersten Bundesligawochenende: fröhlich aber noch ohne Glück

Inspirierend hingegen unser Reispartner SC Kreuzberg (ebenfalls aufgestiegen und ebenfalls als Abstiegskandidat gehandelt), der in der zweiten Runde gegen Rodewisch gewinnen konnte. Zumal Kreuzberg auch mit eigenen Nachwuchsspielerinnen antrat. Eine sehr sympathische Mannschaft.

An dieser Stelle seien ein paar persönliche Gedanken zu den Mannschaftsaufstellungen in der Frauenbundesliga eingeschoben:

Wenn die Mannschaftsaufstellung eine ausgeprägte Vereinsbindung erkennen lässt, ist das natürlich eine schöne Sache. Wenn Nachwuchs aus eigenen Trainingsgruppen zum Einsatz kommt natürlich noch besser. Ich denke, das ist ein stückweit auch Sinn der Frauenbundesliga.

Auf der anderen Seite, ist es gerade für diese Teams etwas Tolles, gegen Profispielerinnen antreten zu dürfen. Gegen Vereine, die auch am letzte Brett noch eine WGM aufbieten. Deren Spielrinnen international in einer Vielzahl von Ligen antreten. Das Engagement solcher Spielerinnen mag manchmal etwas zweckorientiert wirken. Aber es macht eben auch ganz entscheidend den Reiz der Liga aus. Es fördert das Profischach und strahlt in gewisser Weise positiv nach unten.

Geld ist natürlich ein entscheidender Faktor. Aber es geht meines Erachtens in Ordnung, dass manche Teams insoweit mit ganz anderen Möglichkeiten und Zielsetzungen zusammengestellt werden. Denn wie gesagt, profitieren auch die „Selfmadeteams“ davon. Chance auf die Partie des Lebens, Inspiration und Ansporn.

Wichtig scheint mir der gegenseitige Respekt. Und eine gewisse, sich im Rahmen des angemessenen bewegende Ausgewogenheit. Die Frauenbundesliga ergibt weder als reine Geldschlacht Sinn, noch wären ausschließlich lokale Teams attraktiv. Schade ist es zudem, wenn die Finanzen besonders in den letzten Runden im gesicherten Mittelfeld zu dominanten Aufstellungskriterien werden und dadurch den Abstiegskampf beeinflussen.

Und eines ist mir noch aufgefallen: In der Mannschaftsleitersitzung waren lediglich die drei Aufsteiger durch Frauen vertreten. Aktive Spielerinnen mussten – überraschenderweise – während ihrer laufenden Partie passen. Also eher ein Männerclub, der über die Frauenbundesliga bestimmt. Und ja, auch der Schreiber dieser Zeilen hätte besser zum Thema passen können. Für das signifikante Verlassen der 10%-Grenze muss sich noch viel ändern.

Das zweite Bundesligawochenende führte uns ins erlebnisreiche Berlin. Und hier gab es etwas zu feiern! Unsere ersten beiden Bretter gewannen gegen Baden-Baden. WIM Anne Czäczine und Elina Heutling gewannen gegen GM Elisabeth Päthz und IM May Narva. Zwei Mal 2400+ besiegt. Chance auf die Partie des Lebens… – Genutzt!

Zweimal Grund zum Feiern

Und in der anschließenden vierten Runde holten wir gegen Freiburg-Zähringen unseren ersten Mannschaftssieg. Das 5-1 hätte sogar noch höher ausfallen können. Jetzt waren wir in der Frauenbundesliga angekommen. Die Mannschaft war stolz. Die Fans auch. Abgedruckte Partien in Schachzeitschriften. Positive Presse. Glück allerorten.

Dieser Erfolg kam gerade richtig, vor unserem Heimwochenende. Lange geplant und richtig Mühe gegeben. Die Firma Heinrich Schmid konnte als Sponsor gewonnen werden, stellte einen sehr schönen Tagungsraum zur Verfügung und auch lässige Trainingsjacken. DSB und ELG präsentierten wir auf den Mannschaftsshirts. Die Liveübertragung der Partien stand. Viele Vereinsmitglieder packten mit an, sorgten fürs Buffet und eine Rundumbetreuung. Sogar ein Getränkesponsor ward akquiriert.

Die Live+15min-Kommentierung vor Ort wurde rege besucht und zwar – Sensation – nicht nur von Vereinsspielern. Es war richtig etwas los. Manche munkeln sogar von Publikumsverkehr. Auf den Brettern mussten wir gegen Schwäbisch Hall unser drittes 0-6 einstecken. Dieser Rekord gehörte uns. Aber hier war tatsächlich schon deutlich mehr drin als beim Auftaktwochenende.

Heimteam mit guter Laune vor dem dritten 0-6 (zu neunt)
Heimteam mit guter Laune nach dem dritten 0-6 (jetzt verstärkt auf 10)

Momente auf den Brettern: Mit Weiß und Schwarz hätten ruhig mehr als null Punkte rausspringen können

Am Sonntag lief es schachlich gegen Deizisau nur etwas besser: 1½ zu 4½. Und hier war noch viel mehr drin. Brett 1, 4 und 5 hätten gern auf die Siegerstraße abbiegen können, statt allesamt zu verlieren. Andererseits waren die tatsächlich erzielten 1½ Punkte, vorsichtig umschrieben, mega glücklich, besonders der Sieg. Einen wichtigen Fingerzeig stellte unser erstes Remis dar: 107 Züge. Ja, die Frauenmannschaft wollte Schach spielen. Und alles auskämpfen.

Abgerundet wurde dieses wunderbare Wochenende durch ein gemeinsames Abendessen zu dem auch unser Reisepartner SC Kreuzberg, die Schiedsrichtern und Vereinsmitglieder eingeladen waren.

Das vierte Bundesligawochenende führte uns nach Hamburg. Wir sahen das erste Mal bei einem Curling-Wettkampf zu. Ein faszinierendes Erlebnis. Leider verlor das Team von Heinrich Schmid trotz eines 5er Ends. Solchermaßen inspiriert zeigte sich unsere Frauenmannschaft am Samstag in Höchstform und kam mit dem nötigen Glück gegen TuRa Harksheide zu einem 3½ zu 2½ Überraschungssieg. Huch, das war nicht eingeplant. Tags darauf lief es gegen Hamburg dann wieder planungskonsistent: 1½ zu 4½.

Gemeinsames Abendessen nach dem Überraschungserfolg – indisch passt ja zum Schach

Wie würde das Finalwochenende in Bad Königshofen für unsere Heldinnen laufen? Es gab tatsächlich eine realistische Chance auf den Klassenerhalt.

Plan A: Die Mannschaft gewinnt am Freitag gegen Kreuzberg und versucht dann mit der besten Besetzung noch einen Mannschaftspunkt gegen Solingen oder Hemer zu erkämpfen.

Plan B: Kreuzberg holt sich verdiente 2 Mannschaftspunkte gegen uns und wir lassen diese denkwürdige Saison, mit erlebnisreichen Partien von allen, freudestrahlend ausklingen.

Es wurde Plan A. Wir gewannen gegen Kreuzberg recht deutlich 4½ zu 1½. Leider war Kreuzberg damit abgestiegen. Und wir… benötigten nur noch einen überragenden Wettkampf. Dennoch hielten sich die Erwartungen in den der Realität angemessenen Grenzen. Jedenfalls war klar, es würde nur als Mannschaft klappen. Und nur wenn sich alle wohl fühlen. Wann, wenn nicht jetzt, galt es zusammenzurücken?

Zusammen Schach spielen, zusammen Unsinn machen, zusammen lachen – wichtig ist das Zusammen

Nun, es klappte leider nicht. Zwei hohe und gerechtfertigte Niederlagen (½ zu 5½ sowie 1 zu 5) bedeuteten den Abstieg in die 2. Frauenbundesliga. Schade, ja. Aber auch wahnsinnig toll. Eine Zeit, die die Spielrinnen und Vereinsmitglieder nicht mehr vergessen werden. Und wer weiß, vielleicht gelingt ja nochmal der Gang nach ganz oben. Spielstärke wurde hinzugewonnen. Mannschaftsgeist auch. Und unsere Frauen sind nun auch keine Neulinge mehr. Haben schließlich Bundesligaerfahrung.

Alle sieben Spielrinnen, die mehr als eine Partie bestritten, können auf mindestens einen Sieg verweisen. Darunter 1x gegen GM, 2x gegen IM und 2x gegen WGM. Das ist besser, als vor der Saison erträumt. Dazu die drei Mannschaftssiege. In der Saison 2024/2025 hätte das zum Klassenerhalt gereicht. Unsere Frauenmannschaft wurde sogar überraschend mit einem Chemmy geehrt, dem Preis für die beste Amateurmannschaft des Jahres aus Chemnitz, auch Chemmy der Herzen genannt. Frauenschach gewann die Abstimmung der Freien Presse vor American Football und Volleyball.

Freudig verblüffte Überraschung bei der Verleihung des Chemmys (Foto: René Hudl, Freie Presse)
Schach auf der Bühne, zusammen mit Vizeweltmeister, Europameisterin und Bundesligabasketballern (Foto: Jörg Riethausen, exclusiv events)

Was wir mitnehmen, neben wunderbaren Erinnerungen, sind auch neue Projekte. Schach wurde schon zwei Mal für Veranstaltungen angefragt, wird in Chemnitz nunmehr als sportlich kulturelle Bereicherung wahrgenommen. Und wir werden im August die erste Auflage unseres Frauenturniers Chemnitzer Schach Cup – schwarzweiß und bunt ausrichten (Link zu den Veranstaltungsinformationen: https://bauernsturm.de/veranstaltungen/).

Die gewonnenen Kontakte und Erfahrungen bieten neue Möglichkeiten. Wir werden keine Profis nach Chemnitz holen können. Ein Lottogewinn war nicht Bestandteil der Saison. Aber wie wir erleben durften, ist Geld nicht alles. Um Begeisterung zu wecken, Schach zu präsentieren und unsere Stadt kulturell zu bereichern braucht es vor allem gemeinsame Werte und Herz.