Fake and Fiction
„Wie soll ich einen Mann respektieren, der nicht einmal Schach spielen kann?“ Dieser wunderbare Satz stammt nicht von Emanuel Lasker, sondern von der Schachspielerin Kelly Atkins. Ich habe ihn in der Sammlung der schönsten Schachzitate auf der Website des Schachclubs Donaueschingen gefunden und natürlich sofort versucht, Näheres über Frau Atkins in Erfahrung zu bringen, denn das muss ja eine tolle Frau sein, die einen solchen Satz der Männerwelt entgegenschleudert: Schach spielen können als minimale Voraussetzung für Respekt. Das ist schon starker Tobak! Aber sie hat natürlich Recht. Schach gehört zwar nicht zu den universitären sieben freien Künsten, aber Schach springt irgendwo im Dreieck zwischen Kunst, Wissenschaft und Sport herum. Das ist nicht nur zu respektieren, das kann man auch estimieren. Dazu bedarf es allerdings gewisser Vorkenntnisse. Leo Tolstoi schrieb: „Ich bedaure jeden, der das Schachspiel nicht kennt. Bringt es schon dem Lernenden Freude, so führt es den Kenner zu hohem Genuss.“ Selbstverständlich auch die Kennerin. Man muss nicht das Brett im Kopf haben, obwohl es dort besser aufgehoben ist als vor dem Kopf. Man muss auch nicht die Notation einer eben gespielten Blitzpartie herunterrattern können. Schachkultur kommt unaufgeregter daher. Jonathan Rowson eröffnet uns eine Perspektive: „Schach ist eine Feier existenzieller Freiheit.“ In der künstlich erzeugten Zeitnot einer Bullet-Partie mit 60 Sekunden Bedenkzeit kann sie sich zum sinnlosen Exzess steigern, aber eine freie Partie hat durchaus ihre kontemplativen Momente. Schach – mit Verstand gespielt – ist eine wunderbare Sache. Mit Schach hält sich der Terminator wach und er schärft seine Konzentration, versichert uns Arnold Schwarzenegger. Schach ist das Spiel, das die Verrückten gesund hält, hat Professor Einstein diagnostiziert. Vielleicht hat er diese Erkenntnis bei einem der gemeinsamen abendlichen Spaziergänge auch einem skeptisch dreinblickenden Emanuel Lasker anvertraut. Lasker und Einstein wohnten beide in Schöneberg. Man schätzte sich. Die Voraussetzungen dazu waren gegeben, und wo Dissens herrschte, trat vermutlich Respekt auf den Plan. Wie gesagt, der wunderbare Satz „Wie soll ich einen Mann respektieren, der nicht einmal Schach spielen kann?“ stammt nicht von Lasker. Leider auch nicht von Frau Kelly Atkins. Bei meiner Suche nach ihr, bin ich nur auf einen Mr. Kelly Atkins Senior Editor von Chessville.com gestoßen. Schade, eigentlich. Man sollte das Zitat einfach Beth Harmon aus „Queens Gambit“ zuschreiben. Könnte gut sein, dass es dann in der nächsten Staffel von der wunderbaren Anya Taylor-Joy einem Schachspieler der misogynen Sorte am Brett serviert wird!